Aachen: Was glauben Sie, Bischof Dieser?

Aachen : Was glauben Sie, Bischof Dieser?

Das ist sofort zu spüren: Der neue Aachener Bischof hat Freude an der Sprache. Sie interessiert ihn, sie fasziniert ihn. Helmut Dieser weiß, dass seine Kirche sprachlich viel aufholen muss, will sie überhaupt verstanden werden und Einfluss nehmen. Seit Jahren lehrt er Theorie und Geschichte der Predigt.

Für einen Bischof spricht er ungewöhnlich schnell, deutlich und nahezu druckreif. Aachen bekommt jedenfalls einen Oberhirten, der nicht um den heißen Brei herumredet, sondern klipp und klar Stellung nimmt zu seinem Glauben, zur Ökumene, zum Ende der Volkskirche. Darüber und über den Primat des Papstes, den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen und das Engagement der Laien spricht Dieser mit unsem Redakteur Peter Pappert.

Gespräch im Büro des Trierer Weihbischofs: Helmut Dieser im Interview mit unserem Redakteur Peter Pappert. Foto: Michael Jaspers

„Glauben teilen mit anderen, das ist das Schönste“, lautet eine Aussage von Ihnen. Lassen Sie uns damit beginnen, Herr Bischof: Was glauben Sie?

Dieser: Ich glaube, dass Gott die Ursache ist, warum wir leben, dass also ein größerer Wille als unserer hinter allem steht. Darum gibt es diese Welt und Dich und mich. Ich glaube, dass Gott einen guten Willen hat und kein Gott ist, vor dem ich Angst haben muss, kein Gott, der betrügt oder täuscht. Der Ursprung dieses göttlichen Willens ist Liebe, die Freude daran hat, sich den Geliebten mitzuteilen. Das ist unser Gottesbild: Wir sind seine Lieblinge. Diese Überzeugung mit anderen zu teilen, ist ein Abenteuer.

Warum glauben Sie?

Dieser: Weil der Mensch sonst ein Rätsel ist, mit dem ich es nicht aushalten könnte. Der Atheist hat nicht Recht, wenn er sagt, die Frage sei für ihn entschieden. Nein, sie ist für den Atheisten genauso ein Rätsel. Seine Antwort darauf, Gott gebe es nicht und alles sei Zufall, bringt mich nicht zum Ziel. Mit dem Glauben komme ich weiter.

Gibt es Zweifel?

Dieser: Vor allem dann, wenn Dinge geschehen, die ich nicht begreife. Warum stirbt das Kind in Syrien? Warum gelingt es nicht, denen Einhalt zu gebieten, denen das egal ist, die in Kauf nehmen, was man nicht in Kauf nehmen darf? Warum verhindert Gott das nicht?

Ist die Theodizee-Frage, die Frage, warum Gott schlimmstes Unheil und Ungerechtigkeit geschehen lässt, heute die entscheidende Glaubensfrage?

Dieser: Entscheidend insofern, als sie den Glauben am meisten herausfordert. Diese Frage lässt uns nie in Ruhe. Darauf gibt es nur eine Blickrichtung; das ist die aufs Kreuz. Es sagt uns, dass Gott sich nicht an der Dunkelheit des Menschseins vorbei mogelt.

Wie schwierig ist es, über Gott zu sprechen?

Dieser: Wir machen oft den Fehler, zu viel vorauszusetzen und über die Köpfe hinweg zu reden. Wir müssen lernen, existenziell zu sprechen: Wie stehst Du im Leben? Was macht das Leben mit Dir? Welche Träume hast Du? In den Antworten darauf muss es möglich sein, Gott zu entdecken. Dabei müssen wir helfen; das ist unsere Aufgabe.

Das ist nicht einfach. Sie haben es selbst nach Ihrer Ernennung zum Bischof von Aachen angesprochen und gesagt, die Kirche widme der Sprache zu wenig Aufmerksamkeit. Sie haben gesagt, die Sprache der Kirche sei „fremd, antiquiert, langweilig“. Woran liegt das?

