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Aachen/Düren/Heinsberg: Wenn der beste Freund zu teuer wird: Tierheime überfüllt

Aachen/Düren/Heinsberg : Wenn der beste Freund zu teuer wird: Tierheime überfüllt

Jedes Jahr das gleiche Problem: Die Sommerferien kommen, und das sorgenvolle Herrchen weiß nicht, wo der edle Bernhardiner namens Jürgen dieses Mal seine Ferien verbringen soll. Nur eines ist klar: Die Strapazen der Autofahrt über den Brenner nach Italien ist dem Tier nicht zuzumuten.

Dann ist guter Rat teuer. Eine private Pension will etwa 50 Euro täglich für die Pflege kassieren. Die Zeit drängt, eine Lösung muss her. In einer Stunde soll die Mammuttour Richtung Süden losgehen...

Birgit Wintersteller-Kordic kennt solche Szenarien zur Genüge. Im Aachener Tierheim betreut die Tierschutzbeauftragte das Notruf-Telefon. Oft kommt es vor, dass Hunde angeleint am Tor warten, wenn sie zur Arbeit kommt.

Wer sich während der Öffnungszeiten meldet, kann aber auch nicht immer sicher sein, dass sein Liebling ein neues Obdach findet. „Es ist schon vorgekommen”, erzählt Heide Laut, die das Dürener Tierheim leitet, „dass Villenbesitzer mit dem Daimler vorfuhren und ihren Hund loswerden wollten, weil der Opa plötzlich ins Krankenhaus musste. Das geht nicht. Für solche Fälle sind wir kein Notstopfen. Schließlich bekommen wir öffentliche Zuschüsse für unsere Arbeit.”

Apropos Finanzen: Die Wirtschaftskrise ist in den Tierheimen der Region längst angekommen. Mancher Tierhalter sagt offen, dass er sich Futter und Tierarztkosten nicht mehr leisten kann, weiß Sieglinde Schaab vom Heinsberger Tierheim. Mancher verschämte, klamme Katzenhalter argumentiert lieber mit einer plötzlich ausgebrochenen Allergie, die die Trennung von Mietze oder Kasimir erforderlich macht... „Mit der Zeit hat man ein Gefühl für solche Leute.”

Angesichts der Sorgen um den eigenen Arbeitsplatz halten viele Bürger derzeit ihr Portemonnaie fest zu - und spenden spürbar weniger für die Tierheime, sagen die Vertreter dieser Einrichtungen unisono. Auch mit Blick auf ausgezehrte Kassen der Kommunen fürchten sie, dass deren Zuschüsse zusammenschmelzen könnten wie Eis in der Sonne.

Wenn die Aufnahme von Tieren abgelehnt wird, liegt das nach Beobachtung von Heide Laut „zu 90 Prozent daran, dass die Tiere keinen gültigen Impfschutz haben”. Das habe „nicht unbedingt etwas mit Not zu tun. Die Leute sollen selbst zum Tierarzt gehen.” Etwa 30 Euro sind für Katzen fällig, rund 50 Euro für Hunde.

Gerade erst hat Sieglinde Schaab wieder zwei deftige Notrufe meistern müssen. Über das Heinsberger Ordnungsamt wurden 23 Katzen auf einen Schlag abgegeben, die bei einer Hausräumung entdeckt wurden. Kurz darauf kamen 20 Kaninchen an. „Wir mussten Pflegestellen außerhalb des Tierheims suchen.”

Darauf ist auch Birgit Wintersteller-Kordic vom Aachener Tierheim angewiesen. 121 Hunde, 136 Katzen und 66 Kleintiere, darunter 41 Meerschweinchen, drängten sich am Dienstag in den Käfigen - die doppelte Anzahl gegenüber Normalzeiten. „Wenn alles voll ist, müssen wir eben neue Käfige anschaffen”, sagt sie lapidar.

Jüngst bekam sie zweimal binnen kürzester Zeit kräftig Nachschub: 14 Meerschweinchen und sechs Kaninchen. Die Tiere waren nahe des Aachener Tierheims am Flüsschen Wurm ausgesetzt worden. Spaziergänger hatten Alarm geschlagen - das war die Rettung. Immer wieder gibt es üble Zeitgenossen, für die Tierschutz offensichtlich ein Fremdwort ist.

Urlaubshotline des Tierschutzbundes

700.00 Tiere werden schätzungsweise jedes Jahr deutschlandweit in den Sommermonaten von ihren Besitzern aufgegeben. Da helfe auch nicht, dass das „Aussetzen” laut Tierschutzgesetz verboten und mit bis zu 25.000 Euro bestraft werden könne, sagt Marius Tünte vom Deutschen Tierschutzbund. Deshalb versuche der Verein, mit der Aktion „Nimmst Du mein Tier, nehm ich dein Tier” Feriensitter zu vermitteln. Auch sei eigens eine Urlaubshotline eingerichtet worden, um rechtzeitig auf Einreisebestimmungen einzelner Länder hinzuweisen und andere Ferientipps zu geben: 0228/6049627.