Aachen: Wie ein Aachener das Spazierengehen professionalisieren will

Aachen: Wie ein Aachener das Spazierengehen professionalisieren will

Spazierengehen entschleunigt, entspannt, und dabei kommt keine Langeweile auf. „Ich mag es einfach zu laufen“, sagt Jens Eike Krüger. Aber sonntägliche Spaziergänge und gelegentliche Runden reichen dem 27-Jährigen nicht. Er will das Spazierengehen professionalisieren. Dafür hat sich der Student vorgenommen, 10.000 Stunden unterwegs zu sein.

So viel braucht es nach Angaben des US-amerikanischen Psychologen Anders Ericsson, um in einer Disziplin Profi zu werden.

Der Plan: Krüger will 10.000 Mal spazieren gehen — und das in Begleitung einer anderen Person. Im Januar hat er das Projekt begonnen. Wenn er es schafft, sich täglich für eine Stunde mit einem neuen Begleiter zu treffen, ist er 2044 fertig.

Das Projekt ist Teil von Krügers Masterarbeit. Der gebürtige Aachener ist Cartoonist, Mitglied eines Künstlerkollektivs und studiert in Bochum Theaterwissenschaft. Draußen in der Natur zu sein, gehörte schon immer zu seinem Alltag. Für seine Abschlussarbeit beschäftigt er sich nun mit der Praxis des Gehens in der Kunst und bezeichnet seine Herangehensweise als eine Art empirische Sozialforschung. Wie wirken sich Wetter und Weg auf den Spaziergang aus? Wie ist es, mit so vielen Menschen eine Stunde lang unterwegs zu sein? Macht es einen Unterschied, ob es Fremde oder Freunde sind? Wo hört der Spaziergang auf, und wo beginnt die Wanderung?

Zur Vorbereitung hat sich Krüger ein Paar Birkenstocksandalen und halbhohe Wanderschuhe gekauft. Außerdem ein einfaches Handy, auf dessen Klingeln er mit „Hallo, hier ist das Spaziergang-Telefon“ antwortet. Die Nummer verbreitet er mit Visitenkarten und online, damit möglichst viele Menschen von seinem Projekt erfahren und einfach ein Treffen verabreden können.

Anfangs lief es schleppend, inzwischen gab es tatsächlich schon 36 Spaziergänge, aber Krüger ist optimistisch: „Es melden sich immer wieder neue Leute.“

Niemandem erteilt der angehende Spaziergang-Profi eine Absage. Das Alter, der Beruf oder das Spaziergangtempo spielen keine Rolle. Er hat sich schon mit einem Manager, einem pensionierten Lehrer, einer Dame mit ihren zwei französischen Bulldoggen und einem Billard-Bundesligisten getroffen. Jeder, der mit ihm unterwegs ist, trägt sich zu Beginn in ein dickes, schwarzes Notizbuch ein: Name, Treffpunkt, Datum und Uhrzeit.

Anfangs war Krügers größte Sorge, dass er sich mit seinen Spazierbegleitern nichts zu sagen hat. Die Angst ist mittlerweile verflogen. „Was all meine Begleiter eint, ist ihre Offenheit“, sagt er. Denn jemand, der sich nicht unterhalten möchte, würde ihn wahrscheinlich nicht anrufen. „Die meisten wollen einfach einen Anlass für einen Spaziergang“, sagt Krüger.

So unterschiedlich wie die Menschen sind auch die Gespräche. Nach dem Spaziergang mit dem Billardspieler hatte Krüger das Gefühl, er habe nun Expertenwissen auf dem Gebiet. Andere Menschen erzählen schon nach kurzer Zeit sehr persönliche Details und von Gedanken, die sie beschäftigen. Dann hat er ein offenes Ohr.

Die Schritte der Spaziergänge zählt Krüger nicht. Was für ihn zählt, ist die Zeit, die er mit seinen Begleitern verbringt. Nach einer Stunde piept die Uhr, die an seinem Gürtel klemmt. „Manchmal enden die Spaziergänge, und wir haben über das Spazierengehen als solches gar nicht gesprochen“, sagt Krüger. Es sei die Beiläufigkeit, die entspanne und es einfach mache, beim Spazierengehen ins Gespräch zu kommen.

Die Routen sind immer neu. Entweder hat Krüger eine Idee, wo es langgehen könnte, oder derjenige, der ihn eingeladen hat, schlägt einen Weg vor. „Oft werde ich gefragt: Wo kann man gut gehen? Natürlich überall“, sagt er. Egal ob Waldweg, Bürgersteig an der Landstraße, in der Stadt oder im Wohngebiet, Krüger lässt sich auf alle Vorschläge ein.

Bisher haben die Treffen in NRW stattgefunden. Aber Krüger hat auch schon Einladungen nach Berlin oder sogar in den Sudan bekommen. Nach Afrika wird er vermutlich nicht reisen, aber Krüger ist bereit, auch außerhalb von NRW spazieren zu gehen. „Wenn ich demnächst noch mal in Berlin bin, melde ich mich bei demjenigen“, sagt er. Kanutouren oder mehrtägige Wanderungen hat er allerdings abgesagt. Er wolle sich wirklich auf das Spazierengehen fokussieren.

Lässt sich Spazierengehen überhaupt professionalisieren? Auf diese Frage hat Jens Eike Krüger noch keine Antwort. Aber er findet schon, dass er besser wird. „Nach fast 30 Spaziergängen mit Fremden merke ich einen Unterschied“, sagt er. In Unterhaltungen spreche er besonnener, kann sich einfacher auf die Bewegungen seiner Begleiter einstellen und hält Schweigen besser aus.

Mit 10.000 Spaziergängen hat sich Krüger ein ambitioniertes Ziel gesetzt. Um seine Abschlussarbeit darüber zu schreiben, will er mindestens im dreistelligen Bereich sein. „Es ist ein Mammutprojekt, aber ich sehe keinen Grund aufzuhören“, sagt er. Es sei wichtig, sich hohe Ziele zu setzten. „Wenn ich bis zum Ende meines Lebens 4000 statt 10.000 Spaziergänge geschafft habe, ist das auch okay“.