Bonn: Wenn das Handy den Alltag bestimmt: Die neue Droge heißt Smartphone

Bonn : Wenn das Handy den Alltag bestimmt: Die neue Droge heißt Smartphone

Die Zahlen sind erschreckend: Drei Stunden täglich befassen wir uns im Schnitt mit unserem Smartphone. 55 Mal am Tag nehmen wir es zur Hand. Ständig sind wir abgelenkt, unkonzentriert, gestört. Doch welche Folgen hat das?

Alexander Markowetz ist seit 2009 Juniorprofessor für Informatik an der Universität Bonn, wo er im Rahmen des großangelegten „Menthal-Projekts“ die psychosozialen Folgen der Smartphone-Nutzung untersucht. Im Verlag Droemer Knaur erscheint am 1. Oktober sein Buch „Digitaler Burnout — Warum unsere permanente Smartphone-Nutzung gefährlich ist“. Es wird im nächsten Monat auch auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt. Im Interview spricht Markowetz über Smartphone-Sucht, Apps als Glücksspielautomaten und die Notwendigkeit von digitalen Diäten.

Herr Markowetz, in Ihrem Buch schreiben Sie: „Mit unserem derzeitigen Smartphone-Gebrauch vergewaltigen wir unseren Geist“. Warum sind wir so grob zu uns selbst?

Markowetz: Wir machen es ja nicht absichtlich. Aber uns wird langsam bewusst, was wir da eigentlich tun. Als wir letztes Jahr unser Menthal-Projekt gestartet haben, gab es ein riesiges Interesse daran. Das hat gezeigt: Es gibt ein Unwohlsein in der Gesellschaft, das sich aufgestaut hat. Die Leute wollen über dieses Thema reden. Man muss ihnen gar nicht sagen: „Ihr habt da ein Problem“ — das ist ihnen längst klar. Ich will den Leuten andererseits gar keine Schuldgefühle einreden. Mir geht es vielmehr darum, dabei zu helfen, wieder handlungsfähig zu werden.

Sie finden in Ihrem Buch starke Worte für unsere aktuelle Smartphone-Nutzung, sprechen auch von einer „kollektiven Verhaltensstörung“. Leiden wir denn wirklich so sehr unter unseren Smartphones?

Markowetz: Uns muss klar werden, dass diese intensive Nutzung der Geräte viele Bereiche unseres Lebens betrifft: von Auswirkungen auf die Gesundheit bis hin zur Produktivität am Arbeitsplatz. Und wenn man dutzendfach am Tag sein Smartphone in die Hand nimmt, hat man einfach keine Phasen mehr, in denen man konzentriert einer Tätigkeit nachgehen kann. Wenn ich an einem Tag 60 kleine Unterbrechungen im Abstand von zehn Minuten habe, geht nicht nur eine Stunde flöten, sondern dann ist der ganze Tag ruiniert.

Quasi ein Leben im Unterbrechungsmodus.

Markowetz: Ja, entscheidend ist nicht nur die insgesamt verbrachte Zeit am Smartphone. Entscheidend sind die dauernden Unterbrechungen. Es geht also darum, wieder längere Zeiträume zu schaffen, in denen wir ungestört sind. Wir müssen als Gesellschaft sagen: „Unsere Aufmerksamkeit gehört uns — und die lassen wir uns nicht von irgendwelchen Apps wegnehmen!“

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass wir durch diese vielen Unterbrechungen sowohl bei der Arbeit weniger produktiv seien und zudem private Momente weniger intensiv erleben könnten. Ist der „Digitale Burnout“ denn noch zu verhindern oder sind wir bereits davon betroffen?

Markowetz: Wir sind voll davon betroffen! Dieser „Homo Digitalis“, der den Großteil seiner Funktionalitäten durch digitale Medien abwickelt, ist bei den 17- bis 25-Jährigen der Standard. Grundsätzlich exisitiert er aber in allen Altersklassen. Intuitiv würde man denken, dass Handyspiele beispielsweise nur die 17-Jährigen betreffen würden. Das ist aber überhaupt nicht so: Auch die Nutzer im Alter 50 plus spielen im Schnitt noch eine Viertelstunde am Tag mit ihrem Smartphone.

Viele merken wahrscheinlich, dass sie ihr Smartphone viel zu häufig benutzen, machen es aber automatisch.

Markowetz: Genau. Wichtig ist daher zu erklären, welche Mechanismen da wirken und wie man aus diesem Automatismus wieder herauskommt. Wir müssen erkennen: Apps wie beispielsweise Tinder machen uns abhängig. Wir bekommen immer wieder neue Gesichter zur Bewertung angeboten. Mal hübsche, mal hässliche. Das lässt uns immer weitermachen, weil wir immer wieder einen neuen Überraschungsmoment erleben wollen. Dieser Dopaminschub treibt uns an.

Also wie beim Glücksspiel? Und die Apps sind unsere Drogen?

