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„Wir legen seit Jahren regelmäßig drauf“: Wie der Karneval um seine Wurzeln kämpft

„Wir legen seit Jahren regelmäßig drauf“ : Wie der Karneval um seine Wurzeln kämpft

Konfetti, Bützje und Kamelle: Darauf lässt sich der Karneval schon lange nicht mehr beschränken. Heute treffen Brauchtum und Eventisierung aufeinander. Dem handgemachten Karneval stehen Großevents gegenüber. Kein reines Kölner Phänomen.

Schließlich sind die Größen des Kölner Karnevals auch in der Region regelmäßig zu Gast. Nun hagelt es Kritik und zwar aus der Hauptstadt des närrischen Treibens: Köln. Festkomitee-Präsident Christoph Kuckelkorn ist der Meinung, dass der Kölner Karneval zu professionell geworden ist. „Der eigentliche Karneval ist gar nicht so, sondern handgemacht“, sagte Kuckelkorn  einer Kölner Tageszeitung. „Wir müssen an diesen Professionalisierungsgedanken ran und uns fragen: Muss das so sein? Ich habe als Präsident viele Veranstaltungen erlebt. Die großen Sitzungen sind nicht unbedingt die schönen. Bei handgemachtem Karneval fühle ich mich am wohlsten.“

Der Karneval soll wieder zu seinen Ursprüngen zurückkehren. Das meint Festkomitee-Präsident Christoph Kuckelkorn. Gegenüber unserer Zeitung äußerte er sich nicht. Foto: dpa/Oliver Berg

Diesen Karneval erlebe man vor allem „in seinen Keimzellen, den Veedeln (Stadtvierteln) und Pfarreien“. Doch wie realistisch ist die Auffassung des Festkomitee-Präsidenten? Werden und können Vereine auf ihren Veranstaltungen überhaupt auf die großen Namen des Karnevals verzichten? Es wird nicht leicht, dieses Problem zu lösen. Denn der Karneval ist längst zu einem milliardenschweren Geschäft, zu einem Wirtschaftsfaktor geworden.

Ein Zeitungsartikel sorgte nun für Diskussionsstoff. Darin wurden die Kosten für das Veranstalten einer Sitzung detailliert aufgeführt. 45.150 Euro musste der Verein, der anonym bleiben wollte, für Saalmiete, Künstler-Gagen, Künstlersozialkasse, Gema, Orden, Logistik und Verpflegung von Künstlern und Elferrat berappen. Bei einem Eintritt von 40 Euro und 1100 Jecken im Saal machte das Einnahmen in Höhe von 44.000 und somit ein Minus von 1150 Euro. Entspricht das der Realität? Und warum greifen die Vereine zu dieser Option, obwohl sie damit Verluste einfahren?

Ein Blick in die Statistik zeigt: Längst ist der Karneval zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor geworden. Der Bund Deutscher Karneval (BDK) hat in einer Studie herausgefunden, dass in der närrischen Zeit in Deutschland zwei Milliarden Euro erwirtschaftet werden. 3000 Unternehmen und über 40.000 Mitarbeiter leben das ganze Jahr über von der fünften Jahreszeit. Das weiß man auch in Köln – und zwar seit 2009. Damals ließ das Kölner Festkomitee von der Boston Consulting Group zum Thema Kölner Karneval eine Studie anfertigen. Das Ergebnis: Die Wirtschaftskraft des Kölner Karnevals betrug bereits vor zehn Jahren 460 Millionen Euro. 5000 Arbeitsplätze wurden durch ihn gesichert. Allein 30 Millionen Euro wurden jährlich für Tickets ausgegeben. Da sollte man meinen, dass die Vereine finanziell auf sicheren Beinen stehen müssten. Die Realität sieht anders aus.

Ein Problem, das auch in der Region bestens bekannt ist. „Die Kosten für unser Programm bekommen wir mit unseren Eintrittsgeldern nicht abgefangen. Wir legen schon seit Jahren regelmäßig drauf“, sagt Michael Engelter. Er ist Programmgestalter bei den Karnevalsfreunden Lammersdorf und bezieht seine Aussage auf die Herrensitzung der Gesellschaft. In diesem Jahr traten dort unter anderem die Kölner Band Funky Marys, Comedian Dave Davis alias Motombo Umboko und das Tanzkorps der Rheinveilchen auf – um die bekannteren Namen zu nennen. Nur für die Künstler zahlt der Verein zwischen 8000 und 9000 Euro – ohne die Kosten, die für Gema, Technik und Künsterlsozialkasse anfallen. 420 Eintrittskarten für einen Preis von 20 Euro – im Vergleich zu Köln, wo Eintrittskarten locker bis zu 50 Euro kosten, ein Spottpreis – wurden in diesem Jahr verkauft. Macht Einnahmen in Höhe von  8400 Euro.

