Bäcker und ihre Lohnstruktur: Wer soll künftig in NRWs Backstuben wieviel bekommen?

Bäcker und ihre Lohnstruktur : Wer soll künftig in NRWs Backstuben wieviel bekommen?

Bei den Bäckern rumort es: Ende April ist der Entgelttarifvertag für die rund 70.000 Beschäftigten im nordrhein-westfälischen Bäckerhandwerk ausgelaufen, nun geht es darum, die Höhe von Löhnen und Gehältern für die nächsten zwei Jahre neu zu verhandeln.

Doch zu Verhandlungen ist es bislang nicht gekommen, die Arbeitgeber lehnen das Angebot,  das die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) am 29. April vorgelegt hat, ab.

Mehr Geld für alle, und für alle dasselbe, nämlich 140 Euro pro Monat, egal ob die Beschäftigten in der Produktion oder im Verkauf arbeiten. Erstmalig stellt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in NRW eine solche Forderung auf. „Damit wollen wir vor allem die unteren Tarifgruppen, die mehrheitlich aus Frauen bestehen, stärken“, sagt NGG-Verhandlungsführer Helge Adolphs. Ziel sei, diesen Beschäftigten, die etwa fünf Prozent ausmachen, zu einer „armutsfesten Rente“ zu verhelfen. Dies sei erst ab einem Stundenlohn von 12,60 Euro möglich, so Adolphs. „Wir sind der Meinung, dass man den speziellen Problemen, vor denen wir stehen, nur so begegnen kann.“

Probleme im Bäckerhandwerk

Die Arbeitgeber, vertreten in den Bäckerinnungsverbänden Rheinland und Westfalen-Lippe, sehen die Dinge grundsätzlich anders. „Unsere Philosophie ist eine andere“, sagt der Geschäftsführer des Verband des Rheinischen Bäckerhandwerks (BIV), Walter Dohr. „Wir wollen vor allem für die ausgebildeten Beschäftigten mehr Anreize schaffen.“

Das Angebot der Bäcker könnte demnach so aussehen: Es bleibt bei der prozentualen Lohnerhöhung, aber die Struktur des bestehenden Entgelttarifvertrags wird neu verhandelt. Für die unteren Lohngruppen könnte die prozentuale Anhebung dann etwas höher ausfallen. Ihren Entwurf wollen die Arbeitgeber in dieser Woche vorlegen. Die Bäcker stehen – wie viele Handwerker – vor enormen Problemen. Es sind vor allem harte Arbeitsbedingungen mit Schichten am frühen Morgen und am Wochenende, die die Branche für viele, vor allem junge Leute nicht besonders attraktiv machen. Aber nicht nur der Fachkräftemangel, sondern auch der demografische Wandel machen zu schaffen. „Es fehlen 20.000 Auszubildende“, sagt Helge Adolps von der NGG. In den nächsten fünf bis zehn Jahren gehen rund 11.000 Kollegen in Rente.

Hinzu kommt die zunehmende Konkurrenz durch Einzelhandelsketten und Discounter, die Brot und Brötchen deutlich preiswerter anbieten. Mehr Geld für alle Beschäftigten soll die Jobs in den Bäckereien nun attraktiver machen und das Bäckereisterben aufhalten.

Tatsächlich sinkt sowohl die Zahl der Bäckereien als auch die Zahl der Beschäftigten. Immer weniger, dafür größere Betriebe freuen sich über gleichbleibende oder kräftig steigende Umsätze, die von immer mehr Mitarbeitern pro Betrieb erwirtschaftet werden.

In dieser Gemengelage betreten die NRW-Gewerkschafter nun Neuland und fordern erstmals einen Festgeldbetrag statt einer prozentualen Erhöhung. Werden die Löhne prozentual erhöht, kommen die unteren Lohngruppen naturgemäß am schlechtesten weg.  „Von der letzten Tariferhöhung haben die untersten Tarifgruppen im Zeitraum von zwei Jahren gerade mal mit 40 Euro im Monat profitiert“, sagt Helge Adolphs. „Wir wollen über das Geld einen Anreiz schaffen, dass die Leute im Bäckerhandwerk bleiben, denn die arbeiten gerne dort.“

Thorsten Schulten, der das Tarifarchiv der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung leitet, sieht bei Tarifverhandlungen eine zunehmende Tendenz zu der Forderung nach Festgeldbeträgen. „Dahinter steckt der Grundgedanke, eine soziale Komponente in die Lohnpolitik zu bringen“, so Schulten. Seiner Einschätzung nach ist das vor allem sinnvoll in Branchen, in denen viele Niedriglohnkräfte arbeiten. „Mit solch einer Tarifentscheidung lässt sich eine ganze Branche aufwerten und auch eine deutliche Abgrenzung vom Mindestlohn erzielen“, meint Schulten. Bei prozentualen Erhöhungen würden die Lohnunterschiede dagegen immer größer. In vielen Branchen gebe es in den unteren Lohngruppen erheblichen Nachholbedarf, und der sei mit einer Festgeldforderung „eher durchzusetzen“.

Ausgebildete Kräfte im Blick

Die Arbeitgeber haben dagegen vor allem die ausgebildeten Kräfte im Bäckerhandwerk im Blick und wollen, dass Lohnsteigerungen hier genauso ankommen. „Wir lehnen den Vorschlag der NGG ab, weil ungelernte Kräfte damit eine Lohnsteigerung von 8,5 Prozent erfahren würden“, sagt Dohr. Eine Tarifstruktur, bei der ein Kraftfahrer mehr verdient als ein Bäckergeselle „finden wir nicht gerechtfertigt“, sagt Dohr. „Deshalb wollen wir das gesamte Tarifgefüge neu verhandeln.“ Ein Angebot, das laut Dohr im Übrigen seit vier Jahren auf dem Tisch liegt.

Vom Verkauf bis zum Teigmacher

Die Tarifstruktur im Bäckerhandwerk ist in der Tat bemerkenswert: 16 Lohngruppen gibt es in Produktion und Verkauf – von der untersten Gehaltsgruppe für Reinigungskräfte im Verkauf (1582 Euro) über die Gehaltsgruppe für Gesellen (2517 ab dem fünften Berufsjahr) bis zur höchsten für Filialleiter (2517 Euro), Ofenführer oder Teigmacher (2782 Euro) und Abteilungsleiter (3022 Euro).  Diese noch weiter zu diversifizieren, hält Adolphs für keine gute Idee: „Diese Struktur hat sich bewährt, vor allem, weil sie keine Interpretationen zulässt.“

Am 3. Juni sollen die Verhandlungen weitergehen.

Mehr von Aachener Zeitung