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Aalst: War Elitepolizist einer der „Killer von Brabant“?

Aalst : War Elitepolizist einer der „Killer von Brabant“?

Arsène Pint hat einen furchtbaren Verdacht. Stun­den zuvor haben die berüchtigten „Killer von Brabant“ einen Supermarkt in Aalst zwischen Brüssel und Gent überfallen und dort ein Massaker angerichtet. Acht Kunden liegen an diesem 9. November 1985 tot auf den kalten Fliesen des Delhaize, darunter ein 13-jähriger Junge. Neun Menschen sind verletzt, einige von ihnen schwer.

Arsène Pint ist einer der ranghöchsten Ermittler am Tatort. Ihm bieten sich furchtbare Bilder. Ohne erkennbaren Anlass waren drei Männer nach einem offenbar genau festgelegten Plan in den Supermarkt gestürmt und hatten mit Schrotflinten und Sturmgewehren jeden niedergemacht, der ihren Weg kreuzte.

Es war nicht der erste Überfall dieser Art. Seit drei Jahren zieht eine mysteriöse Bande von Gewalttätern eine blutige Spur durch die belgische Provinz Brabant. Mit dem Überfall in Aalst, dem sechzehnten, erhöht sich die Zahl der Todesopfer auf 28.

Geld scheint die Gangster nicht zu interessieren. Die Beute ist meist lächerlich gering, in Aalst beträgt sie umgerechnet rund 22.500 Eu­ro. Aber wenn es nicht um Geld geht, um was dann?

Es ist die Zeit für Verschwörungstheorien. Das Land solle durch den anscheinend wahllosen Terror destabilisiert werden, um politisch den Boden für einen Umsturz von Rechts vorzubereiten, lautet bis heute eine Vermutung. Eine andere: Delhaize sei erpresst worden und habe nach dem Überfall von Aalst schließlich doch gezahlt. Daher das plötzliche Ende der Anschläge. Spekulationen.

„Doch wohl keine von uns?“

Die Ermittler sind ratlos. Genauso schnell wie die Verbrecher erscheinen, sind sie wieder verschwunden. Wer sie sind, wo sie nach den Taten untertauchen — keine Ahnung. Lediglich unter ihren Spitznamen „der Killer“ (er tötete 23 der 28 Opfer), „der Alte“ und „der Riese“ (aufgrund seiner Größe) sind die drei Köpfe der Bande inzwischen in ganz Belgien bekannt. Was man noch weiß: Bei der letzten Tat soll der „Riese“ laut Zeugenaussagen gehumpelt haben.

Arsène Pint, im November 1985 im Rang eines Oberst bei der belgischen Rijkswacht, glaubt, die Handschrift der Täter zu kennen. Die Art und Weise wie sie agierten, ist genau die Taktik, die er mit seiner „Groep Diane“ trainiert hat, einer Anti-Terror-Einheit der Gendarmerie, zu deren Mitbegründern Pint gehörte.

Bereits am Tatort in Aalst habe er vor 32 Jahren gesagt: „Verdammt, das werden doch wohl keine von uns gewesen sein?“, erinnerte sich der heute 84-Jährige vor wenigen Tagen in einem Interview mit der belgischen Tageszeitung „Het Laatste Nieuws“.

Noch am Abend des 9. November 1985 habe er den damaligen Chef der Reichswacht angerufen. „Ich sagte ihm, dass ich ein ungutes Gefühl hatte bei den Dingen, die ich am Tatort gesehen hatte und regte eine Untersuchung an.“ Keine 48 Stunden später erhält er die offizielle Antwort: Die Ermittlungen seien negativ verlaufen. Eine Verbindung zur „Groep Diane“ gebe es nicht, heißt es.

Irrtum? Lüge? Schlamperei? Mit Bedacht unter den Tisch gekehrt? Womöglich auf Befehl von „höherer Stelle“? Viele Menschen in Belgien glauben das bis heute. Generalstaatsanwalt Christian de Valkeneer und Justizminister Koen Geens sagten vor wenigen Tagen übereinstimmend aus, die Ermittler seien unter Druck gesetzt, die Ermittlungen manipuliert worden. Von wem? Keine Ahnung. Angeblich.

