Leser schicken uns ihre Briefe: Wer schreibt, sorgt für Nähe und Gefühl

Leser schicken uns ihre Briefe : Wer schreibt, sorgt für Nähe und Gefühl

Es werden tatsächlich noch Briefe geschrieben. Diejenigen, die das — als Absender oder Empfänger — mögen, sollten sich aber keine Illusionen machen: Die Zahl nimmt ab. Wenn man von Weihnachts- und Geburtstagsbriefen absieht, werden es sogar deutlich weniger.

Zwar steckt nach wie vor viel Post im Briefkasten, aber zumeist handelt es sich um Werbung, Rechnungen oder Geschäftsbriefe. Persönliche Briefe — erst recht handgeschriebene — sind selten.Schaut man jedoch auf all das, was Menschen — zum Teil über Jahrzehnte — aufbewahren, liegen Briefe an der Spitze. Das belegen eindrucksvoll viele unserer Leserinnen und Leser, die auf unseren Aufruf geantwortet haben, von ihren schönsten und wichtigsten Briefen zu erzählen. Aus all den Schreiben und Mails, die wir erhalten haben, können wir nur auszugsweise zitieren und fassen einige der zahlreichen Reaktionen zusammen.

„Briefe sind gelebte Gefühle, Gedanken, Erkenntnisse, Versprechen, Sehnsucht, Liebe, in Worte gefasst“, schreibt Irmgard Albrecht (77) aus Roetgen. Als Witwe liest sie heute immer wieder die Briefe, die sie und ihr späterer Mann sich zu Beginn ihrer Beziehung geschrieben haben, und empfindet das als Trost und großes Glück.

„Ohne Briefe geht es nicht“, schreibt uns Annie Rosenberg aus Raeren in gestochen scharfer Schrift. Sie macht aber auch keinen Hehl daraus, dass ihre Leidenschaft nicht von allen geteilt wird: „Die Verwandtschaft empfinde ich als grenzenlos schreibfaul, schreiben nur zu Weihnachten und Geburtstag, irgendwann verliert man die Lust am Schreiben, wenn selbst die besten Briefe ignoriert werden. Natürlich gibt es ein paar Ausnahmen . . .“

Zu den schönsten Briefen, die es gibt, haben immer Liebesbriefe gehört. Marianne Mare von Kaisersruh aus Aachen hat vor sechs Jahren einen von ihrem Mann erhalten. Er beginnt so: „Liebe Marianne Mare, Du bist ein Geschenk für mich. Wer so lachen kann wie Du, sollte eine Sprache erfinden, die alle Welt versteht . . .“ Maria Streußer (68) aus Kreuzau erzählt von ihrem Mann, der im Herbst 2007 im Aachener Klinikum operiert wurde. Während er im Operationssaal war, fand sie im Wäschespind seines Zimmers einen handgeschriebenen Brief, den ihr Mann vor der OP geschrieben hatte: „In der Hoffnung, das alles zu überstehen, möchte ich Dir sagen, daß ich Dich über alles liebe. . .“

Von einer langjährigen Freundin und intensivem Briefkontakt mit ihr erzählt Sabine Will (43) aus Eschweiler: „Wir sind zusammen zur Schule gegangen und miteinander groß geworden. Wir haben uns trotz räumlicher Nähe häufig Briefe geschrieben. Zum einen hat es mir gut gefallen, mich hinzusetzen, mich auf meine Busenfreundin zu konzentrieren, mir ausschließlich Gedanken darüber zu machen, wie schön es doch ist, eine Freundin zu haben, mit der man durch Dick und Dünn geht. Unzählige Briefe in rund 25 Jahren. Briefe voller Wärme, Respekt und Liebe. Den letzten Brief habe ich ihr vor zwei Jahren geschrieben. Leider ein Abschiedsbrief.“ Die Freundschaft habe einen Riss bekommen. Trotzdem gibt Will nicht auf: „Vielleicht werde ich ihr eines Tages mal wieder einen Brief schreiben und ihr schreiben, dass ich sie sehr vermisse und mir nicht nur etwas in meinem Leben, sondern auch etwas in meinem Herzen fehlt.“

Zu den Briefen, die am längsten aufgehoben werden, zählen jene, die während des Zweiten Weltkriegs geschrieben wurden. (88) aus Aachen erinnert sich an den Brief ihres Vaters, den sie 1941 zu ihrem elften Geburtstag erhielt. „Es war der letzte Brief meines Vaters aus Rußland. Am 15. September 1941 ist er beim nächsten Angriff auf Smolensk gefallen. . . Ich habe diesen Brief wie einen Goldschatz behandelt.“ Im selben Jahr hat Ursula Hardt (80) aus Aachen ihren Vater verloren. „Er hat meiner Mutter, die heute 100 Jahre alt ist, fast jeden Tag von dem Feldzug berichtet. Meine Mutter hat alle Briefe gesammelt, und ich habe sie zu zwei Büchern binden lassen. . . Für meine Mutter und für mich sind diese Briefe liebevolle Erinnerung, an der wir sehr hängen.“ Ähnlich geht es Ida Blesgen (79) aus Hergenrath, die sehr an einer Feldpostkarte ihres Vaters hängt: „Ja mein kleines Schimmelchen! Denkst Du auch schon mal an mich und hast Du Vati auch noch viel lieb?“

Unser Leser Karl-Heinz Gast (85) aus Geilenkirchen war zu Kriegsende bei der Flucht aus dem Osten von seinen Eltern getrennt worden und zeitweise in sowjetischen Heimen und Lagern gewesen. Er hat unserer Zeitung eine Postkarte geschickt (siehe Foto), die sein Vater Arthur 1948 aus einem sowjetischen Kriegsgefangenenlager an seine Frau Erna nach Bad Zwischenahn geschrieben hatte: „Meine liebe Frau! Ich war überglücklich, als ich die frankierte Karte von dem Auffinden unseres lieben Jungen erhielt. Nun hat das Leben wieder mehr Inhalt. Wie ist Karl-Heinz nach Berlin gekommen? Er soll doch selbst mal eine Karte an mich schreiben. . . Vielleicht komme ich auch bald nach Hause, dann werden wir 3 das Leben schon meistern.“

Ganz anderer Art sind weitere Briefe. Dazu gehört jener, den Franz-Josef Kofferath schon vor fünf Jahren an Papst Franziskus wegen der Missbrauchsfälle in der Kirche geschrieben hat. Da ist der Brief, über den sich Margot Kußmann (80) aus Aachen im Juli dieses Jahres riesig gefreut hat; ihre 15-jährige Enkelin Luzie hat ihn in schönster Schreibschrift verfasst und berichtet darin ausführlich über ihren Urlaub in Dresden: „Liebe Oma, ich schreibe dir hiermit deinen lang ersehnten Brief . . .“

Und schließlich Kriemhild Weirich (73) aus Aachen, die nach ihrer Abschlussklassenfahrt 1962 nach Österreich von einem Studenten, in den sie sich dort verliebt hatte, einen ganz speziellen Brief erhielt — „auf einer mit Buntstiften liebevoll handbeschriebenen Toilettenpapierrolle“.