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Was Radfahren sicher, schnell und angenehm macht

Sieben Kommunen im Vergleich : Mit dem Rad durch die Stadt: Dann mal los!

170.000 Radler haben bundesweit Noten verteilt. Warum Bocholt Spitze ist, was in Aachen Probleme macht und in Düren Vorrang hat.

Radfahren macht Spaß und ist gesund, oft schön und zeitsparend. Radfahren tut, was immer relevanter wird, dem Klima gut. Mehr denn je passt es in die Zeit.

Auf dem Rad kann es gefährlich werden; nicht selten ergeben sich im Straßenverkehr brenzlige Situationen. Gegenseitige Animositäten und Beschimpfungen gehören zum Alltag von Rad- und Autofahrern. Schnell ans Ziel kommen wollen in der Regel beide. Im Konfliktfall ist der Radfahrer der Schwächere.

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) setzt sich für eine durchgreifende Verkehrswende hierzulande ein und will schlicht und ergreifend mehr Platz für radfahrende Menschen. „Unser Ziel ist es, alle Menschen, gleich welchen Alters und unabhängig von ihren Wohnorten, für das Radfahren und damit für die Mobilität der Zukunft zu gewinnen“, heißt es auf der Homepage des ADFC. F statt A! Der ADFC ist im Grunde der ADAC für jene, die Muskeln statt PS nutzen. Mit 180.000 gehören ihm nicht ganz so viele Mitglieder an wie dem Automobilclub.

Alle zwei Jahre macht der ADFC den sogenannten Fahrradklima-Test, der mit dem städtischen Klima fürs Rad und nichts mit dem eigentlichen Klima zu tun hat. Im Herbst vorigen Jahres wurden laut ADFC bundesweit rund 170.000 Menschen befragt – 40 Prozent mehr als 2016. Der Anteil der ADFC-Mitglieder sei mit 15 Prozent gering. In die Wertung kamen 683 Kommunen.

Diejenigen, die sich melden, beurteilen die Fahrrad-Situation in ihrer Stadt oder Gemeinde. Die Kriterien sind unter anderem: Sicherheit, Zahl, Länge und Zustand der Radwege, Schnelligkeit (kurze Strecken oder Umwege im Zielverkehr?), wirksame Politik pro Rad. „Es geht auch darum, in welchem Maße sich Politik und Verwaltung einer Kommune anstrengen, es für Radfahrer besser zu machen und fürs Radfahren werben“, sagt Matthias Schaarwächter vom NRW-Landesverband des ADFC unserer Zeitung. Die Teilnehmer vergeben die Noten, nicht der ADFC.

In der Großstadt-Kategorie schnitt Aachen im Test mit dem fünftletzten Platz eher schlecht ab. Düren erreichte nur das untere, Erkelenz immerhin das obere Mittelfeld. Überall wird diskutiert, wie man noch viel mehr Menschen zu gesunder und klimaverträglicher Mobilität ermuntern kann. Wie machen es verschiedene Städte, worauf achten sie dabei, und welchen Platz mit welcher Note erreichen sie im ADFC-Test?

MÜNSTER

Foto: imago

Grunddaten: 311.000 Einwohner, 303 Quadratkilometer Stadtfläche, 470 Kilometer Gesamtlänge der Radwege, 40 Prozent Radfahrer unter allen Verkehrsteilnehmern.

Gesamtnote: 3,3; Platz 2 unter 25 Städten in der Größe 200-500.000 Einwohner.

Tendenz im Test seit 2012: Münster gilt allgemein als die Fahrradstadt par excellence. Die Stadt und die ganze Region „sind platt wie eine Flunder“, wie Philipp Oeinck vom Team Radverkehr im Amt für Mobilität sagt. Eine asphaltierte Ringpromenade mit getrennten Wegen für Radfahrer und Fußgänger umgibt den Stadtkern und wirkt wie ein Verteilerring. Sicherheit, Komfort und Zügigkeit seien die wichtigsten Kriterien; Oeinck betont vor allem, dass das Radwegenetz durchgängig sein müsse: „Autofahrer würden sich auch wundern, wenn an einer Stelle die Straße auf einmal aufhört.“ Der ADFC lobt getrennte Ampelschaltungen für Radverkehr und abbiegenden Autoverkehr. Münster sei in der Gesamtnote abgefallen, „weil der Ausbau stagniert und sich nicht mehr so viel tut für Radfahrer wie noch vor einigen Jahren“.

