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Aachen: Wenn sich der Herzenswunsch im Kirchenamt erfüllt

Aachen : Wenn sich der Herzenswunsch im Kirchenamt erfüllt

„Ich habe Wolke sieben noch nicht verlassen“, lächelt Dennis Rokitta (34). Vor wenigen Tagen hat er im Aachener Dom seine Weihe zum Priester empfangen und die Primiz — also die erste Messe — in seiner Heimatkirche Herz Jesu in Mönchengladbach-Bettrath gefeiert. In seiner Einsatzpfarre St. Sebastian in Würselen wird er am Sonntag die zweite Primiz haben.

Vermutlich im September geht er als Kaplan nach Krefeld. Freude gibt es auch in der evangelischen Kirchengemeinde: „Und ich habe meinen Geburtstag nicht gefeiert, ich habe allen gesagt, sie sollen stattdessen zu meiner Ordination kommen“, sagt Anna Lina Becker (29), die frischgebackene Pfarrerin (Annakirche/Junge Kirche) strahlt glücklich.

Stolz, glücklich und in ihrer Entscheidung bestätigt: Dennis Rokitta hat im Aachener Dom seine Priesterweihe empfangen. Anna Lina Becker erhielt in der Aachener Immanuelkirche die Ordination und ist jetzt als evangelische Pfarrerin im Einsatz. Foto: Andreas Herrmann

Ganz andere Pläne

Beide kommen sie aus Mönchengladbach. Ihr mit Leidenschaft gewähltes Ziel haben sie erreicht — jetzt beginnt die zweite Etappe dieses Weges, dem ein großer Wunsch voranging: Priester werden, Pfarrerin werden, mehr tun, als Theologie studieren.

Den Glauben aktiv weitergeben. Im Interview haben der Priesteranwärter und die Vikarin unserer Zeitung vor drei Jahren erzählt, was sie hoffen, wie sie mit diesem Entschluss umgehen. Immerhin hatte Rokitta Chemie studiert und war Mitarbeiter des Instituts für Pharmakologie in Köln. Anna Lina Becker hatte gleichfalls außerkirchliche Pläne, sie wollte ursprünglich Physiotherapeutin werden.

Dann war der Weg in Richtung Kirchenamt konkret. Es wurde studiert, praktische Erfahrungen kamen hinzu, man probierte sich aus, unterstützt von Mentoren und geistlichen Begleitern. Guter Rat in praktischen Dingen, aber auch hinsichtlich des persönlichen Glaubens war wichtig. Rokittas „Anleiter“ wurde Pfarrer Rainer Gattys in Würselen. „Menschenfreundlich, offen, einer, der sich dafür einsetzt, dass das Leben anderer gelingt“, wie es Rokitta ausdrückt. Ohne jemanden, bei dem man Selbstzweifel und Unsicherheiten zugeben darf, ging es nicht. Der Seelsorger brauche den Seelsorger.

„Es gibt noch immer Momente, in denen ich keine Antwort finde, mich unsicher fühle“, gesteht Anna Lina Becker. Ihr Mentor im Vikariat war der Aachener Pfarrer Redmer Studemund (Immanuelkirche), ihr wichtigster Ratgeber und ein Vorbild. Was sie im Rahmen ihrer Ausbildung faszinierte, war der Blick auf andere Religionen und Kulturen, auf Spiritualität in jeglicher Ausprägung. Heute wie damals sagt sie: „Die Neugier ist es, die ich als Hauptimpuls aus meiner Ausbildung mitgenommen hat.“ Gedanken, die sie in der kommenden Woche bei der Vollversammlung der Konferenz europäischer Kirchen in Serbien als offizielle Vertreterin der Landeskirche umsetzen wird.

Erste berufliche Erfahrungen boten nicht selten Überraschungen. Rokitta lacht. „Ich dachte, ich als Kopfmensch komme im Rahmen meines Schulpraktikums ans Gymnasium, in einen Leistungskurs. Da hatte ich mich aber getäuscht.“ Sein Einsatzort: das dritte und vierte Schuljahr einer Grundschule. Wie sich herausstelle: „Eine tolle Zeit, die Offenheit der Kinder ist unglaublich, ihre Antworten auf Fragen des Lebens lassen uns staunen.“ Heute weiß er, warum sein Anleiter meinte: „Wenn du Kindern Glauben erklären kannst, dann kannst du ihn jedem erklären.“

Mit kirchlicher Bürokratie tut man sich beiderseits schwer. „Ich glaube nicht, dass wirklich alles so schwerfällig sein muss“, seufzt Anna Lina Becker. Rokitta hat erfahren, wie schwierig Teamarbeit sein kann, wenn nicht alle in gleicher Weise mitziehen. „Dafür habe ich aber danach auch erlebt, wie sich ein Pastoralteam neu bilden kann. Harmonie ist kein frommer Wunsch, sie funktioniert.“

Rückblickend sind sie nachdenklich. So war Anna Lina Becker zunächst gar nicht so sehr von der Amtskleidung, dem Talar, begeistert. „Ich habe ihn früher als ein Zeichen des Patriarchats empfunden“, meint sie. „Heute weiß ich, dass er einen Vertrauensvorschuss schenkt.“

So manche dogmatische Frage sieht Rokitta heute gelassen unter dem Motto „Theologie muss den Praxistest bestehen.“ Gab es in den drei Jahren Zweifel am Entschluss? Rokitta: „Dass ich Priester werden wollte, stand fest. Es stellte sich jedoch die Frage, ob ich in dieser Kirche auch Priester sein kann . . .“ Während des Vikariats hatte Anna Lina Becker gleichfalls „echte Durststrecken“. „Aber ich fühlte mich immer wieder an die Hand genommen.“

Die größte Faszination? „Die Eucharistie“ sagt der Priester. Wie geht er mit dem Mysterium um? „Staunend, ein Geschenk, das man nur mit dem Glauben erfahren kann.“ Und seine evangelische Kollegin bestätigt: „Gottesdienst ist kein rein rationales Geschehen, das Mysterium ist wichtig, es stößt innerlich etwas an.“

Was die jungen Seelsorger stark macht, ist das Gebet. „Ich halte Gott meistens abends alles hin, meine ganze Unzulänglichkeit, das macht frei“, gesteht Rokitta. Die Pfarrerin spricht vor Gottesdiensten ein Stoßgebet: „Bitte, Gott, sprich Du! Dann kann ich reden.“