Würselen: Wie organisierte Zigarettendiebe Existenzen gefährden

Würselen: Wie organisierte Zigarettendiebe Existenzen gefährden

Als sie ihm das letzte Mal die Zigaretten aus dem Laden gestohlen haben, hat der Notarzt Wilfried H. zum Psychiater geschickt. H. hatte die Beherrschung verloren, es war ja nicht das erste Mal, dass ihm die zigtausend Zigaretten gestohlen wurden, die im Regal seines Würselener Schreibwarenladens ausliegen.

Er zeterte, er wetterte, er fragte, warum die Polizei ihn nicht besser beschützen würde. Die Polizisten hatten auch keine richtige Antwort, und dass H. sich schon eine Woche vorher so sehr aufgeregt hatte, dass er mit Verdacht auf Herzinfarkt ins Klinikum gebracht wurde, hat damit zu tun, dass es nach dem sechsten Einbruchdiebstahl um seine Existenz geht, die er mit dem Laden eigentlich sichern wollte, als er ihn vor drei Jahren eröffnete.
Soldat, Ingenieur, Ladenbesitzer

Wilfried H. ist nicht der einzige unter den Kiosk-, Supermarkt- oder Schreibwarenladenbesitzern der Region oder richtiger: der ganzen Republik, der sich über ständige Zigarettendiebstähle aufregt. Allein in Aachen und dem Gebiet des früheren Kreises Aachen registrierte die Polizei zwischen Januar und Ende August dieses Jahres 253 Fälle, in denen Diebe teils für mehrere tausend Euro Zigaretten stahlen. Im selben Zeitraum 2011 waren es zwar noch 377 Fälle. Doch obwohl die Aufklärungsquote von 17 Prozent 2011 auf fast 28 Prozent 2012 stieg, ist klar: Die meisten Zigarettendiebe kommen davon - und bringen Kleinunternehmer wie Wilfried H. in große Not.

Nach Auskunft des Landeskriminalamtes (LKA) werden die meisten Zigarettendiebstähle, die über den bloßen Ladendiebstahl hinausgehen, von Banden begangen. Im Internet war bis vor kurzem ein Video der rumänischen Polizei zu sehen, das zeigte, welche Energie Banden aufwenden, um an möglichst große Mengen Zigaretten zu kommen.

In dem Video wurde gezeigt, wie eine rumänische Bande versuchte, aus einem fahrenden Auto heraus die gesamte Zigarettenladung im Wert von etwa 400.000 Euro aus einem fahrenden Lkw zu stehlen - und dieser Versuch war keine Ausnahme. In anderen Fällen wurden Lkw gekapert oder auf Rastplätzen aufgebrochen, nachts Supermärkte aufgesprengt, um an Zigaretten zu kommen. Oder es werden reihenweise Kioske oder Schreibwarenläden wie der von Wilfried H. aufgebrochen.

H., 64, war 15 Jahre lang Zeitsoldat, hat danach in Aachen studiert und als Ingenieur gearbeitet, mit Mitte 50 wurde er in den Vorruhestand versetzt. Einige Jahre lang baute er mit seiner Frau an einem Bauernhof in Ostbelgien herum, doch als die Finanzkrise kam, beschloss er, neben der Rente noch etwas verdienen zu wollen, man weiß ja nie. 2009 kaufte er den Schreibwarenladen in Würselen, im November 2011 zog er mit dem Laden von der unteren Kaiserstraße ein Stück weiter die Straße rauf, da begannen dann die Einbrüche.

Beim ersten Einbruch, am 21. November 2011, nahmen die Diebe Zigaretten im Wert von etwa 10.000 Euro mit. Ebenso am 24. April, am 3. Mai, am 27. Juli und am 31. August, am 7. September war der Schaden geringer, etwa 1600 Euro. Es gab noch zwei Einbruchsversuche, bei denen es die Diebe aber nicht in H.s Laden schafften.

