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Genehmigung: Weiter keine Anträge auf Muezzin-Ruf in Köln, aber Diskussion

Genehmigung : Weiter keine Anträge auf Muezzin-Ruf in Köln, aber Diskussion

In Köln können sich Moscheegemeinden seit neuestem um die Genehmigung eines Muezzin-Rufs bemühen. Bisher hat das noch niemand getan. Warnende Stimmen gibt es dennoch.

Bei der Stadt Köln sind auch nach einer Woche noch keine Anträge auf Genehmigung von Muezzin-Rufen eingegangen. Eine Sprecherin der Stadt sagte am Freitag, drei Moscheegemeinden hätten Interesse bekundet und Informationen eingeholt, aber noch keinen Antrag gestellt. Muezzin-Rufe können in Köln seit dem 8. Oktober beantragt werden.

Sofern der Antrag genehmigt wird, können Moscheegemeinden ihre Gläubigen zum mittäglichen Freitagsgebet rufen. Der Gebetsruf darf nur in der Zeit zwischen 12.00 bis 15.00 Uhr und für die Dauer von maximal fünf Minuten erfolgen. Die Lautstärke wird je nach Lage der Moschee festgelegt. Außerdem muss die jeweilige Moscheegemeinde die Nachbarschaft frühzeitig mit Flyern informieren und eine Ansprechperson benennen, die Fragen beantworten oder Beschwerden entgegennehmen kann.

Die Stadt Köln verweist bei ihrer Initiative auf die im Grundgesetz verbriefte Freiheit der Religionsausübung. Während in christlichen Kirchen die Glocken geläutet würden, um die Gläubigen zum Gottesdienst zu rufen, seien es in den Moscheen muslimischer Glaubensgemeinschaften die Rufe des Muezzins, die diesen Zweck erfüllen.

Oberbürgermeisterin Henriette Reker erinnerte daran, dass viele Musliminnen und Muslime gebürtige Kölnerinnen und Kölner seien und fester Bestandteil der Stadtgesellschaft. „Wer das anzweifelt, stellt die Kölner Identität und unser friedliches Zusammenleben infrage“, sagte die parteilose Politikerin. „Wenn wir in unserer Stadt neben dem Kirchengeläut auch den Ruf des Muezzins hören, zeigt das, dass in Köln Vielfalt geschätzt und gelebt wird.“

Die Türkisch-Islamische Union Ditib teilte mit, sie berate noch intern darüber, wie der Gebetsruf in der Kölner Zentralmoschee im Stadtteil Ehrenfeld umgesetzt werden könne. Danach erst werde man sich mit der Stadt besprechen. „Eine Antragstellung für den öffentlichen Gebetsruf gibt es daher bislang nicht“, teilte eine Sprecherin mit. Die Entscheidung, das Modellprojekt zu starten, begrüße man aber ausdrücklich. „In anderen Städten ist der öffentliche Gebetsruf zum Freitagsgebet längst möglich und unproblematisch. Die Entscheidung der Stadt Köln wäre insofern nicht bundesweit einmalig, sondern reiht sich in diese Kette der gegenseitigen Toleranz und Akzeptanz ein.“

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime (ZMD), Aiman Mazyek, begrüßte die Initiative. „Köln sendet damit ein Zeichen der Toleranz und der Vielfalt in die Welt“, sagte Mazyek. Der Muezzin-Ruf sei integraler Bestandteil des muslimischen Gebets und in vielen Ländern Europas oder auch in den USA schon lange eine Selbstverständlichkeit. Dieser Teil des Glaubens dürfe kein Bestandteil politischer Debatten sein, „sonst spielt man mit einer islamfeindlichen Klaviatur den Extremisten in die Hände“, warnte Mazyek.

Daneben gibt es auch Kritik. Das Hauptargument: Der Muezzin-Ruf könne als Machtdemonstration umstrittener muslimischer Verbände verstanden werden. „Diese Symbolpolitik dient den Falschen“, schrieb etwa die frühere Islam-Beauftragte der SPD-Bundestagsfraktion, Lale Akgün, auf ihrer Facebook-Seite. Denn die Kölner Zentralmoschee im Stadtteil Ehrenfeld gehöre der Türkisch-Islamischen Union Ditib, die enge Verbindungen zur türkischen Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan unterhält. „Die Erlaubnis für den Muezzin-Ruf von der Ehrenfelder Moschee ist also ein Knicks vor dem politischen Treiben Erdogans, auch in Deutschland“, kritisierte Akgün.

Die Soziologin und Publizistin Necla Kelek („Die fremde Braut“) sagte der Deutschen Presse-Agentur, auf Toleranz könne sich nur der berufen, der sich selbst an die vereinbarten gesellschaftlichen Regeln halte. „Wenn zum Freitagsgebet nur Männer eingeladen werden und den Frauen nur ein separater Raum geboten wird, dann wird dort ein archaisches Gesellschaftsmodell gelebt“, kritisierte Kelek.

In den Moscheen werde nach außen hin tolerant geredet, doch letztlich werde dort der Islam als einzig wahre Religion gefeiert. „Dort wird die Welt in Gläubige und Ungläubige, in Männer und Frauen geteilt“, sagte Kelek. „Dort wird eine patriarchale und keine offene, demokratische Gesellschaftsordnung gepredigt.“

Kelek appellierte an Moscheevereine, Verbände und Gemeinden, von sich aus auf den Gebetsruf zu verzichten. „Die Moscheen sollten vielmehr verantwortungsbewusste Orte für das Neue, Moderne sein“, sagte sie. Die Migranten sollten dort unabhängig und ohne Bevormundung der Herkunftsländer ihrem Glauben nachgehen können. „Dazu braucht es keinen öffentlichen Muezzin-Ruf, sondern eine Debatte der Muslime untereinander, wie sie ihre Religion mit der Demokratie verträglich machen“, forderte Kelek.

(dpa)