Menschenhandel in der Region: Wie Dutzende junger Künstler jahrelang ausgebeutet wurden

Menschenhandel in der Region : Wie Dutzende junger Künstler jahrelang ausgebeutet wurden

John V. aus Düren soll Kopf einer Menschenhändlergruppe sein. Jahrelang habe er junge Künstler, zumeist aus Simbabwe, vermittelt und zugleich massiv ausgebeutet. Drei von rund 60 Opfern erzählen ihre Geschichte.

John V.* hat in den vergangenen Jahren eine Menge Geld mit Konzerten und anderen Shows verdient. Genau genommen war es zu viel Geld, und deshalb sitzt der Simbabwer in Untersuchungshaft. John V., 51, wird Menschenhandel vorgeworfen.

In dem Fall heißt das: Der in Düren lebende Mann, der auch eine Rolle im gesellschaftlichen Leben Eschweilers spielt, soll junge Musiker und Artisten ausgebeutet haben, indem er den größten Teil ihrer Gage einbehalten hat. Dafür holte er talentierte Künstler aus dem Ausland in die Aachener Region, in der Regel aus seiner Heimat Simbabwe. So wie Tinashe, Tawanda und Cliff, alle Mitte 20, alle aus der Hauptstadt Harare. Auf ihren Aussagen beruht diese Geschichte.

Dass etwas mit ihrem Agenten John V. nicht stimmt, haben sie schon im Dezember 2017 vermutet, aber erst am 10. Juli 2019 konnten sie sich von ihm lösen. An dem Tag wurde John V. bei einer Razzia festgenommen; die Bundespolizei hatte an dem Tag mehrere Gebäude rund um Aachen, in Düren und Eschweiler durchsucht.

In Eschweiler wurden nach Angaben der Bundespolizei wahrscheinlich Frauen, die zu dem besagten Opferkreis gehören, zur Prostitution gezwungen.Eine Razzia gab es außerdem in einem Zirkus in Ludwigshafen. Auch in Bonn und Berlin waren Beamte im Einsatz.

Tinashe, Tawanda und Cliff sollen nur drei von gut 60 Opfern sein, die auch aus Osteuropa stammen, wie die Staatsanwaltschaft Aachen bislang herausgefunden hat. Abgesehen von John V. ist noch eine 62-Jährige in Untersuchungshaft. Nähere Angaben, außer dass bislang 17 Personen verdächtigt werden, macht die Staatsanwaltschaft nicht.

Eine eigene Wohnung in Düren

Heute leben Tinashe, Tawanda und Cliff in eigenen Wohnungen in Düren. Lange Zeit aber haben sie auf engstem Raum mit insgesamt 14 Künstlern – vier Frauen, zehn Männer – aus Simbabwe im großen Haus von John V. gewohnt. Dafür mussten sie nichts bezahlen, auch sämtliche Nebenkosten, Essen sowie ihre Visa und die Flüge nach Deutschland hat ihr Agent bezahlt. Nur Auftritte hat John V. ihnen selten besorgt, und wenn doch, war die Gage gering. „Er hat uns kein Geld gegeben, nur Versprechungen. Darauf haben wir vertraut. Wir hatten ja sonst keinen Kontakt in Deutschland“, sagt Tawanda. Dabei fing ihre Zeit in Deutschland gut an, als sie im November 2017 hier ankamen, für Dezember hatte John V. ein Festival in Saudi-Arabien für zehn Künstler arrangiert.

Für die Show haben sie ein paar Hundert Euro bekommen – John V. ein Vielfaches mehr: mehr als 70.000 Dollar. Die ganze Show habe an die 100.000 Dollar gekostet, alleine 25.000 Dollar entfielen auf Visa, Flüge und andere vorbereitenden Ausgaben. So schildert es Tawanda, der zufällig die Rechnung gesehen habe, als eine Festival-Managerin sie erbost der Gruppe gezeigt habe, weil nur neun anstatt der gebuchten zehn Künstler auftauchten. Bei dem einen lukrativen Auslandsauftritt sollte es nicht bleiben, habe John V. den Musikern versprochen. „,Macht euch keine Sorgen‘, hat er uns gesagt. Er hatte angeblich noch mehr geplant, zum Beispiel in Japan“, erzählt Tinashe.