KARLSRUHE

Foto: imago/Steinach/Sascha Steinach

Grunddaten: 305.000 Einwohner, 173,5 Quadratkilometer Stadtfläche, 520 Kilometer Gesamtlänge der Radwege, 29 Prozent Radfahrer unter allen Verkehrsteilnehmern.

Gesamtnote: 3,1; Platz 1 unter 25 Städten in der Größe 200-500.000 Einwohner.

Tendenz im Test seit 2012: Karlsruhe hat den Vorteil einer flachen Topographie und einer kompakten Bebauung und ist unter den Städten seiner Größenordnung. Spitzenreiter im Fahrradklima-Test. „Sie sind mit dem Rad oft schneller als mit dem Pkw“, sagt Johannes Schell vom Planungsamt der Stadt. Als Stärken nennt der ADFC, dass Fahrräder in Bus und Bahn mitgenommen werden können und dass die Stadt aktiv fürs Radfahren werbe. Bemängelt wird, dass Parken auf Radwegen nicht schärfer kontrolliert wird. Unfallanalyse steht für Schell am Anfang jeder Radwegeplanung. „Wir müssen den Radverkehr – vor allem an Kreuzungen – ins Sichtfeld des Autofahrers bringen.“ Er setzt auf Radfahrstreifen auf der Fahrbahn. Straßeneinmündungen seien die gefährlichsten Stellen.

AACHEN

Foto: www.imago-images.de/EIBNER/Juergen Augst

Grunddaten: 257.000 Einwohner, 160,9 Quadratkilometer Stadtfläche, 330 Kilometer Gesamtlänge der Radwege, 11 Prozent Radfahrer unter allen Verkehrsteilnehmern.

Gesamtnote: 4,3; Platz 21 unter 25 Städten in der Größe 200-500.000 Einwohner.

Tendenz im Test seit 2012: Im Gegensatz zu Münster und Karlsruhe ist Aachen reichlich hügelig. Deshalb erreicht der hiesige Anteil der Radfahrer am Gesamtverkehrsaufkommen mit elf Prozent bei weitem keinen Spitzenwert. Bis 2030 sollen es 25 Prozent sein. Dass Einbahnstraßen für Radfahrer in Gegenrichtung geöffnet sind, wird ebenso wie das Angebot an öffentlichen Rädern vom ADFC positiv bewertet. Ganz schlecht sieht es laut Fahrradklima-Test in Aachen aus, wenn man Räder im Bus mitnehmen will. Die Breite der Radwege lasse zu wünschen übrig. Vor allem klagen Radfahrer über mangelndes Sicherheitsgefühl. Die Stadt will laut Harald Becker vom Presseamt sogenannte Radvorrang-Routen zwischen City und Außenbezirken ausbauen.

OBERHAUSEN

Foto: imago stock&people

Grunddaten: 212.000 Einwohner, 77,1 Quadratkilometer Stadtfläche, Die Gesamtlänge der Radwege und den Anteil Radfahrer unter allen Verkehrsteilnehmern kann die Stadt trotz mehrfacher Anfragen nicht nennen.

Gesamtnote: 3,9; Platz 8 unter 25 Städten in der Größe 200-500.000 Einwohner.

Tendenz im Test seit 2012: Oberhausen hat mit seinem Projekt „RadWelle“ – zur Reduzierung der Wartezeiten für Radfahrer an Kreuzungen mit Ampeln – im Bundeswettbewerb um den Deutschen Fahrradpreis 2019 den zweiten Platz erreicht. Der ADFC vermerkt das Angebot an öffentlichen Farrädern und geöffnete Einbahnstraßen als positiv. Im Fahrradklima-Test bewerten Radfahrer den Winterdienst auf Radwegen schlecht und beklagen sich, dass an Baustellen nicht genug Rücksicht auf Radfahrer genommen werde. Zudem werde das Falschparken auf Radwegen nicht ausreichend kontrolliert.

