Geilenkirchen: Warum bricht Geilenkirchen die Wärmerekorde?

Geilenkirchen: Warum bricht Geilenkirchen die Wärmerekorde?

Ausverkauft ist die Sonnenmilch in Geilenkirchens Drogerie-Läden noch nicht. Auch die kurzen Hosen haben es in den örtlichen Einzelhandelsgeschäften noch nicht ganz bis ins Schaufenster geschafft. Doch was nicht ist, kann ja bekanntlich noch werden.

Und der Blick aufs Thermometer erweckt tatsächlich den frühlingshaften Eindruck, als müsse man in der Stadt an der Wurm bereits den Sonnenschirm aufspannen und den Grill langsam erhitzen lassen: Denn sowohl im Januar als auch im Februar war Geilenkirchen der wärmste Ort — deutschlandweit versteht sich.

Dies ist jedenfalls das Ergebnis der jüngsten Auswertung des Deutschen Wetterdienstes (DWD). Im vergangenen Februar lag die Durchschnittstemperatur bei stolzen 7,2 Grad — das entspricht einer Abweichung vom „vieljährigen Durchschnitt“ um 4,5 Grad. Über den gesamten Winter hinweg belegt Geilenkirchen im Ranking der wärmsten Orte Deutschlands nur knapp hinter Köln-Stammheim den zweiten Platz.

Reiner Zufall oder doch eine aus meteorologischer Sicht plausible Erscheinung? „Es gibt Gründe für dieses Ergebnis“, sagt Christoph Schneider. „Und zwar einige“, fügt er hinzu. Schneider ist Professor am Geographischen Institut der RWTH Aachen. Die Stadtklimatologie ist einer seiner thematischen Forschungsschwerpunkte am Institut.

Dass Geilenkirchen in den vergangenen zwei Monaten auf dem Klimatreppchen im sprichwörtlichen Sinn den Platz an der Sonne einnahm, blieb verständlicherweise auch von Schneider nicht ganz unbemerkt. „Ein entscheidender Faktor für die Temperaturen in Geilenkirchen ist die günstige Lage der Stadt“, sagt der Experte.

Gemeint ist zum einen Geilenkirchens relative Nähe zum Atlantik. Im Vergleich zu anderen Städten sei diese Lage nämlich von Vorteil, meint Schneider. „Das Meer kühlt im Winter nicht so rasch ab wie die Landmassen und der warme Golfstrom liefert Wärme kontinuierlich nach. Je näher ich an der Küste liege, desto milder sind die Temperaturen“, erklärt der Experte. Im Gegensatz zu vielen nördlichen Städten, die zur kühleren Nordsee orientiert sind, liege Geilenkirchen in Richtung des offenen Atlantiks, so Schneider.

Ein zweiter entscheidender Faktor sei die südliche Lage Geilenkirchens. Während der überwiegend nördliche Teil Deutschlands in den vergangenen drei Monaten die kühlen Luftmassen und niedrigen Temperaturen der über Skandinavien ziehenden Tiefdruckgebiete zu spüren bekommen habe, sei besonders der Süden und Westen Deutschlands häufig von feuchtwarmer Luft aus dem Südwesten betroffen gewesen. „Man kann diese aus Südwest zugeführten Luftmassen als gealterte subtropische Luft bezeichnen“, sagt Schneider.

Da Geilenkirchen zu guter Letzt auch noch im Flachland liegt und im Vergleich zu Aachen ein Höhenunterschied von bis zu 100 Metern besteht, war es in den vergangenen Wochen in der Stadt an der Wurm gut ein Grad wärmer als in Deutschlands westlichster Großstadt. „Man muss beachten, dass es generell deutschlandweit ein sehr milder Winter war. Aber die Kombination aus allen drei genannten Kriterien lassen Geilenkirchen aus klimatischer Perspektive hervorstechen “, sagt der Klimaexperte. „Das gibt es nicht so oft in Deutschland.“

Und in unserer Region hat der DWD nur Stationen, die entweder höher liegen — wie Aachen oder Nideggen-Schmidt — oder weiter nord-östlich — wie Heinsberg-Schleiden. Keine dieser Stationen in der näheren Umgebung erfüllt also die Bedingungen, um Geilenkirchen seinen Platz als wärmstem Ort streitig zu machen.

Station auf der Nato-Airbase

Wer angesichts solcher Erkenntnisse als Geilenkirchener Bürger kein Gefühl des Glücks empfindet, ist es selber schuld. Mag man meinen. Doch beim Deutschen Wetterdienst tritt man ein wenig auf die Euphorie-Bremse. Der Grund: Die Wetterdaten, die der DWD aus Geilenkirchen bezieht, sind nicht geprüft. Die Wetterexperten aus Offenbach sind abhängig von der einzigen Wetterstation Geilenkirchens. „Und die befindet sich auf dem Flugplatz der Nato“, sagt Lothar Kaupp von der Datenprüfung des DWD. „Unsere eigenen in Deutschland platzierten Wetterstationen erfüllen gewisse Normen. Ob die Wetterstation der Nato in Geilenkirchen diesen Normen entspricht, ist unklar. Wir haben keinen Zugriff darauf“, sagt Kaupp.

Zudem weist der zuständige Datenprüfer des DWD darauf hin, dass an Flugplätzen gelegene Wetterstationen nicht selten „ungenau“ seien. „Die Hitze, die durch die Triebwerke der Maschinen entsteht, kann den tatsächlichen Wert hin und wieder verfälschen“, sagt Kaupp.

Den Geilenkirchener Bürgern dürfte diese Spekulation jedenfalls wenig interessieren. Um einiges interessanter erscheint ihnen die Antwort auf die Frage, ob der Wetter-Trend der vergangenen zwei Monate auch in den kommenden Wochen bestehen bleibt. Dann jedenfalls dürften auch bald die ersten Shorts ihren Platz im Schaufenster finden.

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