Erkelenz: Wie Architektur das Heimweh der Umsiedler lindern soll

Erkelenz : Wie Architektur das Heimweh der Umsiedler lindern soll

Der Prozess hat längst begonnen: Keyenberg, Kuckum, Ober- und Unterwestrich sowie Berverath werden verschwinden. Stück für Stück, Haus für Haus. Einige Familien sind bereits weggezogen aus diesen fünf Orten, die für den Braunkohletagebau Garzweiler II weichen müssen. Einige wollen bald weg. Sie bauen bereits in Erkelenz-Nord.

Dort entsteht ein völlig neuer Stadtteil. Gut 400 Grundstücke werden bebaut. Erkelenz-Nord wird das neue Zuhause für viele Umsiedler sein, vielleicht auch deren neue Heimat. Vielleicht.

Von Daniel Gerhards Erkelenz. Hier folgt der Grundtext.

Anna-Laura Hölz glaubt, dass es möglich ist, eine neue Heimat zu finden. Allerdings meint die Architekturabsolventin der Münster School of Architecture auch, dass die Planer den Menschen dabei helfen sollten. Architektonische und städtebauliche Ansätze, die helfen, eine neue Heimat zu finden, seien bei den bisherigen Umsiedlungen zu kurz gekommen, sagt sie.

Abbruchmaterial aus alten Orten soll neuen Gebäuden Identität geben. Zum Beispiel einer von Anna-Laura Hölz geplanten Kirche für Erkelenz-Nord (1), die auf den zweiten Blick an die Kirche Heilig Kreuz in Keyenberg (2) erinnert. Diese Kirche ist vor allem im Inneren besonders (3), weshalb Hölz möglichst vieles mitnehmen würde. Fotos (3): Daniel Gerhards; Visualisierung: Anna-Laura Hölz.

Sie macht das konkret am Beispiel Immerath-neu fest. Nur rund die Hälfte der alten Immerather zog in den neuen Ort, und es seien „viele kritische Stimmen“ in Bezug auf die Gestaltung des neuen Ortes zu hören gewesen.

Architektur kann Orten Identität geben, sagt Uni-Absolventin Anna-Laura Hölz.

„Die neuen Siedlungen führen oft zu gesichtslosen Orten mit größtenteils banaler Architektur, sie sind keine Fortführung der Traditionen und der Identität der Alt-Orte und der Kulturlandschaft des Erkelenzer Landes. Eine hochwertige und regionale Baukultur kann jedoch helfen, sich mit seiner Umgebung zu identifizieren und die Attraktivität nachhaltig zu steigern“, sagt Hölz. In ihrer Masterarbeit hat sie das explizit beschrieben.

Aufgewachsen in Tagebau-Region

Hölz ist in Grevenbroich aufgewachsen, wo RWE, die Kohle, ihr Abbau und die daraus resultierenden Folgen auch allgegenwärtig sind. Sie spricht darüber, dass Architekten Heimweh lindern können. Zum Beispiel mit der Idee, altes Baumaterial, etwa Klinkersteine, beim Bau der neuen Häuser wiederzuverwenden. „Einerseits war es in den Dörfern bereits lange Tradition, Abbruchmaterialien wiederzuverwenden, andererseits können somit die neuen Gebäude ein Stück Geschichte und Heimat in sich tragen“, sagt sie.

Für die Gebäude der neuen Ortsmitte von Erkelenz-Nord ist das Wiederverwenden von Abbruchmaterial in ihrem Konzept unerlässlich. Demnach sollen die neue Kapelle und ein Mehrzweckgebäude aus recycelten Klinkern aus den alten Orten gebaut werden.

Gerade für dieses Mehrzweckgebäude, für das neben der Kapelle Raum vorgesehen ist, hat Hölz interessante Ideen. Sie hat es in Form eines offenen Vierkanthofes geplant. Solche Höfe seien charakteristisch für die alten Umsiedlerorte. Sie hat in das Gebäude zum Beispiel einen Hofladen und ein Gasthaus eingeplant, aber auch einen Dorfsaal, eine Sporthalle und eine Bühne. In einem weiteren Flügel einen Kindergarten und altengerechtes Wohnen.

Bei der Stadt Erkelenz denkt man da eher an eine klassische Mehrzweckhalle. Genaueres könne man aber noch nicht sagen, weil die Verwaltung erst im Laufe des Jahres in die Planung einsteigen wolle, sagt Ansgar Lurweg, Technischer Beigeordneter der Stadt Erkelenz. Natürlich hätte die Stadt die Möglichkeit gehabt, mit strengeren Vorgaben im Bebauungsplan zu entscheiden, welche Gestalt der neue Ort einmal annehmen soll.

Aber die Vorgaben waren bewusst nicht allzu streng — mit Rücksicht auf die Umsiedler. Die Umsiedler seien im gesamten Prozess über Jahre umfassend beteiligt worden, sagt Lurweg. Also keine Spur von der Identität der alten Orte — aus Rücksicht auf die Häuslebauer? „Man müsste mal die Umsiedler fragen, was die aus ihren alten Häusern mitbringen. Keiner von denen baut sich seine alten Holzfenster wieder ein“, sagt Lurweg. Und überhaupt: Bei fünf Orten gebe es die eine Identität ohnehin nicht. Also kann man sie auch nicht mitnehmen.

Wenn man sich mit Anna-Laura Hölz unterhält, dann spürt man in jedem Satz von ihr, dass sie das natürlich ganz anders sieht.

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