Vor einigen Jahren war das noch anders. „Eine Zeit lang gab es einen richtigen Boom. Da haben wir 700 Karten verkauft“, sagt Engelter. Und trotzdem: „Die wirklich großen Künstler können wir uns nicht leisten.“ Preise zwischen 3000 und 5000 Euro nennt er für die „ganz Großen“ wie Querbeat, Kasalla oder Cat Ballou. „32.000 Euro hat man schnell zusammen, wenn man nur die erste Liga bucht“, sagt Engelter.

Für die bekannten Bands und Redner lohnt sich das Geschäft mit der fünften Jahreszeit durchaus. Hat man für seine Veranstaltung vier Bands gebucht, kommt man schnell auf einen fünfstelligen Betrag. Was für die Musiker dabei herumkommt? Bei bis zu zehn Auftritten am Tag und insgesamt bis zu 200 Auftritten in einer Session macht das einen Verdienst im sechsstelligen Bereich. Allerdings muss in den meisten Fällen nicht nur die Band davon leben. Technik, Crew, Bandbus und Studio müssen unter anderem davon gezahlt werden.

Diese Entwicklung kennt auch Dirk Emunds. Er ist Pressesprecher der Karnevalsgesellschaft Maiblömche Lich-Steinstraß, die zu den größten Karnevalsgesellschaften des Jülicher Landes gehört und sich zur Aufgabe gemacht hat, die Tradition des Karnevals nach „kölscher Art“ zu bewahren. Aus diesem Grund kommt es für die Gesellschaft nicht in Frage, an ihren Prinzipien zu rütteln. Und zu diesen gehöre nun auch einmal der Sitzungskarneval. „So lange die Rechnungen aufgehen, ziehen wir das auch weiter durch. Das ist eine immaterielle Verpflichtung gegenüber dem Brauchtum Karneval. Da geht man nicht von ab“, sagt Emunds.

Gleichwohl weiß der Pressesprecher, dass sich in den vergangenen Jahren eine ganze Menge hinsichtlich der Ausrichtung einer Sitzung getan hat. Angefangen bei den Künstlern. „Wenn Bands wie die Bläck Fööss früher zu Auftritten kamen, reisten sie mit einem Kombi an, packten ihre Instrumente aus, machten Musik und fuhren wieder. Heute kommen drei kleine Büschen mit modernster Technik an und nicht nur die Musiker, sondern auch die Techniker müssen davon leben. Das muss auch bezahlt werden und man wird es nicht ändern können“, sagt er.

Die Gagen seien meist nicht das größte Problem, mit dem Vereine zu kämpfen hätten. Das setzt schon früher ein. Denn oft sei es gar nicht so einfach, die Kölner Künstler auch ins Umland zu bekommen. „Jülich liegt verkehrstechnisch nicht günstig. Merzenich oder Kerpen-Sindorf liegen direkt an der Autobahn. Wenn Künstler nach Jülich kommen, könnten sie in dieser Zeit locker zwei Auftritte in Köln absolvieren. Deshalb ist es für uns schwieriger und meistens auch teurer sie zu bekommen“, so Emunds. Umso wichtiger sei es heute, kreativ zu sein – vor allem in Sachen Sitzungs- und Programmgestaltung. So gibt es in Jülich bereits seit einigen Jahren so genannte Ringveranstaltungen. Künstler, die beispielsweise aus Köln kommen, können an einem Abend gleich mehrere Veranstaltungen im Umland anfahren. So profitieren beide Seiten davon.

Zwei große Damensitzungen mit jeweils bis zu 1200 Besucherinnen und eine Kostümsitzung mit 1000 Gästen veranstaltet der Verein unter anderem. Die Höhner, Kasalla, die Domstürmer und die Paveier begeisterten in diesem Jahr die Frauen. Auf der Kostümsitzung traten unter anderem Miljö, die Micky Brühl Band und ebenfalls Kasalla auf. Trotz eines Eintrittspreises von 25 Euro pro Karte könne man die Kosten nicht decken. „Das funktioniert nur mit einer Gegenfinanzierung und durch Freunde des Karnevals in Lich-Steinstraß“, sagt Emunds. Unter anderem an den närrischen Tagen schaffe man sich ein finanzielles Polster, so dass man die Kostümsitzung davon mitfinanzieren könne. „Die Führung eines Karnevalsvereins ist vergleichbar mit der eines kleinen Wirtschaftsunternehmens“, ist Emunds sich sicher.

