Aachen: Welt-Autismustag: Experten begrüßen offeneren Umgang

Aachen: Welt-Autismustag: Experten begrüßen offeneren Umgang

Früher wurden Autisten auf Sonderschulen geschickt. Heute haben sie die Chance auf eine ganz normale Ausbildung — wenn ihre Entwicklungsstörung auffällt. Autisten fällt es schwer, Gefühle von anderen zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren.

Es hat sich schon einiges bewegt im Umgang mit Autismus, sagt Eric Pecher, Psychologe im Autismus-Therapie-Zentrum Aachen/Düren: „Die Wahrnehmung hat sich gewandelt, die Anfragen zur Diagnostik nehmen zu, inzwischen geht man offener mit diesem Thema um“, sagt er anlässlich des heutigen Welt-Autismus-Tages der Vereinten Nationen.

Das Autismus-Zentrum Aachen betreut zurzeit 276 Klienten im Alter zwischen drei und 53 Jahren, 50 Namen stehen auf der Warteliste. „Es ist wichtig, das gesellschaftliche Bewusstsein zu erweitern“, sagt Pecher. „Bei Kindern und Jugendlichen geschieht das bereits frühzeitig. Im Kindergarten und in der Schule werden Auffälligkeiten bemerkt.“

Schwierig kann es dann im weiteren Leben werden, sagt Pecher, wenn das Umfeld nicht versteht, warum jemand, der Abitur und Studium bewältigt, auffallend anders reagiert, kontaktscheu ist oder ungewöhnliche, sich wiederholende Verhaltensweisen zeigt — Folgen einer komplexen neurologischen Entwicklungsstörung. „Das Asperger-Syndrom fällt oft erst auf, wenn es um die Entscheidung geht, ob ein Jugendlicher auf eine weiterführende Schule geht“, erläutert Pecher die Probleme der Diagnostik.

Zum Welt-Autismus-Tag hat das Therapiezentrum zwei autistische Autoren für eine Lesung am kommenden Samstag in Aachen gewonnen: Christine Preißmann (46) ist Ärztin für Allgemeinmedizin, Sachbuchautorin und Psychotherapeutin.

Erst im Alter von 27 Jahren erhielt sie die Diagnose Autismus-Spektrum-Störung (ASS). Nach Ratgebern und Erfahrungsberichten wie „Asperger — Leben in zwei Welten“ und „Überraschend anders: Mädchen & Frauen mit Asperger“ hat sie sich im neuen Buch „Glück und Lebenszufriedenheit für Menschen mit Autismus“, aus dem sie in Aachen lesen wird, einer besonderen Herausforderung gestellt: „Glück und Lebenszufriedenheit für Menschen mit Autismus“ bietet Einblick in die Gefühlswelt von Autisten, ihre Wahrnehmungen, Wünsche und Sinneseindrücke.

Sie selbst hat in einem ihrer Bücher beschrieben, dass für einen Autisten das persönliche wie berufliche Leben vielfach emotional frustrierend sein kann. Jetzt wagt sie einen weiteren Schritt nach vorn, hat andere Betroffene gefragt und die eher abstrakten Begriffe „Glück“ und „Lebenszufriedenheit in den Mittelpunkt gestellt — eine spannende Analyse.

Der zweite Autor, der lesen wird, ist Axel Brauns (52). Er ist Schriftsteller und Filmemacher. Bei ihm wurde die autistische Störung bereits im Kindesalter festgestellt. Sein Schicksal beschreibt er im Buch „Buntschatten und Fledermäuse — Leben in einer anderen Welt“ und im Dokumentarfilm „Der rote Teppich“. In seinem Buch hat er Eindrücke aus seiner frühen Kindheit in Hamburg umgesetzt.

„Als ich zwei Jahre alt war, verloren die Menschen um mich herum ihr Aussehen. Ihre Augen lösten sich in Luft auf.“ So beginnt sein Roman. Im Interview beschreibt er, wie er als „hochfunktionaler Autist“, bei dem alle Symptome des frühkindlichen Autismus zusammen mit normaler Intelligenz auftreten, Deutsch wie eine Fremdsprache lernte. Dann kam die Faszination für das Theater, für die Entdeckung der Welt über das Schreiben. Zusammen mit Christine Preißmann, die auf eine andere Weise die Suche nach Glück erforscht, will er das Publikum in der Nadelfabrik auf eine Reise der Gefühle mitnehmen.

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