Aachen: Wenn Häftlinge kochen: Die JVA Aachen lädt zum Essen ein

Aachen: Wenn Häftlinge kochen: Die JVA Aachen lädt zum Essen ein

Am Anfang ist alles Gedränge. Die Gäste drängen sich in der Enge des Raumes vor der Kantine, die Köche drängen sich nebenan in der Küche, die Fernsehteams drängen sich überall dazwischen und führen Interviews mit Häftlingen.

Stimmengewirr, der Lautsprecher knackt, Gläser klimpern. Dann geht die Tür auf und das Gedränge geht in der Kantine weiter. Einer der Wärter sagt: „Um Himmels Willen.”

Die Justizvollzugsanstalt Aachen am Freitagabend, Krefelder Straße, halbwegs zwischen Reitstadion und Autobahnauffahrt gelegen. 60 Menschen sind gekommen, um sich vom Fortgeschrittenen-Kochkurs der JVA beköstigen zu lassen, es gibt Roulade vom gebeizten Lachs, Cremesüppchen vom Hokaidokürbis, Printenparfait, diese Sachen. Und weil man in einem Gefängnis ist, trinkt man Cocktails und Wein ohne Alkohol. Alle 60 Gäste haben 75 Euro bezahlt, damit die Kochkurse auch in Zukunft stattfinden können. Deswegen heißt die Veranstaltung: Benefiz-Dinner hinter Gittern. So was hat´s in Deutschland noch nicht gegeben.

Der Anstaltsleiter heißt Hans-Joachim Gries, sein kleines, graues Büro liegt auf der zweiten Etage. Vom Ledersessel hinter seinem Schreibtisch aus blickt er Richtung Süden auf die Stadtgärtnerei und die Kläranlage, Gries sagt, dass er mit der Aussicht ganz zufrieden ist. An den Wänden hängen Schwarzweißfotos, hinter ihm ein abstraktes Acrylgemälde in Blau, Weiß und Orange, die Zeichenlehrerin in der JVA Herford hat ihm das mal geschenkt. Die JVA Herford war die erste, die Gries geleitet hat, irgendwann in den 90er Jahren. Und 2003 ist er dann nach Aachen gekommen.

Dass dieses Benefiz-Dinner gestern Abend stattfinden konnte, sagt Gries, sei im Wesentlichen seiner Stellvertreterin zu danken. Brigitte Kerzl-Steinkellner hat vor drei Jahren den Kochkurs initiiert, seitdem lernen bis zu zwölf Gefangene regelmäßig Kochen, und zwar von Manfred Tirtey, 47, Berufskoch.

Gries, 65, ist im Gegensatz zu den meisten seiner Amtskollegen kein Jurist, sondern Psychologe, er findet, psychologische Kenntnisse seien keine schlechte Grundlage, um ein Gefängnis leiten zu können. Er kann das wahrscheinlich ganz gut einschätzen, seine Dissertation trägt den Titel: „Das Berufsbild des Aufsichtsbeamten”. Und das ist er ja, ein Aufsichtsbeamter, auch wenn er der Anstaltsleiter ist.

„Ja, die Dissertation”, sagt Gries und lacht.

Klar, seit den 70er Jahren habe sich, was das Berufsbild der Aufsichtsbeamten betrifft, vieles geändert - und eigentlich doch nichts. Gries sagt: „In erster Linie müssen die Beamten immer noch aufpassen, dass ihnen die Gefangenen nicht weglaufen, so einfach ist das” - und eigentlich doch nicht. Die Verwahranstalten, die sie einst waren, wollen die JVAs schon länger nicht mehr sein, Resozialisierung heißt das Wort, das einen erheblichen Teil des ideologischen Überbaus zeitgemäßer Gefängnisse ausmacht.

Womit man irgendwie wieder beim Freitagabend wäre.

Man könnte jetzt soziologische Abhandlungen über den Segen sinnvoller Betätigungen von Gefängnisinsassen zusammenfassen, man kann aber auch einfach die Geschichte von Hermann Ariel Scheige aus Uruguay erzählen, stellvertretend für viele andere Gefangene.

Als Hermann Ariel Scheige 1998 nach Aachen ins Gefängnis kam, war er sich nicht darüber bewusst, was das mit ihm machen würde. Zwölf Jahre hat er bekommen, Kokainhandel, zwölf Jahre mit anschließender Sicherungsverwahrung. Möglich, dass Scheige, 50, keinen Tag seines Lebens mehr in Freiheit verbringen wird. Die ersten drei Jahre, sagt er, „habe ich vollkommen unter Schock gestanden und meine Zelle kaum verlassen”. Dann hat er angefangen, Klavier zu spielen.

Es würde zu kurz greifen zu sagen, das Klavierspielen hätte Scheiges Leben im Gefängnis von Grund auf verändert, dabei waren auch andere Dinge wichtig, aber es hat eine Rolle gespielt. Scheige ist auch in diesem Kochkurs, der gestern Abend gekocht und serviert hat, und Scheige ist Redakteur der Aachener Gefangenenzeitung, die „printe” heißt und viermal im Jahr erscheint.

Kurz gesagt: Scheige hat wieder eine Aufgabe. Eine Herausforderung. Sein Leben hat: einen Sinn, auch wenn das vielleicht pathetisch klingt.

Kurz bevor der erste Gang serviert wird, müssen die Fernsehleute die Kantine verlassen. Kabel 1, Pro 7, RTL, TV Gusto, WDR und ZDF haben Teams geschickt, irgendein russischer Sender auch, die Redaktionen der Boulevardsendungen sind entzückt von der Veranstaltung. Man kann sich lebhaft ausmalen, wie die Beiträge heißen werden, die aus den Aufzeichnungen zusammengeschnitten werden, „Kochende Knackis” oder „Gala hinter Gittern”, so in dieser Art. Die beteiligten Häftlinge spielen mit und tragen es mit Fassung.

Als die Journalisten den Raum verlassen haben, wird es endlich ruhiger. Die sechs für den Service zuständigen Häftlinge tragen die Teller mit dem Lachs rein, die Kerzen leuchten, und draußen vor dem Fenster geht die Sonne unter. Das Dinner kann beginnen.

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