DÜREN

Foto: Berners, Sarah-Maria

Grunddaten: 92.500 Einwohner, 85 Quadratkilometer Stadtfläche, 220 Kilometer Gesamtlänge der Radwege, 18 Prozent Radfahrer unter allen Verkehrsteilnehmern.

Gesamtnote: 4,2; Platz 80 unter 106 Städten in der Größe 50-100.000 Einwohner.

Tendenz im Test seit 2012: „Schnell, komfortabel und sicher“ – das sind für Benjamin Raßmanns, Mobilitätsmanager der Stadt Düren, die entscheidenden Kriterien für das Radwegekonzept. In Düren plant man derzeit intensiv sogenannte Radvorrangrouten – zum Beispiel eine schnelle Radverbindung zwischen Düren und Jülich. So nennt auch der ADFC als Stärke Dürens die „Fahrradförderung in jüngster Zeit“. Zudem gebe es in Düren vergleichsweise eher weniger Konflikte mit Fußgängern und eine gute Beschilderung der Radwege. Allerdings kritisiert der ADFC, dass Parken auf den Radwegen kaum kontrolliert werde, die Situation an Baustellen für Radfahrer sehr problematisch sei und öffentliche Fahrräder fehlen.

BOCHOLT

Foto: imago/blickwinkel/imago stock&people

Grunddaten: 71.000 Einwohner, 119,4 Quadratkilometer Stadtfläche, 215 Kilometer Gesamtlänge der Radwege, 39 Prozent Radfahrer unter allen Verkehrsteilnehmern.

Gesamtnote: 2,4; Platz 1 unter 106 Städten in der Größe 50-100.000 Einwohner.

Tendenz im Test seit 2012: Das münsterländische Bocholt ist mit der besten Note in seiner Stadtgrößenklasse Bundessieger im Fahrradklima-Test. Der ADFC bescheinigt der Stadt, dass dort Alt und Jung sicher, zügig und ohne Stress radfahren können und das Stadtzentrum mit dem Rad gut zu erreichen ist. Und es wird fürs Radfahren geworben. Selbst in der schlechtesten Bewertung für Fahrradmitnahme in Bussen und öffentliche Fahrräder liegen die Noten nicht unter 3,5. Die Stadt legt laut Hans Schliesing von der Abteilung Straßenplanung Wert auf Sicherheit und deshalb auf Schutzstreifen in Kreuzungen. Entscheidend sei, „dass der Radweg konsequent geführt wird und nicht irgendwo aufhört. Wir können die Radfahrer nicht einfach am Ende alleine stehen lassen.“

ERKELENZ

Foto: Claßen, Stephan/Classen, Stephan

Grunddaten: 46.000 Einwohner, 117,4 Quadratkilometer Stadtfläche, keine Angaben zur Gesamtlänge der Radwege, 18 Prozent Radfahrer unter allen Verkehrsteilnehmern.

Gesamtnote: 3,7; Platz 79 unter 311 Städten in der Größe 20-50.000 Einwohner.

Tendenz im Test seit 2012: In Erkelenz sind laut ADFC die Radwege gut ausgeschildert und Einbahnstraßen in Gegenrichtung geöffnet; und auch die Werbung fürs Radfahren stimme. Die Stadt habe vor allem die neuen Stadtteile Borschemich und Immerath über sichere und kurze Verbindungen und „möglichst ohne Autoverkehr“ ans Radwegenetz angeschlossen, dessen Umfang sich in den letzten Jahren verdoppelt habe, sagt Nicole Stoffels vom Referat für Wirtschaftsförderung und Stadtmarketing. Unzureichend nennt der ADFC das Angebot an öffentlichen Fahrrädern und die Möglichkeit, Fahrräder im Bus mitzunehmen.