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Warnstreik sorgt für Zugausfälle in NRW: Verspätung bis zum Nachmittag

Weitere Streiks angekündigt : Stillstand auf der Schiene, Staus auf der Straße

Horst Zank ist wohl einer der Bahnfahrer mit der längsten Wartezeit am Montagmorgen. Um kurz nach 7 Uhr hat er das Bahngleis 9 am Aachener Hauptbahnhof erreicht, um 7.23 Uhr sollte sein Thalys nach Paris abfahren.

Der Gastprofessor erhält eine SMS, es ist zunächst von einer kleineren Verspätung die Rede. „Ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass ausländische Züge nicht von dem Streik betroffen sind“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler.

Zank geht wieder nach Hause, erfährt per Mail, dass sich die Verspätung ausdehnt. Der Thalys steht auf einem Gleis in Duisburg – ohne Fahr­erlaubnis. „Fast 200 Minuten standen wir da“, sagt der französische Zugbegleiter, als der Thalys endlich in Aachen einfährt.

Das Beispiel aus Aachen zeigt die Wucht dieses ersten Warnstreiks in dem Tarifkonflikt: Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) sitzt buchstäblich an den Stellhebeln der Macht. Der Effekt war so groß, weil viele EVG-Mitglieder in Werkstätten und Stellwerken die Arbeit niederlegten. So kamen die Züge gar nicht an ihren Einsatzort. Zumindest auf den ICE- und Intercity-Strecken ging gar nichts mehr.

Musste in Aachen stundenlang auf seine Thalys-Anbindung warten: Horst Zank. Foto: zva/Christoph Pauli

„Wir haben den Leuten diesmal relativ freie Hand gelassen“, sagte EVG-Sprecher Oliver Kaufhold zur Streikplanung. Die Motivation sei nach den ersten drei Tarifrunden groß gewesen, das sei bei vielen Aktionen in den Betrieben deutlich geworden.

Das Chaos komplett machte die Tatsache, dass sich auch Mitarbeiter von Reisezentren und an den Durchsageplätzen in mehreren großen Bahnhöfen an dem Ausstand beteiligten. So waren teilweise die Info-Schalter am Morgen nicht besetzt. Auch die Angaben im Internet waren sehr ungenau.

Das erboste viele Fahrgäste zusätzlich. „Das Informationsmanagement ist eine Katastrophe“, schimpfte ein Mann am Berliner Hauptbahnhof, wohl nicht wissend, dass zumindest diesmal nicht Fehlplanung, sondern eben der Streik die Ursache war. Die EVG bestätigte: Ja, auch Personal an den Bahnhöfen habe die Arbeit zeitweise niedergelegt.

Verwaiste Bahnsteige in Stolberg: Am Morgen war das Warten auf einen Zug an dem Knotenpunkt aussichtslos. Foto: zva/Marc Heckert

Es ist der erste Streik bei der Bahn seit Mai 2015. Damals hatte die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) Lokführer und Zugbegleiter aufgerufen. Der jetzige Warnstreik kam überraschend, denn bis zum Abbruch der Gespräche durch die EVG am Samstag verliefen die Verhandlungen seit zwei Monaten fast geräuschlos.

Auf eine Fülle von Details hatte man sich geeinigt, zum Schluss sogar über zwei Kernforderungen der EVG: Ein 1,1 Prozent höherer Anteil des Arbeitgeberanteils zur Altersvorsorge und die Ausweitung des Wahlmodells Geld oder Freizeit. Selbst bei Mitgliedern der EVG-Tarifkommission herrschte noch am Samstagmorgen in Hannover Zuversicht, dass man mit einem Abschluss nach Hause fahren würde.

„Nicht einsteigen”: In Düren gab es ebenfalls jede Menge Pendlerfrust. Foto: zva/Kian Tabatabai

Am Ende ging es ums Geld, und vielleicht waren beide Seiten nach zwei langen Tagen und einer Nacht Tarif-Ringen auch zu erschöpft. Letztlich kamen beide Seiten bei Lohnhöhe und Vertragslaufzeit nicht zusammen. Anfangs hatte die EVG wie die konkurrierende GDL ein Plus von 7,5 Prozent gefordert.

Das Angebot der Bahn: 2,5 Prozent im März 2019 und dann später noch einmal 2,6 Prozent bei 29 Monaten Laufzeit. Die EVG forderte dagegen für die erste Stufe 3,5 Prozent und eine Laufzeit von nur 24 Monaten.

Der eine Prozentpunkt, den die EVG fordert, würde die Bahn aber jährlich 90 Millionen Euro zusätzlich bedeuten. Der Konzern hat schon jetzt Finanzsorgen. Er will in den kommenden Jahren „auf Rekordniveau“ in Fahrzeuge und Netz investieren. Das wird ohne neue Schulden nicht gehen.

Die EVG will die Situation nun nicht weiter eskalieren lassen. Sie kehrt am heutigen Dienstag an den Verhandlungstisch zurück.

(dpa/pa/red)