Markowetz: Ja, Tinder ist de facto ein Glücksspielautomat. Es geht schließlich noch nicht mal darum, dass man sich hinterher trifft. Und indem Tinder Ihnen immer nur eine bestimmte Zahl an Frauen anzeigt, werden Sie immer wieder aufs Neue in die App gelockt. Das wird zu einem unterbewussten Automatismus. Bei einem News-Junkie ist es dasselbe: Er geht immer wieder in Nachrichten-Apps, um zu schauen, was es Neues gibt.

Würde er die News hingegen schon morgens komplett als PDF bekommen, würde er sich nicht dafür interessieren. Es geht ihm also gar nicht um die Nachrichten als solche, sondern nur darum, seine Dopaminmaschine irgendwie am Laufen zu halten. Und darauf setzen alle diese Apps.

„Information ist das neue Fett“, sagen Sie ja auch. Wie entkommen wir diesem Aufmerksamkeitskiller?

Markowetz: Man muss bei zwei Faktoren ansetzen: Wir unterbrechen uns selbst ständig durch selbst auferlegtes Multitasking, zudem piept es ständig aus der Hosentasche. Die beiden größten Feinde Ihrer Aufmerksamkeit sind also Sie selbst und Ihre Freunde. Was wir daher brauchen, ist einerseits eine Selbstbeschränkung durch digitale Diäten.

Andererseits sind gesellschaftliche Etiketten im Umgang mit unseren Geräten und bei der Kommunikation mit anderen Leuten vonnöten. Das heißt: Ich versuche, andere Leute nicht unnötig zu unterbrechen — in der Hoffnung, dass sie mich auch nicht unterbrechen. Das sind Dinge, die wir als Gesellschaft jetzt entwickeln müssen.

Lassen Sie uns zunächst über „digitale Diäten“ sprechen. Was genau stellen Sie sich darunter vor?

Markowetz: Man muss lernen, sein Leben so zu gestalten, dass man sich von möglichst wenigen Reizen verführen lassen kann. So wie man sich ganz viel Kaugummi kauft, wenn man mit dem Zigaretten-Rauchen aufhören will. Ähnlich funktioniert es bei digitalen Diäten.

Und auch die Smartphones müssen uns dabei helfen. Was momentan jedoch fehlt, ist die Möglichkeit, dass wir unsere Smartphone-Nutzung priorisieren. Das Smartphone müsste uns zentral erlauben, in verschiedene Modi zu schalten, in denen beispielsweise nur Arbeit oder Freizeit angesagt ist. Die Nachrichten von Ihrem Chef würden dann ab einer bestimmten Uhrzeit einfach nicht mehr aufpoppen.

Als Teil Ihres Forschungsprojekts haben Sie selbst auch testweise Handys gebaut. Was konnten die besser als die herkömmlichen Smartphones?

Markowetz: Das waren Handys, die direkt auf dem Lockscreen anzeigen, wie viele Minuten seit der letzten Handyinteraktion vergangen sind. Eben solche Funktionalitäten, die digitale Diäten unterstützen, anstatt den Suchtmechanismus noch zu fördern. Sinnvoll sind aus meiner Sicht generell Handys, die für die ständigen Unterbrechungen nicht mehr taugen und uns beispielsweise erst nach zwei Minuten erlauben, auf Facebook zu gehen.

Schon diese minimale Verzögerung macht die App total unattraktiv, und wir unterbrechen uns seltener selbst. Mit solchen Funktionalitäten können wir unser Suchtverhalten unterbinden. Kurz gesagt: Wir brauchen eine neue Smartphone-Generation, die es schafft, das Verhalten der Nutzer zu lenken und ihn dabei zu unterstützen, sein Smartphone wirklich sinnvoll zu nutzen.

Sie haben darüber hinaus gesellschaftliche Etiketten angesprochen, also Standards, die für alle gelten sollen. Warum sind die wichtig?

Markowetz: Gerade die Unterbrechungen durch Freunde — beispielsweise in Form von Notifications, die aufpoppen — sind zurzeit im Grunde genommen nicht zu managen. Momentan haben wir alle ungefähr zehn Accounts: Facebook, Twitter, Whats-App, Ebay, Tinder etc. Wenn Sie mal wirklich Ihre Ruhe haben wollen, können Sie das Smartphone eigentlich nur komplett ausstellen.

Wir müssen uns daher untereinander absprechen. Ich glaube, dass es zum Beispiel in Partnerschaften oder unter besten Freunden extrem sinnvoll ist, darüber nachzudenken, wie man kommunizieren will. So kann man versuchen, die Unterbrechungen zu minimieren. Auf der Ebene von Großkonzernen wird man zu anderen Mitteln greifen müssen, beispielsweise Kampagnen.

