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Junger Mann kämpft für alten Baum: Warum „HambiPotter“ seit Wochen in einer 250-Jahre-Eiche lebt

Junger Mann kämpft für alten Baum : Warum „HambiPotter“ seit Wochen in einer 250-Jahre-Eiche lebt

Das Schicksal einer 250 Jahre alten Eiche in Castrop-Rauxel schien besiegelt. Die letzte Hoffnung des Vereins „Rettet die alte Eiche“ ist jetzt der 21-jährige Johannes. Er kämpft mit vollem Körpereinsatz für den uralten Baum – und auf ihm.

Der Tag nahte, an dem die Eiche fallen sollte. Sie hieß bei allen bloß „die alte Eiche“, 250 Jahre stand sie nun schon dort. Die Mitglieder des Vereins „Rettet die alte Eiche“ wussten nicht, was sie noch tun sollten. Am 4. April hatte der Stadtrat von Castrop-Rauxel im Ruhrgebiet den Bebauungsplan für das Projekt „Wohnen an der Emscher“ beschlossen. Ein Investor wollte auf 43.000 Quadratmetern 70 Doppel- und Einzelhäuser bauen.

Dort, wo die alte Eiche stand, verlief laut Plan eine Straße. Drumherum bauen wollte der Investor nicht, dadurch hätte er mehrere Grundstücke verloren. Der Versuch, ein Bürgerbegehren durchzusetzen, scheiterte trotz 6000 Unterschriften. Folgt man den Mitgliedern des Vereins, trägt die Stadt daran Schuld. Auch der Versuch, den Baum zum Naturdenkmal zu ernennen, misslang. Am 30. Juli erteilte die Stadt, die den Beinamen „Europastadt im Grünen“ trägt, die Fällgenehmigung. Ab 1. Oktober durfte der Investor den Baum fällen lassen. Bis dahin waren es nur noch wenige Tage.

Dann meldete sich ein junger Mann beim Verein. Er hieß Johannes. Er hatte fast ein Jahr in einem Camp neben dem Hambacher Forst verbracht und kannte sich trotz seiner 21 Jahre aus, wenn es darum ging, Bäume zu retten. Er nannte sich auf Twitter „HambiPotter“, um den Hals trug er den rot-gelb-gestreiften Schal der Gryffindors – jenes Hauses im Zauberinternat Hogwarts, dem Harry Potter angehört. Johannes sah sich die alte Eiche an, hörte sich an, weshalb sie fallen sollte, und entschied, etwas dagegen zu tun.

Am 30. September um kurz vor Mitternacht kehrte Johannes zurück zum Baum. Er kletterte hinauf und befestigte in 15 Metern Höhe eine Hängematte. Wenig später standen Polizisten unten und forderten ihn auf, herunterzukommen. Am frühen Morgen kamen Leute, um den Baum zu fällen. Sie sahen, dass Johannes dort in seiner Hängematte hing, und zogen wieder ab. Fürs Erste hatte er gewonnen.

Nichts Verbotenes

Zwei Wochen sind seitdem vergangen. Die Hängematte ist noch da, Johannes auch. „Das ist doch bescheuert, dass ich überhaupt hier oben sein muss“, sagt er. „Aber wenn man alle Mittel ausschöpft und es nichts bringt, bleibt einem nur wenig anderes übrig, als in den Baum zu klettern.“ Eine Plane hat er über seinem Kopf aufgespannt, zwei Seile sichern ihn ab. Bis heute hat der Investor keine Klage wegen Hausfriedensbruchs eingereicht. Laut Polizei tut Johannes nichts Verbotenes, sie schaut aber regelmäßig vorbei.

Die Mitglieder von „Rettet die alte Eiche“ wachen gleich daneben im Schichtdienst. Sie haben einen Pavillon aufgestellt, der sie vor Regen schützt, allerdings nicht vor der Kälte in der Nacht. In der Mahnwache engagieren sich Leute wie Ursula, pensionierte Mathelehrerin und sachkundige Bürgerin im Rat für die Grünen, aber auch Mario, der vorher nie politisch aktiv war, sich aber vor einigen Tagen spontan entschloss, mitzuhelfen. In einer Ecke liegen Flyer aus, gegen Rheinmetall, gegen Palmöl, für Umweltschutz.

Wenn Johannes etwas möchte, braucht er bloß zu rufen. Dann legen sie es in einen Beutel, den er mit einem Seil hochzieht. Überall stehen Kisten mit Lebensmitteln. Sein Mittagessen kochen Anwohner, die froh sind, dass sich jemand für die Eiche einsetzt. Sie ist zwar der älteste Baum hier, aber nicht der einzige. Das Gebiet hat etwas von einem verwilderten Biotop. Niemand hier hätte was dagegen, wenn nicht nur die Eiche stehen bliebe, sondern gleich das ganze Bauprojekt scheiterte.

