Attacken gegen Einsatzkräfte: Wenn Retter selbst zu Opfern werden

Attacken gegen Einsatzkräfte : Wenn Retter selbst zu Opfern werden

Der aufgebrachte Mann war nicht mehr zu beruhigen, das Rettungsfahrzeug versperrte seinen Fahrweg, er schubste die Sanitäter in Richtung Fahrzeug, schließlich wollte er weiter. Der Vorfall, der sich vor ein paar Tagen in Aachen ereignet hat, endete mit einer Anzeige.

Das Verfahren läuft noch, eine Einstellung ist unwahrscheinlich, die empfindliche Strafe absehbar. Solche Attacken sind nicht der Alltag bei mehr als 50.000 Einsätzen, aber auch kein Einzelfall, sagt Jürgen Wolff, der Chef der Aachener Berufsfeuerwehr. Retter werden geschlagen, geschubst, beleidigt oder bespuckt, die Hemmungen fallen. „Das hier ist keine Oase, wir erleben hier den bundesdeutschen Durchschnitt“, sagt Wolff.

An Beispielen mangelt es nicht: Eine Frau beschimpft wütend Rettungskräfte, weil die gerade einen Menschen auf der Straße reanimieren und ihr den Weg versperren. „Die Kompromissfähigkeit nimmt erkennbar ab“, sagt der Leitende Zugführer der Aachener Berufsfeuerwehr, Stefan Wenders, der auch schon mal einen Protestbrief eines Anliegers beantworten muss, der sich durch das Blaulicht der Einsatzkräfte um seinen Schlaf gebracht sieht.

Vor ein paar Wochen sahen sich sogar die Delegierten des Deutschen Feuerwehrverbands bei ihrem Treffen in Erfurt gezwungen, eine Resolution mit dem Titel „Gewalt geht gar nicht!“ zu verabschieden. Das Thema ist nicht neu, aber mit der Resolution sollte noch einmal die Sirene angeworfen werden.

Mehr als 1000 Übergriffe während eines Rettungs- oder Löscheinsatzes zählte die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) in den vergangenen fünf Jahren. Die Zahl gibt nur die meldepflichtigen Zwischenfälle mit einer Arbeitsunfähigkeit ab vier Tagen wieder. „Unser Rettungssystem verbessert sich permanent, das merken viele Menschen erst, wenn sie persönlich davon profitieren. Ansonsten fühlt man sich eher gestört durch unsere Einsätze“, ist die Erfahrung von Feuerwehrchef Wolff. Und er spricht auch für die Kollegen vom Malteser Hilfsdienst, den Johannitern und dem Roten Kreuz, die viele Transporte übernehmen.

Helfer in der Not: Stefan Wenders von der Aachener Berufsfeuerwehr zeigt den Pager, über den im Notfall die Polizei alarmiert wird. Foto: ZVA/Christoph Pauli

Die Region ist ein Vorreiter bei dem Thema. Vor zehn Jahren bereits wurde das „Aachener Modell l zur Reduzierung von Bedrohungen und Übergriffen am Arbeitsplatz“ initiiert. Die Unfallkasse Nordrhein, Polizei- und Rettungskräfte machten sich Gedanken, wie man auf die zunehmende Gewalt angemessen reagieren könne. Damals wurden erste Deeskalationstrainings selbst organisiert, sagt Wenders, einer der Mitinitiatoren des Projekts bei der Berufsfeuerwehr. Inzwischen gibt es eine Dienstanweisung, wie sich Betroffene verhalten sollen, wenn ihnen verbale oder körperliche Gewalt am Einsatzort entgegenschlägt. Die Mitarbeiter lernen Gewaltbereitschaft einzuschätzen, kennen Strategien zur gewaltfreien Kommunikation.

Bei körperlichen Übergriffen wird von Amts wegen Strafanzeige erstattet, bei Beleidigungen entscheiden die Kollegen selbst, ob ihre Toleranzgrenze überschritten ist, sagt Wenders. Es habe auch schon Einsätze gegeben, die aus Sicherheitsgründen unterbrochen werden mussten, bis die Polizei eintraf. Manchmal ist die Gefahr absehbar, wenn Gefängnisinsassen oder psychisch schwer kranke Menschen transportiert werden. Es gebe klassische Fälle, sagt Wolff, wenn Menschen unter Alkohol- oder Drogeneinfluss aggressiv auf die Retter reagieren. „Aber es gibt auch Busfahrer, die ausflippen, weil sie nicht weiterkommen oder Anlieger, die sich nicht mehr unter Kontrolle haben, weil ihre Straße vorübergehend wegen eines Einsatzes gesperrt werden muss.“

Einsatzleiter Wenders beobachtet einen zunehmenden Wertekonflikt, den seine Kollegen erleben. Sie rücken aus, um professionell zu helfen, und werden dann teils mit krasser Ablehnung konfrontiert. Etabliert ist inzwischen bei den Rettern eine psychosoziale Hilfe nach solchen Einsätzen. Betroffene können auf geschulte Kollegen zugreifen, wenn das nicht ausreicht, kommen Experten dazu.

Der Gesetzgeber hat schon vor ein paar Jahren reagiert. Der Paragraph 115 des StBGB, der bislang nur für Vollstreckungsbeamte galt, ist ausgedehnt worden auf Mitarbeiter von Feuerwehr, Katastrophenschutz oder Rettungsdienst. Wer Widerstand gegen solchen Helfer leistet oder sie sogar attackiert, riskiert eine Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren.

Seit Mai sieht ein Meldeerlass vor, dass Körperverletzungen und Sachbeschädigungen ins Innenministerium gemeldet werden. Das Problem lässt sich nun erstmals in Statistiken ablesen. Mit ziemlicher Sicherheit wird das Zahlenwerk auch in diesen Tagen angereichert. Die Tage vor dem Jahreswechsel sind intensive Einsatztage für die Retter. „Wir werden die gesamte Palette der menschlichen Empfindungen erleben“, vermutet Wolff. Seit ein paar Wochen sind alle seine Einheiten mit einem kleinen Pager ausgestattet. Bei Gefahr in Verzug lässt sich mit den Meldeempfängern nun unbemerkt die Leitstelle alarmieren.

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