Aachen: Wer einmal eine Essstörung hat, wird sie selten los

Aachen: Wer einmal eine Essstörung hat, wird sie selten los

Möglichst dünn zu sein, das ist nur ein kleiner Teil der Magersucht. Wer erkrankt ist, hat oft Probleme in der Familie, mit dem Selbstbewusstsein oder ist depressiv.

Das sagt auch Anna. „Das Schlankheitsideal, mein Perfektionismus und meine mangelnde Selbstliebe haben mich krank gemacht.“

Anna sucht seit 2008 immer wieder Rat bei Ruth Schwalbach von der Suchthilfe in Aachen. Schwalbach arbeitet schon seit 1987 mit Menschen zusammen, die eine Essstörung haben. 181 Patienten betreute sie im vergangenen Jahr. „Wie gut jemand behandelbar ist, hängt davon ab, wie lange er erkrankt ist“, sagt sie. Denn je früher man sich Hilfe sucht, umso eher bekommt man die Krankheit in den Griff.

Anna war 14 Jahre alt, als sie begann, abzunehmen. Als sie 18 war, machte der Körper nicht mehr mit. „Ich hatte damals einen BMI von 14. Mir war zwar klar, dass ich nicht dick bin, aber dass ich ein Problem hatte, habe ich damals nicht kapiert.“

Als Auslöser für eine Essstörung sieht Ruth Schwalbach auch die heutige Gesellschaft. „In der Uni wird einem im ersten Semester erzählt, dass man mit seinem Nebenmann nicht das Studium beenden wird, weil er es nicht schafft.“ Leistungsdruck an der Universität oder der Schule kann den Zwang auslösen, zumindest den eigenen Körper kontrollieren zu wollen. Aber auch den Schlankheitswahn, der über die Medien verbreitet wird, sieht Ruth Schwalbach als Problem. Wer krank wird, der hat einen ständigen Mangelzustand im Körper. Das wirkt sich irgendwann auf die inneren Organe wie Herz, Nieren und Gehirn aus — bis zum Tod.

In den letzten Jahren gibt es laut Schwalbach immer mehr Patienten mit Magersucht. Gerade der Anteil an Jungen und Männern nehme durch einen herrschenden Fitnesshype zu, sagt sie. Wer die Krankheit einmal hat, muss immer dagegen kämpfen. Auch Anna hat gute und schlechte Tage. „Die guten überwiegen zum Glück“, sagt sie. Trotzdem fällt es ihr zum Beispiel schwer zu essen, wenn Menschen dabei sind, die sie nicht kennt oder wenn sie das Essen nicht selbst zubereitet hat.

In der Langzeitstudie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) des Robert-Koch-Instituts zeigt sich, dass eher Mädchen an einer Essstörung leiden. Hinweise auf eine Essstörung gibt es außerdem bei Kindern und Jugendlichen mit niedrigem Sozialstatus oder mit einem Migrationshintergrund (siehe Grafik).

Zu Ruth Schwalbach kommen eher Patienten, die ein stabiles Umfeld haben. Gerade Migranten, sagt sie, finden den Weg in die Suchthilfe eher selten. Denn wenn sie nicht gerade einen engagierten Arzt haben, der sie zur Suchthilfe schickt, ist das Wissen um solche Anlaufstellen gering.

Ein weiteres Problem sei, dass es in Deutschland immer noch zu wenig Spezialkliniken und Tageskliniken für Patienten mit Essstörungen gebe. „Oft ist es dringend nötig, dass Patienten schnell einen Klinikplatz bekommen, es dauert aber Wochen bis die Zusage kommt und manchmal Monate, bis sie einen Platz haben. Wir als Beratungsstelle versuchen das dann aufzufangen.“ Bei der Suchthilfe kann den Patienten eine ambulante Einzel- oder Gruppentherapie angeboten werden. Dabei wird ein Essensprotokoll und ein Essensplan erstellt — wenn es von der Krankenkasse genehmigt wird, auch gemeinsam mit einem Ernährungsberater.

Name geändert

(vab)