Das hat folgenden Grund: „Das Publikum ist heute verwöhnt. Man muss etwas bieten, denn schon für relativ kleines Geld kann man sich ein Spitzenprogramm in der Lanxess-Arena anschauen.“ Zu Veranstaltungen wie dieser stehe man als Verein in direkter Konkurrenz. Und was geschieht, wenn man das Niveau des Programms nicht halten kann? „Dann kommen andere und man ist weg vom Fenster“, findet Emunds klare Worte.

Externe Künstler

Das weiß auch Engelter. Regelmäßig besucht er Vorstellabende, auf denen Künstler ihr Programm präsentieren. Immer mal wieder bucht Engelter auch eher unbekannte Namen. Aber: „Auch wenn sie gut sind, werben kann man mit ihnen nicht“, sagt er. Doch was bedeutet das eigentlich für die eigenen Kräfte des Vereins? Treten bekannte Künstler auf die Bühne bleibt für die Eigengewächse meist kein Platz mehr im Programm. Absurd, schließlich ist es doch das Handgemachte, das den Karneval eigentlich ausmacht. In Lammersdorf versucht man beiden Seiten gerecht zu werden. Während die Herrensitzung mit externen Künstlern bestückt wird, treten auf der Prinzen-Proklamation fast nur eigene Kräfte auf. Gebucht werden die Künstler übrigens mindestens zwei Jahre im Voraus. Das kann sogar von Vorteil sein, meint der Programmgestalter. „Wir haben vor einigen Jahren Cat Ballou gebucht, als sie noch nicht so bekannt waren und dann sind sie durchgestartet. Das war für uns natürlich super“, sagt er.

Während in Köln die Gagen der Künstler das größte Problem darstellen, sind im Umland andere Faktoren ausschlaggebend. Beispielsweise die Gema, Künstlersozialkasse und Beschallung. „Die Technik ist heute vom Feinsten. wir haben mittlerweile eine Leinwand im Zelt, damit auch die Besucher in den hinteren Reihen alles sehen können“, sagt Emunds. Und damit nicht genug.

Das Thema Sicherheit ist wichtiger denn je. „Das ist ein riesen Batzen an Kosten“, sagt Emunds. Genaue Zahlen nennt er nicht. Aber: „Vor 15 oder 20 Jahren haben sich die Stärksten in den Vereinen gekümmert, wenn es Probleme gab. Heute haben wir bei großen Bällen alleine 20 Personen Security.“ Seit rund drei Jahren müssen sich die Vereine in Jülich zudem an den Kosten des Rosenmontagszuges beteiligen. Das Stichwort an dieser Stelle lautet: Terrorabwehr. „Das stimmt uns bedenklich. Natürlich muss man verantwortlich handeln, aber mit Augenmaß. Es wäre besser, wenn die Behörden den Vereinen da den Rücken stärken würden“, so Emunds. Übrigens auch in diesem Bereich ist Köln Spitzenreiter. Dort kostet die Teilnahme am Rosenmontagszug die Vereine nämlich 30.000 Euro.

Und was sagt das Kölner Festkomitee zu dieser Entwicklung? Pressesprecherin Tanja Holthaus verweist darauf, dass es wichtig sei, die Balance zwischen Brauchtum und Eventisierung zu halten. 1000 Veranstaltungen umfasst der Kölner Karneval in dieser Session. „Wir müssen die Vielfalt erhalten und dürfen nicht nur auf Großevents setzen“, sagt Holthaus.

Nicht umsetzbar

Beim Kölner Festkomitee sei man sich sicher: „Der Karneval ist nur über das Ehrenamt stemmbar. Sonst wäre er gar nicht umsetzbar.“ Noch in dieser Session sollen die Ergebnisse einer neuen Studie rund um den Kölner Karneval präsentiert werden. Bereits in der Studie aus 2009 wurden Probleme angesprochen: darunter die Konzentration auf massentaugliche Künstler, die dazu führt, dass Sitzungsformate vereinheitlicht werden. Ein Blick auf die heutigen Sitzungsprogramme zeigt, dass sich in dieser Hinsicht noch viel tun muss.