Lernen mit iPad und Youtube: Wenn das Video den Lehrer ersetzt

Lernen mit iPad und Youtube : Wenn das Video den Lehrer ersetzt

In den Schulen hält das Lernen mit iPad und Youtube erst langsam Einzug. In Alsdorf hat man bereits Erfahrungen gemacht und kann die Vor- und Nachteile ganz gut beschreiben.

Es war vor ungefähr fünf oder sechs Jahren. Martin Wüller korrigierte gerade Klassenarbeiten der Oberstufe im Fach Biologie, als ihm etwas Ungewöhnliches auffiel: etwa Dreiviertel der Arbeiten enthielten exakt den gleichen Fehler. „Ich habe gedacht: Das kann doch nicht wahr sein“, erinnert er sich und lacht. „Hinterher hat sich herausgestellt, dass die sich gegenseitig ein Youtube-Lernvideo empfohlen hatten, das zwar insgesamt ganz gut war, aber eben genau diesen Fehler enthalten hatte.“

Trotzdem würde Wüller, stellvertretender Schulleiter am städtischen Gymnasium Alsdorf, seinen Schülern nie sagen: Lasst die Finger von diesen Sachen. Denn sie haben sich zu Hause mit dem Stoff beschäftigt und gelernt – „nur eben nicht mit dem Schulbuch, sondern auf Youtube“.

Was vor fünf, sechs Jahren als Phänomen noch recht jung war, hat sich an Schulen mittlerweile auf breiter Basis Bahn gebrochen: Videos, in denen Sachverhalte, in denen Unterrichtsstoff erklärt wird, haben Schülerinnen und Schüler längst in ihren Alltag integriert. Eine vom „Rat für Kulturelle Bildung“ aktuell veröffentlichte Studie hat das noch einmal unterstrichen (siehe Titelseite). Damit ändert sich auch für Lehrer einiges, denn der Einsatz des Videoportals in der schulischen Bildung birgt enorme Chancen – aber eben auch Risiken.

Was Wüller mit den Bio-Klassenarbeiten erlebt hat, bringt es auf den Punkt: Video geschaut, Inhalt verinnerlicht – allerdings ohne zu wissen, ob denn auch alles stimmt, was einem da erklärt wird. Folglich muss Ute Brendt, Lehrerin für Englisch, Religion und Physik, nach einer Antwort auf die Frage nach der größten Gefahr, denen Kinder und Jugendliche beim Lernen per Youtube-Video ausgesetzt sind, nicht lange suchen: „Unreflektiertes Anschauen. Weil jeder aufnehmen und hochladen kann, gibt es auch Videos, in denen Dinge falsch erklärt werden oder in denen sich Inhalte finden, die für Jugendliche nicht geeignet sind.“ Dafür müssten die Schülerinnen und Schüler sensibilisiert werden, sie müssen IT- und Medienkompetenz gelehrt werden.

Das könne mit dem Einsatz der Technik eben auch im Unterricht geschehen. „E-Learning“ lautet das neudeutsche Zauberwort, das schon seit geraumer Zeit Zauberwort ist, aber immer noch nicht Einzug in die Klassenzimmer erfahren hat. Zumindest nicht in der Breite. In vielen Schulen werden zaghafte erste Schritte mit der Einrichtung von iPad-Klassen unternommen. In Alsdorf ist man forscher, in der kommenden Klassenstufe 7 muss jedes Kind ein Tablet haben, das im Unterricht und zu Hause dann in die Ausbildung integriert wird. Das sei noch Neuland, habe es von der Bezirksregierung Köln als Schulaufsicht geheißen. Aber auch: Fangt an!

So viel zur technischen Seite. Und fachlich? Das Kollegium in Alsdorf schaut selbst Youtube-Videos zu bestimmten Themen, um sie den Schülerinnen und Schülern dann zu verlinken. Von professioneller Hand gesiebte Inhalte also. Zumindest auf der einen Seite. Auf der anderen: „Mit Youtube sind die Schülerinnen und Schüler ganz autark in ihrer Auswahl von Inhalten. Richtig ist natürlich, dass ich als Lehrer nicht mehr diese Kontrollfunktion habe, wenn ich die Schüler frei laufen lasse.“ Das gilt vor allem fürs heimische Umfeld. Da kommt es dann darauf an, dass die Kids wissen, was sie glauben können, und was eher in die Rubrik „Fake news“ gehört. Auf einen kritischen Konsum der Videos kommt es an.

Um die Bedeutung zu demonstrieren, die dem Lehren von Medienkompetenz zukommt, ist dem Digitalen Lernen in der jüngsten Novelle der Ausbildungs- und Prüfungsordnung eine herausragende Rolle eingeräumt worden, sagt Wüller. „Und es muss eine große Rolle in der Ausbildung spielen.“ Nicht nur in der Ausbildung der Schüler, sondern auch jener der Lehrer. „In den letzten Staatsexamensprüfungen wurden an unserer Schule die elektronischen Geräte bereits eingesetzt.“ Die Medienkompetenz sei auch ein ganz wesentlicher Faktor in den neuen Kernlernplänen. Der Medienkompetenzrahmen gelte für alle Schülerinnen und Schüler, die im laufenden Schuljahr in die ersten und fünften Klassen gekommen seien. „Gemeint sind digitale Medien und die Urteilsfähigkeit, der kritische Umgang mit den Medien.“

Und die Vorteile? Die wiegen schwer, hört man die beiden Lehrer darüber reden. „Einen Lehrer kann man nicht zurückspulen“, sagt Brendt und sie muss überhaupt nicht weitersprechen, um ihren Punkt klar zu machen. „Ein Schüler schaut sich ein Erklärvideo vielleicht 30 Mal an, bis er alles verstanden hat, ein anderer vielleicht nur zwei Mal – überspitzt ausgedrückt“, meint Wüller. Durch die Technik bestehe die Möglichkeit, Stoff im Tempo und vielleicht auch in der Tiefe individuell und auf den Schüler bezogen erklären zu lassen. Und das ganz ohne Gesichtsverlust, ohne dass ein Kind Angst haben muss, als langsam oder dumm gehänselt zu werden.

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