Staatsanwalt nimmt Ermittlungen wieder auf: Was geschah mit Jenny Böken auf der „Gorch Fock“?

Staatsanwalt nimmt Ermittlungen wieder auf : Was geschah mit Jenny Böken auf der „Gorch Fock“?

Was ist am 3. September 2008 auf der „Gorch Fock“ passiert, wie kam ihre Tochter Jenny ums Leben? Seit über zehn Jahren lassen die Eltern Marlis und Uwe Böken nicht locker. Sie suchen nach Antworten – und sehen Ungereimtheiten.

Ihr langer Kampf hat Erfolg gehabt: Am Dienstag erhielten Jennys Eltern die Nachricht, dass die Kieler Staatsanwaltschaft, die 2009 die Ermittlungen im Fall ihrer Tochter eingestellt hatte, nach neuen Zeugenaussagen das „Todesermittlungsverfahren“ wieder aufgenommen hat.

„Wir sind wieder im Spiel“, kommentierte der Aachener Anwalt Rainer Dietz die Nachricht aus Kiel. Mit ihm war die Familie in diversen Klageanläufen mit Wiederaufnahmeanträgen und Strafanzeigen sowohl gegen den Schiffsarzt wie auch gegen den damaligen Kapitän zur See der „Gorch Fock“ bis in die letzte Instanz gegangen – und immer gescheitert.

Der Leichnam der 18-Jährigen aus Geilenkirchen war elf Tage nach ihrem Verschwinden von Bord aus der Nordsee geborgen worden. Die Kieler Staatsanwaltschaft sprach von einem tragischen Unglück, Jenny Böken sei ertrunken. Die Eltern dagegen sehen zahlreiche ungeklärte Fragen. „Wenn sich bei einer angeblich in der Nordsee Ertrunkenen bei der Obduktion kein Wasser in der Lunge findet, dann ist das schon mehr als merkwürdig“, kommentierte der Anwalt die Obduktionsergebnisse. Und warum trug die junge Frau nur noch einen Schnürstiefel, der über den Knöchel ging. Im Kampf gegen das Ertrinken würde niemand versuchen, die Schuhriemen zu lösen und den Schuh abzustreifen.

Bei einer halb entkleideten Wasserleiche ohne Wasser in der Lunge, sei es aus seiner Sicht schon angebracht, Ermittlungen Jahre danach wieder aufzunehmen. Auslöser dafür ist die eidesstattliche Aussage eines damaligen Soldaten, der im April dieses Jahres – nach einer Geschlechtsumwandlung – von der Kieler Staatsanwaltschaft als Zeugin vernommen wurde. Er hatte sich vor Jahren bei Dietz gemeldet.

Vor der Geschlechtsumwandlung soll er Jenny per Zufall kennengelernt und sie auf eine Party vor dem Auslaufen der „Gorch Fock“ begleitet haben, sagte Dietz. Die im April vernommene Zeugin soll demnach erklärt haben, kurz nach dem Auffinden der Leiche hätten mehrere Männer, darunter Marineangehörige, sie in einer Kaserne besucht. Sie sollen angedeutet haben, dass die junge Frau erdrosselt worden sei.

Als gestern der Kieler Oberstaatsanwalt Axel Bieler, Sprecher der Behörde, mitteilte, dass man das Verfahren wieder aufnehmen werde, fiel der Mutter von Jenny mehr als nur ein Stein vom Herzen. „Ich war sehr traurig in den letzten Jahren und hatte nicht mehr so richtig an unseren Rechtsstaat geglaubt“, sagte Marlis Böken unserer Zeitung. Nun trete möglicherweise Licht ins Dunkel der Todesumstände ihrer Tochter.

Der Vater reagierte zurückhaltender: „Wir sehen die Entscheidung eindeutig als Teilerfolg, hätten uns jedoch zuvor auch eine Entpflichtung der nach unserer Auffassung im Fall nicht unbefangenen Staatsanwaltschaft Kiel gewünscht.“ Er will das wiedereröffnete Verfahren „sehr akribisch begleiten“.

Böken hatte erst vor kurzem den Antrag gestellt, die Zuständigkeit an eine „neutrale“ Staatsanwaltschaft abzugeben, das lehnte die Generalstaatsanwaltschaft in Schleswig ab. Zum Thema Befangenheit erklärte Oberstaatsanwalt Axel Bieler, man habe das Vertrauen der Generalstaatsanwaltschaft und werde weiter objektiv ermitteln.

Nach Einschätzung von Anwalt Dietz war die jetzt neue Zeugenaussage nur ein Mosaikstein: „Eine Tatsache alleine führt nicht dazu, die Ermittlungen neu aufzunehmen. Aber das passt alles in den vermuteten Kontext, dass damals auf diesem Schiff und vor allem nach dem Tod von Jenny Böken nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist.“ Erst jüngst hätte er in Kiel den Gang zum Europäischen Gerichtshof angedroht. Die Eltern hätten also noch lange nicht klein beigeben wollen, erklärte der Anwalt.

2014 hatten die Bökens sogar eine Klage gegen die Bundesrepublik Deutschland beim Aachener Verwaltungsgericht angestrengt. Für Angehörige von Soldaten, die im Dienst zu Tode kommen, steht eine Entschädigung von 40.000 Euro im Raum. So hatten sie damals erreicht, dass sich zum ersten Mal überhaupt ein Gericht mit dem Todesfall Jenny Böken befassen musste. Die Kammer machte damals sogar einen Ortstermin auf der „Gorch Fock“ in Warnemünde.

Das Ergebnis der Einschätzung der damaligen Sicherheitslage auf dem Schiffsdeck war verheerend, die Reeling zu niedrig, die Matrosen hätten angeleint sein müssen. Trotzdem wies die Kammer damals in ihrem Urteil die Zahlung der 40.000 Euro zurück. Für Jenny Böken habe zwar Lebensgefahr bestanden, hieß es in dem Urteil, jedoch keine „außerordentliche“. Doch um das Geld war es Marlis und Uwe Böken ohnehin nicht gegangen, sie kämpften immer nur um ein Ende der Ungewissheit – jetzt sind die Ermittler in Kiel am Zug.

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