Aachen: WhatsApp im Hörsaal: RWTH-Professor auf neuen Wegen

Aachen: WhatsApp im Hörsaal: RWTH-Professor auf neuen Wegen

Diese Nachricht kommt bestens an — mit WhatsApp. Wenn Bernd Markert an der RWTH Aachen seine Vorlesung „Mechanik I“ hält, dann schicken ihm die Studenten ihre Fragen per WhatsApp, also über ihr Smartphone.

Der Professor sieht sie auf seinem Laptop und kann die Antworten direkt in seinen Vortrag einarbeiten. Es gibt also eine Art direkten Draht zwischen ihm und den Studierenden — über das Mobiltelefon.

Als Professor für Allgemeine Mechanik am Fachbereich Maschinenwesen war Markert im August 2013 von Stuttgart nach Aachen gewechselt - an eines der größten Mechanikinstitute Deutschlands. WhatsApp nutzte er da schon - aber ausschließlich privat. Der Einsatz in der Lehre, er ist - wenn man so will - aus der Not heraus geboren. 1648 Studenten hatten sich für die Vorlesung „Mechanik I“ angemeldet. Und für die gibt es an der RWTH keinen entsprechend großen Hörsaal.

Markert hatte zwei Möglichkeiten: Er könnte die Vorlesung zwei Mal hintereinander halten (beziehungsweise sie halten lassen). Oder er würde sie auf zwei Hörsäle ausweiten. Er entschied sich für Letzteres. In einem, dem großen Saal im Audimax, steht er leibhaftig, im anderen wird sein Bild an die Leinwand geworfen. Dafür zeichnen zwei Videokameras sein Bild auf und übertragen es in den anderen Saal.

Doch das reichte Markert nicht. „Wie sollten mir die Studenten im anderen Hörsaal Rückmeldung geben?“, fragte er sich. Die Lösung dieser Aufgabe? Genau: per Whats-App-Nachricht. Markert hatte zunächst über Twitter nachgedacht. Das kannte er von Informatikkonferenzen, wo auf einer Leinwand eine sogenannte Twitterwall erzeugt wird, auf der die Teilnehmer der Konferenz ihre Fragen und Einschätzungen posten. Aber kaum ein Prozent der Studenten nutzen seiner Einschätzung nach Twitter. Facebook ist für diese Zwecke schwer handzuhaben. Aber WhatsApp? „Ich habe auf mein Smartphone geschaut und dann war klar, wie ich es machen würde“, erzählt der 42-Jährige.

500 Millionen Menschen nutzen weltweit den Nachrichtendienst, der gerade von Facebook aufgekauft wurde. In Deutschland sind es 32 Millionen. „Für die Studenten ist es ganz normal, über WhatsApp zu kommunizieren“, erklärt Markert. Die Erfahrungen geben ihm Recht. Mehr als 1000 Nachrichten hat er auf diesem Wege im Sommersemester empfangen. Auch wenn er die Spaßvögel abzieht, die sich mit ein paar infantilen Zeilen aufspielen wollen, ist das immer noch sehr, sehr viel. 50, vielleicht 60 Fragen werden sonst im Laufe einer solchen Vorlesung gestellt.

Überhaupt: Schon für einen Studenten in der letzten Reihe des großen Hörsaals im Audimax ist es schwierig, einerseits von Markert wahrgenommen zu werden, andererseits eine Frage laut und deutlich in den Raum zu bringen. Hinzu kommt die Hemmschwelle, die so manche Frage unausgesprochen lässt.

Die Nachricht über WhatsApp ist schnell getippt, keiner muss fürchten, wegen Unwissenheit bloß gestellt zu werden. „Dieser Weg ist ehrlicher“, sagt Markert. Mit seiner Idee hat er nicht nur seine Studenten überrascht - auch die Kollegen in der Hochschule. Bis dahin hatte es nichts Vergleichbares gegeben. Auch nicht bei den Informatikern. Aber deren Vorlesung besuchen auch weit weniger Studenten. Sie hatten schlichtweg nicht die Not, die derart erfinderisch macht.

Doch das Interesse an Markerts Idee war schnell groß, das Rektorat wurde hellhörig, die Idee wurde weiterentwickelt. Statt über WhatsApp sollen die Studenten ab dem nächsten Wintersemester ihre Fragen - anonym, um die Hemmschwelle noch weiter zu senken - über die RWTH-App stellen können. Die hatte bislang vor allem den eigenen Stundenplan und einen Hörsaalfinder zu bieten. Nun wird es zur Plattform für Fragen an den Professor. Und damit wären dann auch alle Datenschutzbedenken, die bei Whats-App durchaus dazugehören, aus der Welt geschafft. Heute wird es einen ersten Test geben.

Wenn Herman van Rompuy bevor er am Donnerstag den Internationalen Karlspreis erhält, heute vor Studenten an der RWTH spricht, dann können diese ihre Fragen an den EU-Ratspräsidenten erstmals über die RWTH-App loswerden. Ob dieser sie dann direkt aufgreift oder erst nach seiner Rede, ist freilich dem Belgier überlassen.

Denn es ist durchaus eine Herausforderung, diese neue Interaktion mit den Zuhörern zu meistern. „Ich kann nicht für jede Frage meinen Vortrag unterbrechen, ich muss die Antworten auf Fragen an geeigneter Stelle einbauen“, sagt Markert. Nach Van Rompuy wird auch der britische Historiker Timothy Garton Ash mit den RWTH-App-Fragen der jungen Akademiker konfrontiert. Er spricht am 3. Juli zu „Europa in einer Welt der Riesen“.

Und dann geht es eben im nächsten Semester in den Dauerbetrieb. Auf Markert warten in „Mechanik I" dann wieder rund 1600 neue Studenten. Dank RWTH-App können sie alle ihre Fragen loswerden. „Eine technische Hochschule muss so etwas hinbekommen“, sagt Markert.. Letztlich sind die Möglichkeiten nicht unbegrenzt aber doch riesig. Markert denkt darüber nach in den Vorlesungen kleine Aufgaben zu stellen, deren Lösung die Studenten ihm dann als Foto schicken. Ein paar Beispiele könnten dann direkt als Projektion auf die Leinwand von allen besprochen werden. „Am Ende steht ein ganz neuer Lerneffekt“, erläutert der Professor.

Ein weiteres Plus: Alle Fragen und Anmerkungen werden gespeichert, er und ein wissenschaftlicher Mitarbeiter können auch im Nachklang noch darauf eingehen. denn es sind bisweilen sehr viele, die gleichzeitig kommen, erst recht, wenn er das Wort Prüfung in seiner Vorlesung in den Mund nimmt. „Es kostet zwar Zeit, aber es kommt dieser Generation Studenten entgegen“, findet Markert.

Videoaufzeichnungen seiner Vorlesung, die die Studierenden jederzeit - auch im Bett oder im Café - anschauen können, sind dagegen nicht seine Sache. „Das mag in anderen Fächern sinnvoller sein.“ Er aber schätzt den didaktischen Aufbau und die Atmosphäre einer Vorlesung, bei der die Studierenden auch anwesend sind.

Eine ganz wichtige Nachricht haben seine Studenten mit Beginn der Vorlesung empfangen: Für den Einsatz in „Mechanik I“ hat sich Markert freilich eine zusätzliche Telefonkarte mit separater Nummer für sein Smartphone angeschafft. Fragen beantwortet er gerne - in der Vorlesung. Auch der Professor der Allgemeinen Mechanik hat irgendwann Feierabend.

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