Eschweiler: Wenn Leben per Telefon gerettet werden

Eschweiler: Wenn Leben per Telefon gerettet werden

An einem Tag im vergangenen Frühjahr ging in der Leitstelle der Eschweiler Feuerwehr ein Notruf ein, Marcel Kinkel ging ans Telefon und meldete sich, wie er es immer tut: „Notruf, Feuerwehr, Rettungsdienst?“ Am anderen Ende der Leitung meldete sich eine hysterische Frau.

„Wo genau ist der Notfallort, was ist genau passiert?“, fragte Kinkel mit ruhiger Stimme. Er deeskalierte, beruhigte und klärte die wichtigsten Fragen, damit so schnell wie möglich ein Rettungswagen losgeschickt werden konnte. Der Mann der Anruferin lag leblos auf dem Boden. Kinkel fragte: „Wollen Sie versuchen, nach meiner Anleitung eine Wiederbelebung durchzuführen, bis der Notarzt da ist?“

In der Leitstelle der Eschweiler Feuerwehr sind alle Feuerwehrleute auch ausgebildete Rettungsassistenten. Marcel Kinkel ist einer von ihnen. Foto: Lili Killmeyer

Erst fragen, dann handeln

Eine solche Situation ist kein Einzelfall. Vor einigen Tagen ereignete sich ein ähnlicher Fall in Nordhessen. Ein neunjähriger Junge reanimierte nach telefonischer Anweisung eines Rettungssanitäters seinen zweijährigen Bruder, der in einen Swimmingpool gefallen war. Der Bruder überlebte. In Düsseldorf rettete im März ein älterer Mann seiner Frau nach telefonischer Anweisung das Leben.

Das Konzept der Telefonreanimation ist 1985 in den USA entwickelt worden, 2001 wurde es in Deutschland etabliert und seit 2010 als Standard in die Notrufabfrage eingebaut. Trotzdem ist es noch immer nicht gelungen, das gesamte Personal in den Notrufzentralen Nordrhein-Westfalens entsprechend zu schulen, wie das nordrhein-westfälische Gesundheitsministerium auf Anfrage unserer Zeitung mitteilte.

Eschweiler gehört zu den Städten in der Region, in denen die Feuerwehr den Rettungsdienst übernimmt. Es ist aber auch nicht unüblich, den Rettungsdienst an Hilfsorganisationen wie das Deutsche Rote Kreuz oder die Johanniter übertragen. In der Leitstelle der Feuerwehr in Eschweiler sitzen nur ausgebildete Rettungsassistenten, und der Beruf des Rettungssanitäters ist immerhin die höchste nichtärztliche medizinische Qualifikation in der Notfallmedizin.

Auch eine spezielle interne Ausbildung für den Einsatz in der Notrufzentrale müssen alle durchlaufen, die dort eingesetzt werden. Diese dauert einige Tage in der Theorie, wird dann aber über mehrere Schichten hinweg praktisch gelernt und durch Abfragen und Simulationen geprobt, bis der Rettungsassistent dann in der Notrufzentrale eingesetzt werden darf.

In der Notfallzentrale selber sitzen immer mindestens zwei Mitarbeiter, so dass ständig mindestens einer anwesend und bereit sein kann, denn eine Telefonreanimation kann bis zu zwölf Minuten dauern. Das ist die Zeit, die der Rettungswagen allerhöchstens brauchen darf, um am Einsatzort zu sein.

Die eingehenden Notrufe verlaufen grundsätzlich nach einem Standardverfahren. Das Wichtigste und wohl auch Schwierigste bei jedem Notruf ist, das Gespräch direkt zu übernehmen und mit beruhigender Stimme erst einmal Standort, Situation und Geschehnisse zu erfragen.

Denn erst dann kann der Rettungswagen losgeschickt werden. Im weiteren Verlauf wird gefragt, ob der Patient ansprechbar ist, atmet, normal aussieht. Handelt es sich um einen lebensbedrohlichen Notfall, liegt die Aufgabe des Rettungssanitäters am anderen Ende der Leitung darin, dem Anrufer die Angst zu nehmen und ihn davon zu überzeugen, unter genauen Anweisungen und ständiger Hilfe eine Wiederbelebung zu versuchen.

Feuerwehrmann Kinkel sagt, dabei müsse man unter Umständen sehr erfinderisch sein und vor allem starke Nerven haben, denn der Großteil der Anrufer sei hysterisch, würde vorher auflegen oder fühle sich nicht in der Lage, eine Reanimation durchzuführen: „In einer solchen Situation kann man der Person niemals schaden, man kann ihr nur helfen“, sagt Kinkel. Pro Minute, in der nichts passiert, würden die Überlebenschancen des Patienten um zehn bis 15 Prozent gemindert. Schon zwei Minuten ohne Blutkreislauf können irreversible Hirnschäden verursachen.

Laut dem Deutschen Rat für Wiederbelebung (GRC, „German Rescue Council“) führt allerdings nur etwa jeder fünfte Deutsche bei einem Kreislaufstillstand eine Reanimation durch, meist aus Angst, etwas falsch zu machen. Dabei ist in den Fällen, in denen eine Telefonreanimation tatsächlich durchgeführt wird, die Überlebenschance sehr hoch, sagt Kinkel. Auch hat sich laut GRC erwiesen, dass die Änderung einzelner Worte oder der Satzstellung zu einer sehr viel schlechteren Qualität der Reanimation führt.

Aus diesem Grund wird der Anrufer beispielsweise nicht dazu aufgefordert, eine Mund-zu-Mund-Beatmung durchzuführen oder den leblosen Menschen auf eine feste Unterlage zu legen, da dies den Anrufer wahrscheinlich nur noch mehr überfordern und somit von der lebenswichtigen Reanimation abhalten würde.

Die telefonische Wiederbelebung wird in Deutschland noch sehr zögerlich angewendet. Laut Datenerfassung im Deutschen Reanimationsregister liegt Deutschland im europäischen Vergleich im unteren Fünftel. Der Deutsche Rat für Wiederbelebung setzt sich deshalb seit Jahren dafür ein, dass Erste-Hilfe-Kurse fester Bestandteil der Lehrpläne an deutschen Schulen werden. Diese Kurse sollten nach Empfehlung des GRC jährlich wiederholt werden.

Auch der Notfall während des vergangenen Frühjahrs in Eschweiler ging am Ende gut aus. „Ich sage Ihnen jetzt genau, was Sie tun müssen“, sagte Marcel Kinkel damals. Mit ruhiger Stimme gab er der aufgeregten Frau am Telefon genaue Anweisung für eine Herzdruckmassage. Die Frau begann mit der Reanimation, erst zu langsam. Doch durch lautes Mitzählen des Feuerwehrmannes gelang es ihr, ihren Mann wieder zum Atmen zu bringen. Am Ende überlebte er.