Dieser: Wir müssen erst noch aus dem Nest geschubst werden. Wir meinen immer noch, wir lebten in einer gesicherten, christlich verfassten Kultur. Das ist aber nicht mehr der Fall. Jede Generation muss sich neu bekehren, neu entdecken und hinwenden zu dem, was tiefer geht als der Mainstream oder irgendwelche Diktate derer, die Macht haben.

Dafür benötigt man also eine Sprache, die verständlich ist. Wessen Aufgabe ist es, die Sprache der Kirche entsprechend zu ändern?

Dieser: Das ist zunächst unsere Aufgabe. Bevor wir verkündigen, müssen wir erst mal hinhören, wie heute geredet wird. Wir müssen den Dialog mit der heutigen Kultur führen, ohne Besserwisser zu sein. Aber man darf mir schon anmerken, dass ich etwas habe, was ich in Umlauf bringen möchte.

Braucht ein Bistum ein regelrechtes Sprach-Programm, um in diesem Sinne voran zu kommen?

Dieser: Ja, aber es wird schwer sein, den dafür nötigen Funken zu entzünden. Wir brauchen eine Offensive, wir müssen kritisch beurteilen, wie bei uns gepredigt wird: Was geht, und was geht längst nicht mehr? Mancher gestandene Pfarrer ist nicht überzeugt, dass er seine Sprache ändern müsse. Aber das müssen wir uns zutrauen und zumuten. Davon träume ich. Papst Franziskus hat in dem Apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“ ganz ausführlich über die Predigt geschrieben. Das ist bei uns in Deutschland noch kaum aufgegriffen worden.

Liegt das Problem der Kirche, sich verständlich zu machen, nur an der Wortwahl oder auch daran, dass sie Themen scheut, die ihr unangenehm sind, die zu Streit führen könnten, und sich dazu eher unverbindlich oder gar abwehrend äußert?

Dieser: Ja, daran liegt es auch, aber mehr noch an der Ferne zur postmodernen Lebensart. Wir müssen auch in die Milieus hinein, die in der Kirche nicht vertreten sind.

Bleiben wir mal bei denen, die dort engagiert sind. Das Reformationsjahr hat gerade begonnen. Die übergroße Mehrheit der Protestanten und Katholiken weiß oder versteht nicht, was sie konfessionell überhaupt trennt. Offensichtlich können die Kirchen es ihren eigenen Leuten nicht verständlich machen.

Dieser: Was für die Trennung theologisch Gewicht hat, ist heute tatsächlich nicht mehr so virulent. Es wächst also richtigerweise das Bewusstsein, dass die Trennung schlecht ist. Zudem wird das Trennende nicht mehr als so tiefgehend empfunden, obwohl es theologisch durchaus tiefgehend ist. Andererseits dürfen wir keine Ökumene anstreben, die es nicht so genau nimmt. Das ist eine Gefahr und wäre angesichts von 500 Jahren Kampf, der unsere Vorfahren bis ins Mark getroffen hat, oberflächlich.

Aber es ist eben ein theologischer Kampf.

Dieser: Ja, doch er ist nicht unnötig, und er ist wichtig für uns alle. Wir Theologen brauchen dabei aber das Drängen derer, die die Trennung nicht mehr nachvollziehen.

Das unterschiedliche Verständnis vom Abendmahl können viele Gläubige als Grund durchaus benennen, betrachten es aber nicht mehr als relevant für die Trennung.

Dieser: Aber die Theologen auf beiden Seiten sehen das anders, weil sie es sich nicht zu einfach machen wollen. Wir haben es schließlich mit der Stiftung Jesu zu tun, wir verwalten sein Erbe, sein Testament. Und wir haben leider unterschiedliche Deutungen, wie wir dieses Testament — das Abendmahl, das am Abend vor Jesu Leiden eingesetzt wurde — wahren und verstehen müssen. Man muss ehrlich sein; da sind wir noch nicht beieinander. Aber wir verteufeln uns nicht mehr gegenseitig, sondern wollen zusammenkommen. Es geht jedoch nicht nur um Goodwill; das würde nicht tragen. Es geht um das Heilige, die Eucharistie, also um das Zentrum unseres Glaubens. Das darf man nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Wie ist die Stimmung in der deutschen katholischen Kirche? Wo steht sie zwischen Dogma und Dialog, Einheit und Vielfalt, päpstlichem Primat und „Communio Ecclesiarum“, also der Gemeinschaft eigenständiger Ortskirchen?