Während Sie über Smartphones sprechen, ist ein neuer Trend hingegen längst da: Smartwatches und Datenbrillen. Diese Geräte sind auf dem Vormarsch. Ist die Entwicklung, die Sie kritisieren, überhaupt aufzuhalten?

Markowetz: Um aufhalten geht es nicht — das ist mir auch ganz wichtig. Ich bin kein reaktionärer Nostalgiker nach dem Motto: Früher war alles besser, da haben wir Homer gelesen und nur deshalb ist aus uns etwas geworden. Es geht lediglich darum zu lernen, mit den technischen Geräten umzugehen. Das ist kein Rückschritt, sondern ein weiterer Schritt nach vorne.

Und solche Schritte werden wir in den nächsten dreißig Jahren ganz häufig machen müssen. Es wird immer wieder technische Neuerungen geben, die psychische und soziale Auswirkungen für uns haben. Unsere Aufgabe ist es, diese Dinge menschengerecht in unsere Gesellschaft einzubauen. Diesen Wandel zu meistern, wird im Grunde genommen so eine Art Kulturtechnik.

Und die sollen wir anhand unserer Smartphone-Nutzung erlernen?

Markowetz: Ja. Denn wenn es uns hier gelingt, wird es kein Problem für uns werden, in fünf Jahren auch über Diäten und Etiketten für Brillenhelme nachzudenken. Das Zentrale an dieser gesamten Digitalisierung ist doch: Die Digitalisierung ist keine einmalige Revolution, die irgendwann vorbei ist und an deren Ende man irgendwann angekommen ist, sondern sie frisst alle fünf Jahre ihre Kinder. Wir müssen lernen, mit diesem Wandel umzugehen. Und dieser Wandel wird im Zweifelsfall immer noch schneller und radikaler.

Erkennen Sie denn in der Breite bereits die Bereitschaft dazu, sich mit dieser Problematik zu befassen?

Markowetz: Den Eindruck habe ich durchaus, wenn ich mit Leuten aus den Bereichen Medien, Marketing, Webdesign oder Unternehmensberatung rede. Diese Leute verdienen alle ihre 120 000 Euro im Jahr. Aber sie wissen ganz genau, dass es eine einzige Ressource gibt, von der das Ganze abhängt — und das ist ihr Kopf. Gleichzeitig haben sie alle Angst vor dem Burnout. Die Krankheit geht um im kreativen Bereich und bei Unternehmensberatern.

Digitale Diäten machen bislang wohl trotzdem die wenigsten.

Markowetz: Das stimmt. Was uns aber bei der konkreten Umsetzung helfen wird, ist die Suche nach Statussymbolen, also nach sozialen Differenzierungen. Zurzeit steht da ganz besonders das Thema Ernährung im Mittelpunkt. Und ich denke, ebenso werden digitale Diäten schon bald zu einem Statussymbol werden. Genauso wie man heute schon beim Essen sagt „Ich esse nur rohen Tofu, weil ich keiner von diesen degenerierten Burgerfressern bin“, wird es dann heißen: „Ich als kluger Wissensarbeiter werde sicher nicht an diesem WhatsApp-Gruppenchat teilnehmen — das machen nur digitale Allesfresser.“

Was glauben Sie, was sich in naher Zukunft tatsächlich ändern wird?

Markowetz: Ich glaube, das Thema brennt. Und auch die Politik weiß, dass sie sich der Problematik jetzt stellen muss. Wir sind eine Wissensgesellschaft aus Ingenieuren und Geschäftsleuten. Deshalb müssen wir anfangen, unseren Geist zu managen und darüber nachdenken, wie man nachhaltig mit dieser Ressource umgehen sollte.

Allein der wirtschaftliche Faktor, der da dran hängt, macht das Ganze zu einem absolut drängenden Problem. Insbesondere auch mit Blick auf unsere Kinder. Wir können es uns einfach nicht erlauben, eine ganze Generation zu versemmeln, sondern wir müssen herausfinden, wie es wirklich geht.

Sie selbst kennen die Gefahren inzwischen ganz genau. Haben Sie im Zuge Ihrer Beschäftigung mit dem Thema auch Ihr eigenes Smartphone-Nutzungsverhalten verändert?

Markowetz: Der eigene Schmerz ist in der Forschung sehr häufig der Auslöser, sich eines Themas anzunehmen. Das war bei mir genauso: Das ganze Forschungsprojekt basiert auf meinem eigenen völlig unverantwortlichen Smartphone-Gebrauch. Ich sehe mich da auch so ein bisschen als Versuchskaninchen Nummer Eins.

Ich muss mich solchen Sachen erst einmal selbst willenlos aussetzen, um zu schauen, was mit mir passiert, um dann darüber reflektieren zu können. Im Urlaub bleibt mein Handy beispielsweise aus. Ich trage wieder eine Uhr. Und ich versuche, nicht auf dem Smartphone herum zu klicken, wenn ich auf der Couch liege. Wobei ich gestehen muss, dass es mir schwer fällt.