Fachsprachprüfung: Wenn Arzt und Patient sich nicht verstehen

Fachsprachprüfung : Wenn Arzt und Patient sich nicht verstehen

Die „Fachsprachprüfung“ ist Voraussetzung, damit ein Mediziner aus dem Ausland seine Approbation in Deutschland erhält, um seinen Beruf selbständig und unbefristet auszuüben. Die Durchfallquote beträgt jedoch 50 Prozent.

Vor der Zulassung steht die Prüfung: Im Bett liegt ein Patient, der in Wahrheit ein Schauspieler ist. Der Arzt führt ein Anamnesegespräch, er macht sich ein Bild vom dem schauspielenden Patienten, erläutert seine Diagnose und gibt therapeutische Vorschläge. Und bei Rückfragen gilt, „dass der Patient den zu prüfenden Arzt sicher und gut verstehen kann“.

Das ist die Vorgabe, mit solchen kleinen Rollenspielen überprüft die Ärztekammer Nordrhein die Sprachkenntnisse ausländischer Ärzte. Eine Stunde etwa dauert der Test, der auch Dokumentation und Arzt-Arzt-Gespräch beinhaltet. Die „Fachsprachprüfung“ ist Voraussetzung, damit ein Mediziner aus dem Ausland seine Approbation in Deutschland erhält, um seinen Beruf selbständig und unbefristet auszuüben.

Das Problem: Die Durchfallquote ist immens, bestätigt die Kammer. Im vergangenen Jahr gab es 1078 Prüfungen, davon bestanden 524 Ärzte, 554 aber nicht. Seitdem das Verfahren vor gut vier Jahren eingeführt wurde, liege die Durchfallquote immer bei ungefähr 50 Prozent, sagt die Sprecherin Sabine Schindler-Marlow. Kein Einzelfall, auch in anderen Kammerbezirken ist die Quote ähnlich hoch.

Die Prüfung lässt sich beliebig oft wiederholen, durchgefallene Kandidaten bekommen ein ausführliches Feedback und Hinweise auf Sprachkurse, aber sie landen erst einmal in der Warteschleife. Theoretisch kann die Bezirksregierung eine „vorübergehende Berufserlaubnis“ für NRW erteilen. Aber die ist befristet und eingeschränkt. Der Inhaber oder die Inhaberin darf nur eine „Tätigkeit in abhängiger Stellung“ unter Weisung eines approbierten Arztes ausüben“. Das ist aber nicht das Ziel, mit dem ausstudierte Mediziner nach Deutschland übersiedeln.

Dabei bestehen keine Zweifel, dass ausländische Ärzte einen „wichtigen Beitrag zur Aufrechterhaltung der medizinischen Versorgung“ gerade in ländlichen Gebieten leisten, sagt  Rudol Henke, der Chef des Marburger Bundes und Präsident der Ärztekammer Nordrhein. Die Ursachen für die Engpässe sind vielfältig. Mal sind es Ausbildungsprobleme, aber zunehmend wirke sich auch die wachsende Ökonomisierung des Gesundheitswesens aus, sagt Frank Lepold vom Deutschen Patientenschutzbund. „Ärzte wandern aus in Länder mit deutlich besseren Arbeitsbedingungen, wir locken dann Ärzte aus Ländern mit deutlich schlechteren Arbeitsbedingungen an.“

Dass auswärtige Mediziner längst das System stabilisieren, lässt sich statistisch belegen. Im Jahr 2018 wurden 62.238 Ärztinnen und Ärzte in der Kammer Nordrhein gezählt, fast jeder zehnte  kam aus dem Ausland. Von den 6157 ausländischen Medizinmännern- und frauen stammt die größte Gruppe   aus europäischen Staaten (3132, davon aus Griechenland 723 und Rumänien 458 Ärztinnen und Ärzte). Die zweitgrößte Gruppe –  1353 –  hat Asien  verlassen, um auf dem alten Kontinent zu arbeiten.  Inzwischen hat jeder vierte Krankenhausarzt in NRW keinen deutschen Pass.

Mit Händen und Füßen

Der Deutsche Patientenschutzbund bekomme viele Rückmeldungen über wachsende Kommunikationsprobleme, sagt Leopold. „Die Lage ist besonders dramatisch in den Kur- und Rehakliniken“, sagt er. „Da wird manchmal nur Händen und Füßen gearbeitet. Aber Medizin funktioniert nur über Gespräche“, sagt er.

Auch der  Rudolf Henke, selbst Mediziner, hält die Fachsprachprüfung für ein „unverzichtbares Element der Qualitätssicherung“. „Wer da durchfällt, muss sich besser vorbereiten. Dafür gib es spezielle Fachsprachkurse. Die Medizin ist leider sprachlich genauso kompliziert wie fachlich.“ Der CDU-Bundestagsabgeordnete aus Aachen bemängelt, dass viele Kliniken zwar aktiv Mediziner im Ausland anwerben, sich aber „anschließend nicht oder nur wenig um die sprachliche Ausbildung kümmern“. Wenn aber, so sagt Henke, die „Kolleginnen und Kollegen uns bei der Versorgung helfen sollen, dann müssen wir ihnen in der Startphase ebenfalls helfen“. Das Sprachtraining sollte im besten Fall im jeweiligen Heimatland beginnen, und dann auch in den Kliniken mit vorbereitenden Fachsprachkursen unterstützt werden, fordert er. „So können wir den Kolleginnen und Kollegen Frust und Wartezeiten ersparen.“

Weiß um die Wichtigkeit ausländischer Ärzte: Rudolf Henke. Foto: imago stock&people

Experten bemängeln, dass es bisher nicht für alle Kliniken selbstverständlich sei, sich um die Sprachkenntnisse ihrer im Ausland angeworbenen Ärzte intensiv zu kümmern. Und viele Migranten stellen erst vor Ort fest, dass umgangssprachliche Kenntnisse nicht ausreichen.

Henke ist auch kein Anhänger davon, Medizinerinnen und Mediziner mit Sprachbarrieren in Operationssälen unterzubringen, wo traditionell weniger mit Patienten gesprochen wird: „Das ist eine Sackgasse. Ohne bestandene Fachsprachprüfung kann man gar nicht als Arzt oder Ärztin tätig werden.“