Dieser: Wir erkennen, dass die Zeiten, aus denen wir kommen, zu Ende sind und sich auch nicht mehr verlängern lassen. Das waren die Zeiten der Volkskirche, einer christlich verfassten Gesellschaft, eines katholischen Milieus, in dem alles irgendwie mit Kirche und Glauben zu tun hatte. Das ist vorüber oder nur noch in Resten da. Das wird noch immer vor allem bedauert, wir verharren in Wehleidigkeit und schimpfen. In diesem Umbruch spüren wir jedoch: Was war, passt heute nicht mehr. Wie es werden soll, wissen wir aber noch nicht.

Die Volkskirche ist also zu Ende?

Dieser: Ja, sie läuft aus.

Mitten in diesen Umbruch hinein trifft das, was franziskanische Wende, franziskanischer Aufbruch oder Umschwung genannt wird — Glasnost und Perestroika im Vatikan. Können Sie dieses Phänomen, diesen Wandel beschreiben?

Dieser: Ich würde es nicht mit diesen Begriffen beschreiben, denn der Papst legt größten Wert darauf und zeigt auch immer wieder, dass er in der Kontinuität seiner Vorgänger steht. Wenn man ihn aus der Kirche heraus katapultiert und auf eine hohe Säule stellt, ist das unkatholisch, unkirchlich; das will er auch gar nicht. So ist er nicht. Er zitiert ständig seine Vorgänger. Er redet den päpstlichen Primat nicht klein, aber er setzt diesem Pol den anderen gegenüber: die Synodalität. Das hat das Zweite Vatikanische Konzil zwar auch schon getan, aber Franziskus macht jetzt ernst damit. Was bedeutet Kollegialität der Bischöfe? Da geht er voran. Das ist die neue Herausforderung für uns. Aber Franziskus hat gerade gegenüber der Familiensynode im vorigen Jahr seinen Primat betont. Ohne ihn wäre die Synode auseinandergeflogen.

Franziskus betont die Synodalität, er hat auch von „heilsamer Dezentralisierung“ gesprochen. Das ist Ihnen sympathisch.

Dieser: Ja, weil eine Weltkirche nicht uniform geleitet werden kann. Katholisch bedeutet allumfassend. Darin ist viel Unterschiedliches, das zueinander findet, zusammengehört und beieinander bleibt, aber es ist unterschiedlich. Da muss man sich die Ortskirchen doch nur anschauen. Und auf der mittleren Ebene zwischen Vatikan und Ortskirche will der Papst die Rolle der Bischofskonferenzen stärken. Was das heißt, müssen wir erst noch lernen; da ist noch sehr viel zu tun.

Wird der Papst mit seinen Initiativen, die Sie gerade genannt haben, von der deutschen Bischofskonferenz genug unterstüzt?

Dieser: Es gibt keinen Bischof, der sich von ihm distanzieren würde. Es gibt keinen einhelligen Chor der Meinungen, sondern durchaus auch unterschiedliche Sichtweisen. Aber alle stehen loyal zum Papst.

Die von Ihnen wie vom Papst geschätzte und betonte Vielfalt der katholischen Kirche offenbart sich auch in seinem nachsynodalen Schreiben „Amoris laetitia“, in dem Franziskus zu Beginn erklärt, es sei nicht die Aufgabe des Lehramtes, für jede einzelne Situation zu entscheiden. Er sieht sich also zum Beispiel außerstande, für die Weltkirche in einer Frage wie des Kommunionempfangs für wiederverheiratete Geschiedene verbindliche Vorgaben für alle Fälle zu machen. Ist das gut?

Dieser: Ja, durchaus. Die Kirche hat immer großen Wert darauf gelegt, dass die katholische Lehre nicht nur klar vorgetragen und verstanden wird, sondern auch im realen Leben angewendet werden muss. Das lässt sich nicht uniform regeln. Letztlich entscheidet das Gewissen des einzelnen. Der Papst kann nur Orientierung geben.