Insgesamt stahlen die Diebe Zigaretten im Wert von knapp 52.000 Euro, außerdem musste H. 5000 Euro für Reparaturen am Tresor und an diversen Türen und Fenstern ausgeben, dazu 5600 für ein neues Alarmsystem. Und zu guter Letzt kündigte ihm erst die eine, dann eine andere Versicherung, die den größten Teil seines Schadens ersetzt hatten. Es dauerte Wochen, bis H. wieder eine Versicherung gefunden hatte, die ihn aufnahm. Wegen des ganzen Stresses war Wilfried H. vorübergehend in psychologischer Behandlung.

Wie groß der Schaden ist, der dem deutschen Einzelhandel durch Zigarettendiebe entsteht, lässt sich nicht einmal vermuten, da es zwar Diebstahl- und Einbruchstatistiken gibt, die aber nicht zwischen dem Diebesgut differenzieren. Ob Radiergummis, Alkohol oder Zigaretten gestohlen werden, ist der Statistik bislang egal. Weder Landes- noch Bundeskriminalamt haben die geringste Ahnung, wann aus Zigarettendiebstahl ein Bandendelikt wurde und warum genau. Ähnlich wie die Landesverfassungsschutzämter in der NSU-Affäre verweist ein LKA auf das andere und ans BKA - und das BKA verweist ans LKA.

Nur Vermutungen

Mehr als die Vermutung, dass der Zigarettendiebstahl für Banden wahrscheinlich desto interessanter werde, je teurer die Zigaretten würden, ist nicht in Erfahrung zu bringen. Auch wo und wie die gestohlenen Zigaretten verkauft werden, wissen LKA und BKA nicht. Ob die Ahnungslosigkeit der übergeordneten Behörden ein Grund dafür ist, dass es für die Polizei so schwer ist, Zigarettendiebstahl effektiver zu bekämpfen?

Wilfried H. hat der Polizei und dem Würselener Bürgermeister erklärt, er fühle sich vom Staat im Stich gelassen, aber viel gebracht haben die Gespräche nicht. H. hofft, dass stattdessen sein neues Alarmsystem dafür sorgt, Einbrüche zu verhindern. Bis er die Kosten für die Alarmanlage wieder verdient hat, sagt H., muss sein Laden über längere Zeit einigermaßen ordentliche Umsätze machen.

Der Handel mit nicht versteuerten Zigaretten in Deutschland

Der deutsche Zigarettenverband in Berlin vermutet, dass gestohlene genau wie geschmuggelte Zigaretten auf Flohmärkten, Parkplätzen vor Supermärkten und durch fliegende Händler verkauft werden. Etwa 110 Milliarden Zigaretten werden pro Jahr in Deutschland geraucht, davon sind etwa 23 Milliarden nicht versteuert, also gestohlen oder illegal eingeführt.

In Nordrhein-Westfalen sind knapp 14 Prozent der jährlich gerauchten Zigaretten gestohlen oder illegal eingeführt, in Berlin etwa jede zweite. Insgesamt beträgt der Anteil der nicht versteuerten Zigaretten in Deutschland 20 Prozent. Dem Fiskus entsteht dadurch ein Schaden von vier Milliarden Euro.

Allein in Polen sind im vergangenen Jahr etwa 50 Fabriken geschlossen worden, die illegal Zigaretten hergestellt haben, die für den europaweiten Schmuggel hergestellt wurden.

In Ländern, in denen die Zigaretten billiger sind, sei Zigarettenschmuggel ein nicht annähernd so großes Problem wie in Deutschland oder England, sagt Peter Königsfeld, Sprecher des deutschen Zigarettenverbandes.

Zigarettendiebe oder -schmuggler werden meist nicht gefasst. Laut Zigarettenverband können die meisten dieser Straftäter entkommen, vor allem die vom Ausland aus operierenden Organisatoren.