Die drei jungen Männer haben gehofft, aber nicht auf die Worte von John V. vertraut. Sie haben stets versucht, neue Kontakte bei Auftritten zu knüpfen, um sich ohne seinen Einfluss für Shows ins Gespräch zu bringen. So einfach war das aber nicht: Denn John V. habe sich vertraglich versichern lassen, dass alle Musiker 30 Prozent der Gagen an ihn abtreten müssen, die sie auf eigene Faust verdienen sollten. Aber selbst wenn die Musiker etwas arrangiert hätten, der Agent habe immer versucht, die Kontrolle über sie zu behalten. „Er hat alles geblockt, wir hatten quasi kein eigenes privates Leben“, sagt Cliff. „Er hat auch oft versucht, uns gegeneinander aufzubringen. Er hat jedem von uns andere Lügen erzählt.“

John V. war ein cleverer Mann, sagen die drei, aber nie gewalttätig. „Er hat Schlechtes getan, aber auf eine nette Art und Weise. Er hat ja gut für uns gesorgt, er war ein guter Koch.“ Die drei Musiker wirken nicht bedrückt, wenn sie erzählen, dass ein einziger Mann ihr Leben über etliche Monate bestimmt hat. Sie lachen teilweise über das, was gewesen ist. Ihre Hoffnung, die bislang unerfüllt blieb, haben die jungen Simbabwer noch nicht aufgegeben. Nach John V.s Verhaftung gründeten sie eine neue eigenständige Band. „Jetzt sind wir frei, und jeder kann uns buchen.“ Jetzt haben sie die Eigenverantwortung, die ihnen mit ihrer Ankunft in Deutschland 2017 verwehrt wurde.

80 Prozent für John V.

Die großen Shows im Ausland seit der in Saudi-Arabien blieben aus, dafür folgten mehrtägige Buchungen zum Beispiel in einem Kölner Hotel oder bei Festen in der Aachener Region. Hauptsächlich schickte John V. die Gruppe von Musikern und Artisten aber in die Einkaufsstraßen, um dort aufzutreten und Geld mit dem Hut zu verdienen. Im Schnitt vier Mal die Woche, quasi das ganze Jahr lang. „Im Winter haben wir am Tag etwa 50 Euro bekommen, im Sommer an guten Tagen 250 Euro oder 400 Euro“, erinnert sich Tinashe. Davon mussten sie bis zu 80 Prozent John V. geben.

Wenn man nun annimmt, dass die Musiker 150 Mal auf der Straße auftraten und dabei im Schnitt 200 Euro gesammelt haben, kommen 30.000 Euro zusammen – 80 Prozent davon sind 24.000 Euro für John V. Ohne Rechnung, netto. Deswegen sagt Cliff: „Er hat nicht uns bezahlt, wir haben ihn bezahlt.“ Auf die Frage der Musiker, warum sie so wenig bekommen würden, lautete die Antwort: „Weil ihr bei mir wohnt.“

John V. hat die Künstler auch auf diverse Feste in der Aachener Region vermittelt. Als diese Zeitung einige der Veranstalter anruft, um zu erfragen, ob sie von den Machenschaften etwas gewusst oder geahnt hätten, reagieren sie teilweise geschockt. Ein Beispiel aus Düren belegt, dass John V. durchaus geschickt war: Der Agent bot seine Musiker bei dem Veranstalter an und sagte, die jungen Männern bräuchten keine Gage, nur eine Bühne. Das kommt bei den Organisatoren kleinerer Feste gut an, weil das Budget begrenzt und die Auftritte meist schon lange vergeben sind. Die Band bekam also einen Platz.

Einziger Haken: John V. täuschte vor, seine Musiker hätten eine längere, aufwendige Anreise, ein Spritgeld von 300 Euro sei dafür angemessen. Der Veranstalter sagte zu – ohne zu wissen, dass die Musiker nur zwei Kilometer Luftlinie entfernt wohnten. Die Musiker bekamen einen kleinen Anteil von je 20 Euro mit der Begründung, der Veranstalter zahle nicht so viel Geld. Regelmäßig haben die Musiker auch folgenden Satz gehört: „Leute, die euch nicht kennen, bezahlen euch auch nicht.“

Ohne Gage sind die Musiker auch im Juni auf dem Multikultifest im Aachener Kennedypark aufgetreten, das laut Veranstalter Tausende Menschen besuchten. So, wie die drei Musiker erzählen, war dieser Tag eine der bittersten Erfahrungen: „Wir waren die Band, die alle beeindruckt hat. Die Leute haben gejubelt und uns später nur gelobt.“

Das war ihre einzige Bezahlung.

*Alle Namen sind anonymisiert

Mehr von Aachener Zeitung