Umsatzsteuer auf Gemeindeaktivitäten: Wenn der Fiskus beim Pfarrfest hinschaut

Umsatzsteuer auf Gemeindeaktivitäten : Wenn der Fiskus beim Pfarrfest hinschaut

Von 2021 an wird die Umsatzsteuer auf Veranstaltungen von Kirchengemeinden fällig. Dann muss über die verkauften Würstchen und Kuchen Buch geführt werden. Im Bistum laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren.

Ab 2021 schaut der Fiskus auch bei Pfarrfesten, Wallfahrten und der Vermietung des Pfarrheims ganz genau hin: Ab dann gelten die üblichen Vorgaben der Umsatzsteuerregeln auch für Kirchengemeinden. Auf die Einnahmen können bis zu 19 Prozent Steuern fällig werden.

Mit der neuen Gesetzgebung wird EU-Recht umgesetzt. Aus Gründen der Wettbewerbsfairness werden juristische Personen öffentlichen Rechts, also auch Kirchengemeinden, Unternehmern gleichgestellt. Die Steuern für die Gemeinden werden aber nur dann fällig, wenn sie durch Aktivitäten erzielt wurden, die ein privater Unternehmer genauso gut hätte anbieten können – und wenn die Gemeinde einen Jahresumsatz von mehr als 17.500 Euro hat. In der Regel müssen die Gemeinden 19 Prozent des Umsatzes abführen, beim Verkauf von Bibeln oder Blumen etwa sind es sieben Prozent.

Eigentlich ist die Neuregelung seit Januar 2017 in Kraft, doch die Betroffenen bewirkten eine Übergangsfrist, die am 1. Januar 2021 ausläuft. Dann ist der Verkauf von Getränken und Kuchen auf dem Gemeindefest genauso steuerpflichtig wie der von Friedenslichtern und Osterkerzen und die Dauergrabpflege auf dem kirchlichen Friedhof. Zwei Ausnahmen gibt es: Wenn Kirchengemeinden „im Rahmen der öffentlichen Gewalt“ handeln, also zum Beispiel einen Friedhof betreiben und dafür Nutzungsgebühren per Satzung festlegen – und wenn der kirchliche Verkündigungsauftrag im Vordergrund steht, also etwa bei Ausflügen mit Kommunionkindern in der Vorbereitung auf die Erstkommunion.

Im Bistum Aachen laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Die Kirchenvorstände sind laut Generalvikariat im vorigen Jahr für die anstehenden Neuregelungen sensibilisiert worden. Die Verwaltungszentren hätten inzwischen erste Schulungen hinter sich. Die Pfarrsekretärinnen wurden gerade reihum dran. „Sie sind wichtige Anlaufstellen bei diesen Fragen“, sagt Christoph Maletz, Steuerreferent im Generalvikariat. Im Oktober und November gibt es vier Infoveranstaltungen für alle Interessierte verteilt übers ganze Bistum. „Unsere Ehrenamlter sollen keine Steueroptimierungsexperten werden“, sagt Maletz, „aber wir wollen, dass die Gemeinden die nötige Sicherheit im Umgang mit dem Thema haben und die staatlichen Vorgaben pragmatisch umsetzen können.“

Die Schwierigkeit ist, dass es in den Gemeinden zu vielen kleinen Einnahmen kommt: Die Messdiener verkaufen Tannenbäume und sammeln sie wieder ein, die Bücherei verleiht Bücher – und verkauft alte Exemplare einmal im Jahr bei einem Flohmarkt. Was davon ist steuerpflichtig? Was nicht?

In einem ersten Schritt geht es deswegen um eine Bestandsaufnahme: Kommt die einzelne Gemeinde in der Summe überhaupt über die Freigrenze von 17.500 Euro Einnahmen pro Jahr, ab derer sie künftig – wie jeder Kleinunternehmer – steuerpflichtig wird? „Genau das müssen die Gemeinden jetzt feststellen“, sagt Maletz. Gemeinden mit einem aktiven Gemeindeleben macht er aber wenig Hoffnung: „Wenn eine Kirchengemeinde lebt und viel anbietet, entstehen immer Einnahmen. Und dann ist diese Grenze schnell überschritten.“

Zusammen mit anderen Diözesen in NRW haben die Experten im Bistum Aachen eine übersichtliche Arbeitshilfe für die Gemeinden entwickelt. Sie beantwortet die wichtigsten Fragen so gut, dass das Erzbistum Hamburg schon angefragt hat, ob sie die Arbeitshilfe ihren Gemeinden vor Ort ebenfalls zur Verfügung stellen darf. Auch die Fragen von eben werden darin beantwortet: die Messdieneraktionen sind steuerpflichtig, der Bücherverkauf und der -verleih nicht.

Das Bistum Aachen stemmt sich nicht gegen die nun anfallenden Steuern. Allerdings wird die Kosten-Nutzen-Frage in Zweifel gezogen: „Die Neuregelung löst viel Bürokratie aus, obwohl der finanzielle Ertrag aus Verkäufen überschaubar sein dürfte“, sagt Bistumssprecher Stefan Wieland. „Der personelle und finanzielle Aufwand dürfte enorm sein“, sagt der Sprecher der Evangelischen Kirche im Rheinland, Jens Peter Iven.

Dem Aachener Generalvikariat wird aus vielen Gemeinden die Sorge gespiegelt, etwas aus Unkenntnis falsch zu machen. Das Bistum will ihnen diese Sorge nehmen. Es gebe ja auch jetzt schon am Ende eines Pfarrfestes eine Abrechnung, weil der Reinerlös meist einem wohltätigen Zweck zufließen soll, sagt Maletz. Nun müsse möglichst standardisiert erreicht werden, dass die Einnahmen auch steuerrechtlich richtig verbucht werden. Die Buchhaltungsprogramme im Bistum werden laut Maletz gerade auf diese neue Aufgabe vorbereitet.

Und was ändert sich für die Besucher des Gemeindefestes? Das Bier oder das Kotelett könnte im Zweifel ein wenig teurer werden. Maletz will ehrlich sein: Wegen der Besteuerung könne am Ende der ein oder andere Euro in der Gemeindekasse fehlen, wenn nicht der Preis angehoben werde. „Wer die Besteuerung nicht einkalkuliert, könnte am Ende weniger für den guten Zweck übrig haben.“

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