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Geschichten rund ums Streuselbrötchen: Wenn das Kind fernab der Heimat beim Bäcker in Tränen ausbricht

Geschichten rund ums Streuselbrötchen : Wenn das Kind fernab der Heimat beim Bäcker in Tränen ausbricht

Mitarbeiter aus dem Medienhaus Aachen erzählen von ihrer Erinnerung an den ersten Biss in ein Streuselbrötchen, verraten ihre süßeste Geschichte rund um die Aachener Spezialität oder erklären, warum sie den Kult um die Dinger so gar nicht verstehen können – Teil 1.

Für die einen ist der Biss ins Streuselbrötchen mit unbeschwerten Kindheitserinnerungen verbunden, für die anderen hat das Aachener Traditionsgebäck heute einen bitteren Beigeschmack, und der nächste versteht nicht, warum das Streuselbrötchen noch immer keinen Siegeszug durch ganz Deutschland gefeiert hat. Wir haben Mitarbeiter aus dem Medienhaus Aachen nach ihrer Geschichte rund um die süßen Brötchen gefragt, seit Anfang der Woche sucht das Medienhaus Aachen nämlich das beste Streuselbrötchen der Region.

Für Benjamin Wirtz gehört das Streuselbrötchen zu Aachen wie die Printen: „Was ist Heimat? Diese Frage ist schwer zu beantworten. Außer man greift auf Beispiele zurück, dann fällt die Antwort sehr leicht: Streuselbrötchen sind Heimat. Das merkt man aber erst, wenn man die Aachener Gegend verlässt und in der Ferne vergeblich nach dem geliebten Gebäck sucht. Das hatte auch Fontane schon verstanden, als er schrieb: ,Erst die Fremde lehrt uns, das Streuselbrötchen zu lieben.‘ Ebenso wusste Goethe schon, dass man sich besser in der Nähe von Aachener Bäckereien aufhalten sollte. War er es nicht, der sagte: ,Willst du immer weiterschweifen? Sieh, das Streuselbrötchen liegt so nah’? Streuselbrötchen gehören für mich zu Aachen wie die Printen. Sie gehören wie selbstverständlich zum Alltag seit meiner Kindheit. Drei zum besonderen Preis gab es in der Bäckereifiliale unweit meiner Schule. Das hat so manchen Schulnachmittag versüßt.

 Für Benjamin Wirtz sind Streuselbrötchen Heimat. Der Redakteur nimmt sie gerne mit in die Redaktion nach Heinsberg.
Für Benjamin Wirtz sind Streuselbrötchen Heimat. Der Redakteur nimmt sie gerne mit in die Redaktion nach Heinsberg. Foto: MHA/Michèle-Cathrin Zeidler

Doch wo es die besten Streuselbrötchen gab und gibt, darüber wird emotional debattiert. Da wird unter Freunden und in der Familie gefragt: ,Nun sag, wie hast du’s mit dem Streuselbrötchen?‘ Und wird dann der falsche Bäcker genannt, zieht das eine jahrelange Fehde nach sich. In der Schulzeit wollten wir die ultimative Antwort auf diese Gretchenfrage bekommen und machten den Test. Wir zogen durch die Stadt und kauften von jeder Bäckerei jeweils ein Streuselbrötchen. Danach wurden alle Exemplare hintereinander verdrückt – möglichst schnell, versteht sich, man wollte schließlich vergleichen und dafür musste der Geschmack noch präsent sein. Wer den Test gewonnen hat, sei hier nicht verraten. Aber eine wichtige Erkenntnis aus dem Test schon: Von zu viel Heimat wird einem schlecht!“

Andrea Sygusch hingegen ist heute nicht mehr so leicht für Süßes zu begeistern, doch früher war das anders: „Ich war ungefähr zehn Jahre alt und bin mit meinem Taschengeld gelegentlich nach Burtscheid spaziert (das war natürlich nicht erlaubt) und habe mir dort ein Creme-Streuselbrötchen mit Kirschen gekauft und mit Genuss im Ferberpark gegessen. Das war eine kurze, aber tolle Phase. Bei anderen hält die Streuselbrötchenliebe hingegen bis heute an. Eine Freundin von mir ist vor vielen Jahren an den Bodensee gezogen. Wenn ich sie besuche, muss ich immer sechs Streuselbrötchen mitbringen. Eins wird direkt auf dem Weg vom Flughafen zu ihr nach Hause verputzt, und der Rest wird eingefroren. Sie teilt grundsätzlich mit keinem in ihrer Familie.“

Tom Vogel kann den ganzen Wirbel um die Streuselbrötchen hingegen nicht so ganz verstehen, seine Tochter aber schon: „,Papa, die machen Teig und wirbeln die Streusel drunter, und dann wird das so hubbelig‘, erklärt das dreijährige Töchterchen als es mitbekommt, dass es um Streuselbrötchen geht. Die Worte unterstreicht sie mit aufwendigen Gesten. Das Mädchen ist also schon einmal wesentlich kompetenter als ihr Vater, was die Genese von Streuselbrötchen angeht.