Eigentlich könnte Johannes wieder vom Baum herunterkommen, eigentlich könnte die Mahnwache ihr Zelt abbauen. Am 1. Oktober hat der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland beim Verwaltungsgericht Gelsenkirchen Klage gegen die Fällgenehmigung der Stadt eingereicht. Bis das Gericht entschieden hat, darf nicht gefällt werden. Doch Johannes und die Menschen vom Verein misstrauen dem Investor. Sie fürchten, er könnte den Baum in ihrer Abwesenheit widerrechtlich fällen lassen und eine Geldstrafe in Kauf nehmen.

Also harren sie aus, also schläft Johannes Nacht für Nacht in seiner Hängematte, und wenn die Polizei nicht gerade nach dem Rechten sieht, klettert er kurz nach unten, um auf die Toilette zu gehen. Viel auszumachen scheint ihm das nicht. Er hat die letzten Jahre nicht unbedingt komfortabler gelebt. Nach dem Abitur verließ er seine niederrheinische Heimatstadt und flog nach Neuseeland. Zwei Jahre verbrachte er dort, schlief meist im Auto oder im Zelt, machte kleine Jobs.

Nach seiner Rückkehr nahm er an einem Waldspaziergang im Hambacher Forst teil und beschloss, zu bleiben. „Das Wort Plan ist mir nicht so geläufig“, sagt er. Einen Plan aber hat er doch: bald nach Neuseeland auswandern. Nicht mit dem Flugzeug, sondern mit dem Segelboot.

Er hat genug zu tun, um sich oben nicht zu langweilen. Die Social-Media-Kanäle der alten Eiche betreiben zum Beispiel. Das Grundgesetz und das Strafgesetzbuch hat er bei sich. Die Bibel auch. Er liest Artengutachten, studiert Bebauungspläne. Er sagt: „Wir haben in Castrop-Rauxel sieben Prozent Leerstand.“ Wir. Was er damit sagen will: Die Stadt braucht keine neuen Wohnhäuser.

Früher wäre ein so begrenzter Protest vielleicht versandet. Ein paar Leute wollen eine alte Eiche retten. Na und? Die Lokalzeitung hätte einmal darüber berichtet, nach einer gescheiterten Unterschriftensammlung wären die Aktivisten irgendwann müde geworden und hätten aufgegeben. Doch 2019 ist das anders. Es geht nicht nur um den Baum. Die alte Eiche ist ein kleiner Teil des großen Ganzen im Kampf gegen den Klimawandel. Da gehört jeder Baum irgendwie verteidigt. Dann gibt es das Internet, Soziale Medien, die immer wichtiger werden, um Öffentlichkeit herzustellen.

Soziale Medien nutzen

Und es gibt Menschen wie Johannes, die all das zu nutzen wissen. Im Hambacher Forst hat er gelernt, wie man auch mit geringen finanziellen Mitteln einen Riesen wie RWE nerven kann. Kaum im Baum angekommen, drehte Johannes ein Video, das er auf Twitter und Facebook veröffentlichte. Die Social-Media-Kanäle der Eiche hat er eingerichtet.

Der Verein hat bloß eine altbackene Website mit zwei Festnetznummern. Er dagegen veröffentlicht seine Handynummer, um jederzeit für Medien erreichbar zu sein. Seit Johannes in der Eiche lebt, waren unter anderem schon die „Bild“-Zeitung da, der WDR, weitere Fernsehsender. Junger Mann klettert auf Eiche, damit sie nicht für ein Bauprojekt gefällt wird. Eine Geschichte, die zu gut ist, um sie nicht zu erzählen. Zumal der Investor keine Gegenerzählung verbreitet. Er schweigt einfach. Auch auf eine Anfrage unserer Redaktion reagierte er nicht.

Johannes wird noch eine Weile oben bleiben müssen. Laut Verwaltungsgericht Gelsenkirchen ist es eher eine Frage von Wochen, wenn nicht Monaten, bis eine Entscheidung fällt. Notfalls wird er in der Hängematte überwintern, dann aber gerne im Wechsel mit anderen. Sollte das Gericht die Fällgenehmigung bestätigen und die Polizei wieder anrücken, wird Johannes weiter in seiner Hängematte bleiben. Die Polizisten müssten ihn schon herunterholen. Er hat schon eine Idee, was er danach besetzen wird.