Aachen: Wenn Wissenschaftler zu Brückenbauern werden

Aachen: Wenn Wissenschaftler zu Brückenbauern werden

Mitte Mai dieses Jahres ist in Jordanien eine ganz besondere Forschungseinrichtung eingeweiht worden: die Synchrotronanlage Sesame. Sie liegt 35 Kilometer nördlich von Amman und soll der strukturschwachen Region Anschub geben. Die Anlage liefert energiereiche Strahlung unterschiedlicher Wellenlängen. Damit können Wissenschaftler unterschiedlichster Disziplinen ihre Materialproben detailliert untersuchen.

Rund 60 Anlagen dieser Art gibt es weltweit. Doch Sesame — das Wort steht für „Synchrotron-light for Experimental Science and Application in Middle-East“ — ist trotzdem einzigartig: Hier sollen Israelis, Palästinenser, Araber und Iraner gemeinsam forschen — Wissenschaftler aus Ländern also, die sich politisch spinnefeind sind. So könnte der Teilchenbeschleuniger auch einen Beitrag zur Entspannung in dieser latenten Krisenregion liefern. Das ist jedenfalls die Hoffnung.

An der Einweihung nahm auch Prof. Herwig Schopper teil. Für den 93-jährigen Physik-Professor eine Herzensangelegenheit. Denn ohne seine Initiative und seine Vorarbeit wäre Sesame wohl nicht möglich gewesen. Für die Gründung hatte er sich seit Ende der 90er Jahre eingesetzt und dabei auf seine Erfahrungen als Direktor des Cern (1981 bis 1988) gebaut, des Forschungszentrums im Kanton Genf in der Schweiz.

Denn auch Cern, das größte Teilchenforschungslabor der Welt, war immer mehr als ein Ort, an dem führende Wissenschaftler aus aller Welt zusammenkamen, um zu forschen. Cern stand von Anfang an für die Vorstellung, Wissenschaft könne völkerverbindend wirken, könne vielleicht sogar einen Beitrag zum Frieden leisten. Wie der aussehen könnte, wird Schopper am 21. November bei einer Diskussionsveranstaltung im Rahmen von RWTH extern im Aachener Rathaus erläutern.

24 Länder sind an Sesame beteiligt

Sesame steht unter dem Dach der Unesco. 24 Länder sind daran beteiligt, darunter Ägypten, Bahrain, Israel, Iran, Jordanien, Kuwait, Pakistan, Palästina, die Türkei und Zypern, aber auch Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Spanien, China, Japan, Russland und die Vereinigten Staaten. Regierungsvertreter und Wissenschaftler der beteiligten Länder sitzen im Beirat gemeinsam am Tisch. Man redet miteinander, man trifft Verabredungen und verbindliche Vereinbarungen — was auf rein politischer Ebene in den meisten Fällen nicht der Fall ist.

„Dass Wissenschaft nur noch international funktioniert, ist eine Normalität. Sesame beweist aber, dass die Wissenschaft auch etwas an die internationale Gemeinschaft zurückgeben und dabei helfen kann, Verbindungen und Vertrauen auch in der Politik aufzubauen“, sagt der Kernphysiker Schopper, der noch bei Lise Meitner geforscht hat. Der 93-Jährige ist davon überzeugt: „Das ist Teil unserer Verantwortung.“ Schopper beruft sich dabei auf den „Geist von Cern“, dem er sich verpflichtet fühlt. Deshalb geht seine Initiative noch weiter: Was in Jordanien nun eingeweiht wurde, soll in ähnlicher Form auch auf dem Balkan entstehen. Der Plan dazu nimmt konkrete Formen an; neun Partner haben bereits entsprechende Vereinbarungen geschlossen.

Schopper betont allerdings: Projekte wie Sesame können nur funktionieren, wenn sie wissenschaftlich von Belang sind und die Forschung nach vorne bringen. Die gute politische Absicht allein reicht nicht. Ein bisschen Symbolik kann aber auch nicht schaden: Als darüber diskutiert wurde, ob auch Wissenschaftler aus Israel an Sesame teilnehmen und dort forschen sollen, musste die Frage geklärt werden, wie diese schnellstmöglich dorthin kommen. Schopper gelang es, die jordanische Regierung davon zu überzeugen, die Allenby Brücke über den Jordan, die für Israelis eigentlich streng verboten ist, für die Wissenschaftler zu öffnen.

Sesame als Brücke, Schopper als Brückenbauer: Das sagt alles.