Ah ja, das Streuselbrötchen. Früher oder später musste es zum Thema werden. Nein, in Aachen gibt es keine okkulte Verehrung dieser Backware, natürlich nicht. Was für ein lächerlicher Gedanke. Allerdings ... als Zugezogener kam er mir schon das ein oder andere Mal: Warum wird das so emotional diskutiert? Als ich nicht bloß Saarländer war, sondern auch dort lebte, begegnete mir das Streuselbrötchen mal hier, mal dort, als ein Backwerk von vielen. Hier hat – wie all die anderen Zeilen auch handelt es sich um persönliche Meinung, Erfahrung, Interpretation – jeder und jede mindestens eine starke, eine eindeutige Meinung zum Streuselbrötchen: Wo bekommt man das Beste, wie haben sich Konsistenz und Bestückung mit Streuseln über die Zeiten verändert, warum muss man es lieben?

Lyncht mich, aber ich mag sie nicht. Und habe keine Angst, es hier zu gestehen. Die Streusel sind köstlich, bilden aber leider nur einen Teil der Teile. Der Rest ist so trocken, dass er die Kehle runterpoltert. So könnte es sich anfühlen, Schmirgelpapier zu schlucken. Übertrieben? Sicher, aber seien Sie nachsichtig – ich versuche hier nur, mir im Kanon der Lobgesänge Gehör zu verschaffen.

Was ist da los, was läuft da schief? Geschmackssache kann so ein Streuselbrötchen scheinbar ja nicht sein. Angeblich sind Ursachen für bestimmte Abneigungen oder Vorlieben in der Kindheit und Jugend zu suchen. Waren es die Pickel und begleitenden Kommentare wahnsinnig kreativer Zeitgenossen – Stichwort Streuselgesicht? Müsste man mal einen Psychologen fragen. Andererseits ist mein jüngster Biss in ein Streuselbrötchen bestimmt schon 25 Jahre her. Ich könnte nicht einmal mehr sagen, in welchem Bundesland er stattfand. In ‚Das beste Streuselbrötchen der Region‘ beißen – klar, auf das Abenteuer lasse ich mich sofort ein. Aus welcher Backstube es kommt, wird die Aktion des Medienhauses zeigen. Vielleicht konvertiere ich am Ende ja noch auf die andere Seite.“

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Bei Christina Merkelbach in der Familie sind Streuselbrötchen teils ein kompliziertes Thema: „Die Lage ist ernst. Sehr ernst. ,Meuselrötchen!‘, ruft der Dreijährige. Er presst den Mund zusammen und schiebt die Unterlippe vor. ,Mausemann, die gibt es hier nicht‘, säuselt die Mutter, der nichts Gutes schwant. Der Versuch, den Knirps in dieser Bäckerei gut 600 Kilometer jenseits der Heimatregion zu beschwichtigen, scheitert krachend. Die vorgeschobene Unterlippe des Kleinkinds beginnt zu zittern, die Augen füllen sich mit Tränen. ,Was möchtest Du denn haben?‘, fragt die nette Verkäuferin und beugt sich über ihre Glastheke hinweg leicht nach vorne. ,Teuseltrötchen!!!‘, tönt ihr entgegen. Die Frau blickt ratlos drein.

 Für Moritz geht nichts über Streuselbrötchen, da kann die Verkäuferin beim Bäcker 600 Kilometer von der Heimat entfernt noch so nett fragen.
Für Moritz geht nichts über Streuselbrötchen, da kann die Verkäuferin beim Bäcker 600 Kilometer von der Heimat entfernt noch so nett fragen. Foto: MHA/Christina Merkelbach

,Er möchte ein Streuselbrötchen, wir kommen aus Aachen‘, erklärt die Mutter. Die Verkäuferin zuckt mit den Schultern. ,Wir haben viel gutes Gebäck‘, sagt sie und zeigt auf die Auslage. Puddingbrezel, Krapfen, Butterhörnchen? Angeekelt verzieht das Kind sein Gesicht und schüttelt den Kopf. Es verlangt sein ,Reuselmötchen!‘. Die betrübte Miene der Dame hellt sich plötzlich auf. ,Möchtest Du ein Äklär?‘, fragt sie den Zwerg lächelnd und greift mit der Zange nach dem französischen Gebäck aus Brandteig. Für einen kurzen Moment scheint die Lösung gefunden. Der junge Bäckerei-Kunde schaut interessiert. Dann verfinstert sich seine Miene wieder. ,Das ist kacka‘, bringt er mit Verachtung hervor. Ins Reisegepäck seiner Familie gehört künftig eine Tüte mit Streuselbrötchen.“

Bei Marc Heckert haben die süßen Brötchen zu Beginn für Verwunderung gesorgt, doch mittlerweile ist er überzeugt: „Wer aus Gefilden kommt, in denen jedes kleine Brötchen davon träumt, einmal zum Geschmacksträger für frischen Matjeshering oder Krabben zu werden, der bestaunt beim Erstkontakt mit einem hiesigen Bäcker die gelben Flundern im Fenster. Was soll das denn sein? Hat da jemand auf ein Brötchen den ungebackenen Teig eines zweiten Brötchens gelegt? Und wo ist der Fisch? Mit spitzen Fingern wird der – überraschend schwere – Hybride aus gebackenem und ungeborenem Brötchen zum Mund geführt.

Und dann, das große Verstehen: Ach, sooo ist das gemeint! Was damals bei Mama nur erlaubt war, wenn der Kuchen endlich im Ofen backte, jetzt darf es auch der Erwachsene: vom Teig naschen, nach Herzenslust. Streuselbrötchen, du Kalorien gewordener Kindheitstraum! Dich nehme ich nächstes Mal mit, wenn es mal wieder an die Nordsee geht.“