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Fettdonnerstag in Köln: Wie man in Kriegszeiten jeck sein kann

Fettdonnerstag in Köln : Wie man in Kriegszeiten jeck sein kann

Trotz Krieg in der Ukraine und Corona eröffnet das Rheinland den Straßenkarneval. Es gehe nicht anders, sagen die einen. Hochgradig widersprüchlich, finden die anderen. Eindrücke aus Köln - einer Stadt, in der an Karneval andere Logiken gelten.

Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker steht mit betretener Miene vor einer bunt gesprenkelten Wand, auf der in großen Lettern „Alles hät sing Zick“ zu lesen ist. Es ist das Motto des diesjährigen Karnevals. Auf Hochdeutsch heißt es: Alles hat seine Zeit. Klingt nach Bibel, ist aber auch ein bekanntes örtliches Lied - perfekt für das katholische Köln. An einem Tag wie diesem ist der Spruch allerdings geeignet, Betrachter ins tiefe Grübeln zu stürzen. Ist gerade wirklich Zeit für all das? Für Karneval?

„Mir ist wirklich nicht zum Feiern zumute“, sagt Reker. Aber: „Weder ich noch das Festkomitee können und wollen den Karneval absagen.“ Das bedeutet: Der Straßenkarneval wird gleich offiziell eröffnet, mit großem Trara und Konfetti-Kanonen. Während Russland - mit echten Waffen - in die Ukraine marschiert.

Monatelang hatte sich Köln mit der Frage beschäftigt, ob die Corona-Pandemie in diesem Jahr Karnevalsfeiern erlauben wird. Das Ergebnis war die Einrichtung einer „Brauchtumszone“ (heißt wirklich so), in der Feiernde auch im Freien einen entsprechenden Impfstatus (2G-plus) vorweisen können müssen, um weiter schunkeln zu dürfen. In den Kneipen brauchen auch Geboosterte einen aktuellen Schnelltest.

Am Morgen ändert sich die Gemengelage aber grundlegend. Noch bevor die erste Karnevalsschminke aufgetragen ist, vermeldet das Radio eine Eilmeldung nach der anderen: Putin greift die Ukraine an. Und natürlich fragen sich sofort viele, ob Prosecco und Polonaise einfach so weiter laufen können, wenn Krieg in Europa ausbricht.

Das Argument des organisierten Karnevals ist: Man kann es gar nicht absagen. Dafür sei Karneval in Köln viel zu sehr in Fleisch und Blut, er werde überall gefeiert, in Kitas, in Altenheimen. Der Sprecher der Kölner Festkomitees, Michael Kramp, zieht als Vergleich das Münchener Oktoberfest heran: „Wenn man zu der Entscheidung kommt, das Oktoberfest sollte nicht stattfinden, aus welchen Gründen auch immer, ob Corona oder eine Kriegssituation oder Ähnliches, dann baut man es halt einfach nicht auf“, sagt er. Karneval aber sei „dezentral“.

Gleichwohl kann man sich schon fragen, warum es einen offiziellen Empfang und eine offizielle Eröffnung vor dem Rathaus geben muss, bei der Männer in Karnevalsuniformen mit Spielzeugwaffen parat stehen. Minütlich werden an diesem Tag widersprüchliche Emotionen produziert.

Gut zu sehen ist das im Rathaus, in dem das Dreigestirn - Männer in Prinz-, Bauer- und Jungfrau-Kostüm - vor Mett-Happen sitzt. „Es ist nicht einfach, den Hebel umzulegen bei solchen Ereignissen“, gibt Prinz Sven I. zu. „Aber wir sind es auch den Jecken in dieser Stadt schuldig, ihnen ein wenig Freude zu bereiten.“

Oberbürgermeisterin Reker bemüht sich, die diffizilen Unterscheidungen zu erläutern, die sie vorgenommen hat. Sie wolle das Brauchtum wertschätzen, sagt sie. Aber fröhlich kostümiert ist sie - anders als sonst - nicht. Irgendwann wird ihr dann aber feierlich eine Trommel überreicht, auf die sie dann auch pflichtbewusst einschlägt, ohne dass man große Freude erkennen könnte.

Überhaupt ist das Thema Musik kompliziert. Störend seien heute sicherlich Karnevalslieder, „die weniger nachdenklich sind“, sagt Reker. „Die also nur Humba-Humba-Täterä ausstrahlen.“ Aber: Es gebe auch Karnevalslieder mit reflektierendem Inhalt. „Und die würde ich heute - wenn man meint, Musik zu spielen - im Vordergrund sehen.“

Von anderer Seite wird der Karneval geradezu zu einer Art Fanal gegen Putin gedeutet. Die lokale Karnevalssängerin Marita Köllner ruft zwischen zwei Liedern: „Karneval ist die größte Friedensbewegung der Welt!“ Auch Festkomitee-Sprecher Kramp sagt, es sei seiner Meinung nach ein falsches Signal, sich „von einem Despoten in Russland vorschreiben“ zu lasen, wann man zu feiern habe. Einige Stunden später sagt das Festkomitee dann das für Montag geplante Rosenmontagsfest mit einem Umzug im Stadion ab.

Und der Otto Normalkarnevalist? Mats ist 25, Student und hat sich als Stewardess verkleidet. Er hat das mit der Ukraine am Morgen mitbekommen. „Das schwirrt auf jeden Fall im Kopf mit“, sagt er. Aber die Stimmung, die trübe das nicht gänzlich. Hat er Lust auf Karneval? Er sagt: „Richtig Bock drauf!“

Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) hat unterdessen seine seine Karnevalssendung zu Weiberfastnacht mit Liveschalten aus Hochburgen wie Köln und Düsseldorf vorzeitig abgebrochen. Die Sendung im WDR Fernsehen endete bereits um 14.00 Uhr statt wie ursprünglich geplant um 18.00 Uhr. Der Radiosender WDR 4 stellte die geplante Live-Strecke zum Karneval am Morgen ein.

Der Lokalsender Radio Köln änderte sein Programm und sendete seit 8.00 Uhr keine Karnevalsmusik mehr. „Wir können nicht über den Krieg berichten und drumherum Karnevalsmusik senden“, sagte Chefredakteurin Claudia Schall.