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Die Sprache der Populisten: Was sie meinen, wenn sie reden, wie sie reden

Die Sprache der Populisten : Was sie meinen, wenn sie reden, wie sie reden

Hass, Demagogie und das Leugnen von Realitäten vergiften häufig die politischen Debatten – auf der Straße, in Sälen und vor allem im Internet. Populismus hat sich zu einem Dauerthema und einem häufig genutzten Begriff im politischen Streit entwickelt. Was dahinter steckt, wer Populist ist, lässt sich präzise nicht ohne weiteres sagen.

Hierzulande wird das Phänomen zumeist mit der AfD verbunden. Auf jeden Fall beeinflusst es seit geraumer Zeit den öffentlichen, zunehmend auch parlamentarischen Diskurs.

Wer dem Populismus widerstehen, sich ihm entgegenstellen will, wer über Populisten spricht, muss wissen, wie sie sprechen, was hinter deren Parolen und verbalen Ausfällen steckt. Die beiden Aachener Germanisten Thomas Niehr, Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der RWTH Aachen, und Jana Reissen-Kosch, promovierte Sprachwissenschaftlerin am selben Institut, haben jetzt ein Buch über die Sprache des Rechtspopulismus geschrieben.

Diejenigen, die als Populisten zu bezeichnen sind oder als solche auftreten, polemisieren gegen Eliten, Linke, „Fremde“ und gegen „System-“ oder „Lügenpresse“, verharmlosen den Nationalsozialismus und dessen Vokabular, berufen sich auf „gesunden Menschenverstand“ und „Volkes Stimme“. Die beiden Aachener Experten für Politolinguistik haben diesen Sprachgebrauch genau unter die Lupe genommen. Sie haben eine „bestimmte Art, Politik zu betreiben und auf potenzielle Wähler zuzugehen“, festgestellt. „Und Populisten tun das auf eine problematische Art, weil sie einfache Lösungen für komplexe Probleme versprechen und immer auf Ausgrenzung setzen: wir und die anderen, wir hier unten und ihr dort oben“, sagt Niehr im Gespräch mit unserer Zeitung. Inhaltlich seien die Antworten der AfD oft sehr dünn.

Aufgrund seiner Analyse widerspricht Niehr Heribert Prantl, dem bekannten Leitartikler der Süddeutschen Zeitung, der geschrieben hat, das Wort Populismus tauge zu fast nichts mehr, „nur noch zur Verharmlosung der Demokratieverächter“. Er und seine Kollegin wollen aufklären und halten es dabei für sinnvoller, „Äußerungen als rechtspopulistisch einzustufen als Personen oder gar ganze Parteien“.

Als Kernmerkmal nennt Reissen-Kosch, dass sich Populisten auf „das einfache Volk“ und dessen angeblichen Willen berufen, es in Gegensatz bringen zu „den Fremden“ und „der korrupten Elite“, wobei sie sich immer, so Niehr, als Teil des „einfachen Volkes“ darstellen, „der sie meistens nicht sind“. US-Präsident Donald Trump und AfD-Fraktionschef Alexander Gauland seien die besten Beispiele dafür.

Revanchist, Chauvinist, Nationalist, Extremist – es sind Begriffe, die eindeutig negativ belegt sind. „Bis vor kurzem hätte ich gedacht, dass das für Populist auch gilt, bis ich Interviews mit CSU-Chef Horst Seehofer und Herrn Gauland gelesen habe“, sagt Niehr. „Beide versuchen, diesen Begriff umzudrehen – nach dem Motto: In Populist steckt das Wort Volk, und wir sind Volksvertreter. Was soll daran schlimm sein?“ Tatsächlich seien Populisten aber opportunistisch und demagogisch.

In ihrem Buch „Volkes Stimme? Zur Sprache des Rechtspopulismus“ haben sich Reissen-Kosch und Niehr einzelne Wörter vorgenommen. „Flüchtlingsstrom“ hält Reissen-Kosch für keinen akzeptablen Begriff, wenn er durchaus auch von jenen verwendet wird, die sich für Flüchtlinge engagieren und für Willkommenskultur stehen. „ Die Metapher Strom weist auf etwas hin, das sehr schnell fließt, unaufhaltsam ist und vieles überrollt. Darin geht man unter. Das schwingt mit und ist hochproblematisch. Beim Begriff ‚Flüchtlingswelle‘ ist es ähnlich.“

War für den Herbst 2015 der Ausdruck „Massenflucht“ angemessen? „Ja, denn der Fokus liegt auf Flucht“, sagt Niehr. „Es geht um Menschen, die fliehen – und zwar in Massen. Damit wird der Blick auf die Ursachen gerichtet: Folter, Verfolgung und mehr.“ Wer die Sprache beherrscht, hat die Macht. Niehr widerspricht dem im Prinzip nicht. „In gewisser Weise ist das so, aber in einem demokratischen Staat beherrscht kein Einzelner und keine einzelne Gruppe die Sprache.“

Wie kann man mit Fakten argumentieren, wenn sie von Populisten als „Fake News“ einfach vom Tisch gefegt werden? „Gar nicht“, sagt Reissen-Kosch. „Dann ist eine Diskussion unmöglich.“ Niehr ist verblüfft, „wie gut und wie lange das funktioniert, was Trump macht. Und auch die Dreistigkeit, mit der er das macht, finden viele Leute offensichtlich ganz toll.“ Populismus sei immer eine Reaktion darauf, dass Menschen sich nicht vertreten fühlen. Das deute auf eine Krise der etablierten Parteien hin.

Reissen-Kosch und Niehr wollen als Sprachwissenschaftler für den Gebrauch von Sprache sensibel machen, Bewusstsein wecken. Wer die sprachlichen Strategien des Rechtspopulismus‘ durchschaut, „hat eine bessere Argumentationsgrundlage gegen diese politische Strömung“. Das Grundproblem dabei können beide allerdings nicht lösen: Diejenigen, die es am nötigsten hätten, werden dieses Buch nicht lesen.