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Brüssel: Warten auf Dutroux: Eine unendliche Geschichte

Brüssel : Warten auf Dutroux: Eine unendliche Geschichte

Auch sechseinhalb Jahre nach Aufdecken des Skandals um den mutmaßlichen Kindermörder- und -schänder Marc Dutroux in Belgien steht noch kein Zeitpunkt für einen Prozessbeginn fest. Dafür schrumpft die Zahl derer ständig, gegen die unter Umständen überhaupt Anklage erhoben wird.

Die zunächst zuständige Ratskammer in Neufchâteau benannte am Freitag lediglich den Hauptverdächtigen, dessen Frau Michelle Martin und den Helfershelfer Michel Lelièvre.

Das letzte Wort hat jedoch die Strafkammer des obersten Gerichts in Brüssel. Deren Entscheidung - auch darüber, ob es in diesem Jahr noch zu einem Verfahren kommt - wird erst in einigen Wochen erwartet.

„Dutrouxprozess - der Tag J”, titelte die große, französischsprachige Zeitung „Le Soir”. „J” steht für Justiz. Auf Neufchâteau und den Richter Francis Moinet blickten, hieß es in dem Artikel, alle Belgier.

Der 55-jährige Jurist werde bekannt geben, wen er aus dem Kreis von insgesamt 15 in die Affäre verstrickten Personen für die eigentlich Schuldigen halte, 1995 und 1996 Mädchen Melissa, Julie, An, Eefje, Sabine und Laetitia entführt, sich an ihnen vergangen und die ersten vier getötet zu haben.

Die Bekanntgabe löste schließlich im ganzen Land Betroffenheit und bei vielen Menschen Unverständnis aus. Denn nur drei blieben am Ende übrig.

Und was ist, fragt wie die Eltern der geschändeten Kinder ein Großteil der Belgier, mit Michel Nihoul - jener undurchsichtigen Figur also, der beste Verbindungen nicht nur in die Brüsseler Halbwelt, sondern auch in Prominentenzirkel mit fatalem Hang zu degoutanten Sex-Spielchen nachgesagt werden?

Oder mit dem ehemaligen Kriminalkommissar Georges Zicot aus der alten Industriestadt Charleroi, gegen den wegen Mitwirkung bei Dutrouxs Handel mit gestohlenen Autos ermittelt wurde?

Was mit Gérard Pinon, dem Beihilfe zum Diebstahl unter anderem des Wagens zur Last gelegt worden war, in dem die Täter nachweislich die gekidnappten Julie und Melissa transportierten?

Die Beweise für eine Anklage, sagte Richter Moinet, seien nicht ausreichend. Zumindest im Fall Nihoul hat die Staatsanwaltschaft Einspruch erhoben, über den der Brüsseler Kassationshof (vergleichbar etwa mit dem Bundesgerichtshof) in den nächsten Wochen zu befinden haben wird.

Nicht nur die ungewöhnlich lange Zeitspanne, die - ohne Anklage-Erhebung - vergangenen ist, seit mit der Festnahme Dutrouxs und seiner Gehilfen im August 1996 und der praktisch in letzter Minute erfolgten Befreiung der Mädchen Sabine und Laetitia die Affäre aufflog, empfinden die Belgier mittlerweile als einen eigenen Skandal.

Immer wieder wurden sie aufgeschreckt durch unerklärte und unerklärbare Ereignisse. Zeugen verschwanden, andere starben unter merkwürdigen Umständen oder wurden ermordet aufgefunden.

Im April 1998 war es Dutroux gelungen, bei einem Gerichtstermin im Justizpalast von Neufchâteau seinen Bewachern kurzzeitig zu entkommen.

Diese Serie der „Sonderbarkeiten” setzt sich unverändert fort. Völlig überraschend trennte sich vor zwei Tagen Dutroux von dem Verteidiger, der ihn während der vergangenen sechs Jahre vertreten hatte und nahm sich einen neuen.

Zu guter Letzt muss jetzt auch noch Carine Russo vor den Kadi, die Mutter der entführten und ermordeten Melissa. Sie hatte den ehemaligen Gendarmen und Ermittlungsleiter Michel Demoulin in einem Brief an den belgischen Justizminister beschuldigt, Aussagen gefälscht oder gesteuert zu haben.

Dieser - darob seines Amtes enthoben - fühlte sich verleumdet und erhob Klage, was wiederum Carine Russo als „absurd” bezeichnet.