Kardinal Walter Kasper, in Familienfragen engster Berater des Papstes, sieht in der Familien- und Geschiedenenpastoral neue Spielräume, hat aber wiederholt bezweifelt, dass die deutsche Kirche und ihre Pfarrer genügend vorbereitet sind, um sie verantwortlich zu nutzen.

Dieser: Ich glaube nicht, dass wir darauf vorbereitet sind, sondern es jedem einzelnen überlassen haben, wie er in der Seelsorge mit diesen Fragen umgeht. Der eine Pastor sieht es locker, der andere streng. Das Thema geht aber weit über die Geschiedenenpastoral hinaus. Der Papst schreibt viel über die Vorbereitung und Begleitung der Ehe. In diesem Punkt müssen wir in Deutschland pastoral noch viel tun; da sind andere Länder wesentlich weiter als wir.

Über die Aussagen des Papstes in „Amoris laetitia“ zur Geschiedenenpastoral wird in der katholischen Kirche leidenschaftlich gestritten. Kardinal Kasper sieht Spielräume, der Chef der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, sagt, es habe sich nichts daran geändert, dass die Eucharistie für wiederverheiratete Geschiedene ausgeschlossen ist. Diese Diskussion ist unvermeidlich. Wird sie für die Bischofskonferenz zu einem Ergebnis führen?

Dieser: Wir sind dabei. Wir sind in Auseinandersetzungen.

Letztlich wird die Antwort aber in der Verantwortung des einzelnen Bischofs liegen.

Dieser: Das ist theologisch nicht anders möglich. Aber wir müssen uns schon darum bemühen, zu einer einheitlichen Praxis zu kommen. Darauf lege ich Wert.

Es ist schwer vorstellbar, dass die deutschen Bischöfe in dieser hoch umstrittenen Frage einen Konsens finden.

Dieser: Es ist schwierig. Den Willen, in dieser Frage beieinander zu bleiben, haben wir schon. Es gibt keinen, der einfach aussteigt und das alleine regelt. Wir müssen Geduld haben.

Wie lange?

Dieser: Das weiß ich nicht.

Die Frage der Geschiedenenpastoral ist im Maßstab der Weltkirche eher nebensächlich. Für sehr viele Katholiken hierzulande ist sie aber zu einem entscheidenden Kriterium dafür geworden, ob sich ihre Kirche endlich auf den Alltag und die Sorgen ihrer Gläubigen zu bewegt. Haben Sie dafür Verständnis?

Dieser: Ja — voll und ganz. Deshalb bin ich ja so froh, dass der Papst mit „Amoris laetitia“ neue Räume geöffnet hat. In dieser Frage standen wir bisher in einer Sackgasse; wir konnten den Betroffenen bisher überhaupt nicht sagen, wie ein guter Weg für sie aussieht. Wenn eine Ehe im schlimmsten Fall scheitert, muss es doch irgendwann einen Punkt geben, da das Scheitern durch die Botschaft Jesu überwunden werden kann, wo Heilung und Versöhnung möglich wird. Jesus hat nie jemanden weg geschickt in dem Sinne „Für Dich weiß ich nichts.“ Das kann nicht unsere Praxis sein

Und wie stellt der Papst sich die Praxis vor?

Dieser: Franziskus zeigt, wie es weitergehen kann: in einem sehr persönlichen Weg des Unterscheidens, des Neu-Bekennens und der Versöhnung. Niemand wird von Gott immer nur auf seine alte Schuld zurückgeworfen. Wer das, was geschehen ist, tief durchdacht hat, mit seiner Lebenssituation und seiner Familie versöhnt ist, wer weiß, dass ihm verziehen worden ist, kann vor seinem inneren Gewissen dann auch zur Kommunion gehen. So weit geht der Papst, dass der einzelne in seinem Gewissen an diesen Punkt kommt. Dazu braucht er die Begleitung der Kirche und des Priesters. So verstehe ich dieses Schreiben.