Alsdorf/Aachen: Was Religion darf und was nicht

Alsdorf/Aachen: Was Religion darf und was nicht

Seine eigene religiöse Überzeugung in der Öffentlichkeit zu leben, ist für den Unionsfraktionsvorsitzenden im Bundestag, Volker Kauder, das bedeutendste Recht überhaupt. „Wo es keine Religionsfreiheit gibt, gibt es gar keine Freiheit; Religion ist immer Feind der Diktatoren“, sagte Kauder in Alsdorf auf einer Veranstaltung der CDU.

Mit dem Präsidenten des Katholischen Missionswerkes Missio, Klaus Krämer, informierte er über die Situation der Christen in afrikanischen und asiatischen Ländern.

Weltweit werden laut Kauder rund 100 Millionen Christen bedroht und verfolgt. „Sie sind die am meisten bedrängte Religionsgruppe überhaupt.“ Besonders dramatisch sei die aktuelle Lage in Nordkorea, wo es immer wieder Säuberungswellen gebe. „Wer sich als Christ bekennt, kommt ins Arbeitslager, was meist den Tod bedeutet.“

Christen, die vom Islamischen Staat (IS) aus dem irakischen Mossul vertrieben wurden, wollten heute nicht in die befreite Stadt zurückkehren, weil ihre Existenzgrundlage vernichtet und ihre Sicherheit nicht gewährleistet sei. „Sie sehen dort keine Perspektive. Früher gab es fast zwei Millionen Christen im Irak, heute seien es noch 250.000. „Ich befürchte, dass es zu christenfreien Regionen im Orient kommt“, sagte Kauder.

In der Türkei spitzt sich die Lage laut Krämer zu. „Nach der starken Einschränkung der Freiheitsrechte wagt niemand, überhaupt etwas zu sagen, weil stets Verhaftung droht.“ Wenn die Religionsfreiheit in der Türkei nicht gewährleistet ist, „brauchen wir über die EU und einen Beitritt nicht weiter zu reden“, sagte Kauder.

In vielen Ländern hilft Missio vor Ort: in der Seelsorge, mit psychotherapeutischer Behandlung und interreligiöser Versöhnungsarbeit. „Wer Gewalt ausübt, darf sich nie auf Religion berufen“, sagte Krämer. „Da sind die Religionsführer gefragt.“ Mit einer Petitionskampagne versucht Missio, der seit 2009 in Pakistan wegen des unberechtigten Vorwurfs der Gotteslästerung inhaftierten Christin Asia Bibi zu helfen.

Kauder forderte mehr Engagement hierzulande für verfolgte Christen: „Wir müssen Missstände beim Namen nennen. In allen Ländern, in denen der Islam Staatsreligion ist, haben Christen keine Chance.“ Seine Forderung, der Islam benötige — wie früher das Christentum — einen Prozess der Aufklärung, habe der Großimam der Al-Aksa-Moschee in Kairo, Ahmed Al-Tayeb, abgelehnt, berichtete Kauder. „Nach seiner Auffassung steht der Islam über dem Staat und über dem Einzelnen. Er ist nicht nur Religion, sondern auch Gesellschaftsform.“

Das genau gegenteilige Konzept hierzulande hat Aachens Bischof Helmut Dieser auf den Punkt gebracht: „Die Verfassung unseres Staatswesens in Deutschland ist in Sachen Religion neutral, aber freundlich zu den Religionen“, sagte er bei einem Treffen von Vertretern aus den fünf katholischen Bistümern in Nordrhein-Westfalen und islamischen Repräsentanten in der Aachener Zentrale des Hilfswerks Misereor.

Die Religion dürfe sich den Staat nicht einverleiben, „denn kein Staatswesen kann Gott und seine Herrschaft je abbilden oder fassen“. Das deutsche Grundgesetz sei in diesem Sinne „eine unverzichtbare Grundlage für das Zusammenleben der Menschen mit verschiedenen Glaubensüberzeugungen“, sagte Dieser. Er rief dazu auf, „dass wir als Christen und als Muslime diese religionsneutrale und religionsfreundliche Verfasstheit des Staates in Deutschland gemeinsam wertschätzen und verteidigen“.

Radikalisierung zur Weltverbesserung und Gewalt zur Ausbreitung des Glaubens nannte Dieser absurd und „himmelschreiend falsch“. Ahmad Aweimar, Dialog- und Kirchenbeauftragter des Zentralrats der Muslime in Deutschland, verurteilte Hass, Terror, Gewalt und Respektlosigkeit. „Besonders richte ich diese Absage an manche Muslime. Wir zeigen Gesicht und sagen: Nicht mit uns und nicht in unserem Namen!“