Aachen: Wettbewerb: „Ein Kleid für Maria“ soll die Madonna zu den Menschen holen

Aachen : Wettbewerb: „Ein Kleid für Maria“ soll die Madonna zu den Menschen holen

Sie hat eine gute Figur, ein liebenswertes Lächeln, einen prall gefüllten Kleiderschrank — aber dennoch hat sie nichts anzuziehen! „Jedenfalls nichts, was eine bescheidene Frau aus dem Volk vermuten lässt“, meint Birgitta Falk, Direktorin der Aachener Domschatzkammer und Initiatorin eines vom Domkapitel ausgelobten Wettbewerbs, der deutschlandweit einmalig sein dürfte.

Anlässlich des Jubiläums „40 Jahre Unesco Welterbe Aachener Dom“, das vom 23. bis 30 September gefeiert wird, lautet das Motto „Ein Kleid für Maria“.

Auch Preisgelder winken. 5000 Euro erhält der Gewinner, 3000 Euro gibt es für den zweiten und 1000 Euro für den dritten Platz. Wer Mode entwerfen und schneidern kann, ist dazu eingeladen (Einsendeschluss 27. September), das Gnadenbild des Aachener Doms einzukleiden — also etwas Neues zu schaffen, entweder nur für Maria oder für sie und den Jesusknaben, der lächelnd auf ihrem linken Arm sitzt.

„Prachtgewänder hat sie schließlich genug“, meint Birgitta Falk. 43 kostbare Mutter-Kind-Kombinationen werden als Teil des Domschatzes in klimatisch unbedenklichen Schubladen gehütet, 16 Mal im Jahr wird das Gnadenbild umgekleidet — häufig entsprechend der liturgischen Farben, die gerade an der Reihe sind, stets mit Schleier und Schmuck. Da funkeln Diamanten in üppigen Rosenblüten, gibt es kostbare Stickereien aus Flussperlen, Gold- und Silberfäden sowie königlich anmutende schwere Brokate mit üppigen Ornamenten. Bis heute erhält das Gnadenbild Stiftungen als Danksagungen für Hilfe und Trost.

„Als Herrscherin mit Krone und Insignien wurde sie seit Jahrhunderten dargestellt. Hinzu kommen besonders in Aachen viele Schmuckstücke, Ketten, Broschen, Uhren und mehr“, sagt Birgitta Falk. „Aber Maria war doch eine Frau aus dem Volk, sie war nie reich, ist bis heute eine Identifikationsfigur für viele Gläubige, das soll in die Wettbewerbsbeiträge einfließen.“ Das neue Kleid — so der Wunsch des Domkapitels — wird Maria als Vermittlerin zwischen Gott und den Menschen zeigen — im modernen Alltagsgewand, eine junge Hausfrau mit Kind eben. Freigestellt wird, ob Maria eine Kopfbedeckung trägt oder Schmuck zum Kleid kombiniert wird.

„Ein Kleid für Maria“ — was ist gestattet? Tatsächlich alles? „Ja, natürlich“, lächelt Birgitta Falk. „Alles ist möglich, was die Skulptur nicht schädigt. Von mir aus ein Hoodie oder ein Kleid, das bis zum Boden reicht.“ Vermeiden müssen Bewerber chemische Beschichtungen oder zu schwere Elemente, die an der Figur zerren und zu mechanischen Schäden führen könnten. Von Jeans über Leder bis Papier ist alles möglich, der Fantasie sind beim Schneidern, Häkeln, Sticken, Stricken und kunstvollen Designen keine Grenzen gesetzt. Wichtig ist die Praktikabilität des Kleides — man muss es problemlos anziehen und schließen können. „Kritik, zum Beispiel so eine Aktion könne respektlos sein, haben wir nicht gehört“, versichert Birgitta Falk. „Und außerdem haben wir ja eine kundige Jury.“

Gelingen soll der Bezug zum Menschen von heute mit seinen Nöten, Ängsten und Bitten. „Der Dom ist seit Karl dem Großen der Gottesmutter geweiht, auch das will der Wettbewerb nochmals betonen“, sagt die Initiatorin. Im Internet findet man die nötigen Maße der Figur aus Lindenholz. Das vermutlich älteste Gnadenbild des Doms war eine Figur, die man um 1340 aus Eichenholz geschnitzt hat und die bunt bemalt war. 1676 wurde sie durch einen Brand fast vollständig zerstört. Die Direktorin der Domschatzkammer wird häufig gefragt, ob die Figur unter den Roben überhaupt „komplett“ sei. Ja, ist sie. Und die im Stil des 14, Jahrhunderts nachgearbeitete Madonna trägt sogar geschnitzte Kleidung — in schwungvoller Faltenoptik. Die Gesichter von Mutter und Kind sowie die rechte Hand der Maria konnte man aus dem Feuer retten. Sie wurden integriert.

Nun will das Domkapitel der Tradition der Bekleidung von Heiligen, die in der christlichen Kirche verbreitet ist, eine neue Dimension geben. „Das Gnadenbild wird indirekt vom Sockel geholt“, beschreibt es die Initiatorin. Wer die Figur aus der Nähe betrachten will, kann das am Donnerstag, 12. Juli, 18 Uhr, im Dom tun. Am 1. Februar 2019, dem Vorabend des Festes Mariä Lichtmess, findet nicht nur die Preisverleihung im Dom statt. Dann wird Maria ihr neues Kleid erhalten. Zeitgleich gibt es eine Ausstellung zum Wettbewerb in der Domschatzkammer.

Bundespräsident kommt zum Welterbefest Dom

Bundespräsident Frank Walter Steinmeier wird zu den Feierlichkeiten 40 Jahre Weltkulturerbe Dom in Aachen erwartet. Nach Informationen unserer Zeitung kommt er am Nachmittag des 24. September in die Kaiserstadt. Über den genauen Programmablauf hüllen sich die Verantwortlichen noch in Schweigen. So ist noch offen, ob Steinmeier an der für den Abend vorgesehenen Diskussion zum Thema „Zerstörte Welterbestätten was nun?“ teilnimmt sowie die abendliche Lichtinstallation „Der Dom leuchtet“ besucht.

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