Denn Christiaan B., vor wenigen Tagen enttarnt als „der Riese“, gehörte Ende der 70er Jahre sehr wohl der „Groep Diane“ an, die nach dem Attentat auf die Olympischen Spiele 1972 in München gegründet worden war.

Dass mindestens einer seiner Elitepolizisten ein führendes Mitglied der Killerbande war, hat den pensionierten Reichswachtoberst tief getroffen. „Es sieht ganz so aus, als hätte ich eine Bande von Mördern ausgebildet“, ist Arsène Pint im Interview mit „Het Laatste ­Nieuws“ fassungslos.

Nach dem Überfall von Aalst verschwindet die „Bende van Nijvel/Nivelles“, wie sie in Belgien nach dem geografischen Mittelpunkt ihrer Verbrechen genannt wird, von der Bildfläche. Polizist Christiaan B. wird noch ein paar Tage zur Bewachung des Delhaize in Aalst eingeteilt, liegt auf dem Dach des Supermarktes und wartet auf seine eigene Rückkehr ...

Erst auf dem Sterbebett habe er seine kriminelle Vergangenheit gebeichtet, erzählte sein Bruder vorige Woche einem privaten Fernsehsender. Zur Rechenschaft gezogen wird er nicht mehr. Am 14. Mai 2015 wird er tot in seiner Wohnung in Aalst gefunden. Völlig vereinsamt, ein körperliches Wrack, vom Alkohol zerstört, das Haus voll leerer Flaschen.

Nicht einmal eine Todesanzeige gab es. Für wen auch? Christiaan B. war sozial völlig isoliert. Hin und wieder sei sein Bruder vorbeigekommen und habe für ihn gekocht. Die meiste Zeit seines Lebens sei er Junggeselle gewesen, heißt es in belgischen Medien.

Der völlige Absturz

Sein Tod mit 61 Jahren war das Ende eines völligen Absturzes, der nach einem Schießunfall mit dem Rauswurf aus der „Groep Diane“ mehr als 30 Jahre zuvor begonnen hatte. „Er hat sich totgesoffen“, erzählte sein Bruder vor ein paar Tagen der niederländischen Tageszeitung „De Limburger“. Bier, Wein, am Ende Wodka. Als er starb, wog der 1,90 Meter große „Riese“ nur noch 48 Kilogramm.

Seine Ex-Frau Denise Vandyck (57) zeichnet ein vernichtendes Bild von dem Waffennarren mit den rechtsextremen Ansichten, der als Ausbilder zu Schießübungen in die Ardennen fuhr und auf seiner eigenen Hochzeit im Frühjahr 1992 mit Geschirr warf. Aber dass sie mit einem mutmaßlichen Anführer der „Killer von Brabant“ verheiratet gewesen sein soll — das habe sie dann doch umgehauen.

Obwohl die Phantomzeichnung der Polizei für sie keinen Zweifel lässt. „Das ist Chris, hundertprozentig!“ sagt sie dem „Limburger“. Auch die Kopfbedeckung erkenne sie wieder. „Als Chris damals mit dem scheußlichen Jägerhütchen ankam, hab ich ihn ausgelacht.“

Die Amsterdamerin Denise Vandyck hatte Christiaan B. 1991 im belgischen Dendermonde kennengelernt. Große Liebe. Doch mit seinem Weltbild und seinem gewalttätigen Charakter sei sie nicht zurechtgekommen Drei Monate nach ihrer Hochzeit trennten sie sich wieder, sechs Jahre später wurde die Ehe offiziell geschieden, hat „De Limburger“ herausgefunden.

Bis Freitag voriger Woche habe sie keine Sekunde daran gedacht, dass ihr Ex-Mann etwas mit der Mörderbande zu tun gehabt haben könnte, sagt Denise Vandyck. „Ich war mit einem Polizisten verheiratet. Unglaublich, dass er hinter all den Greueltaten steckte.“

Dass nun, nach mehr als 30 Jahren, noch einmal Bewegung in die Angelegenheit kommt, ist auch David van de Steen zu verdanken. Der Mann aus Aalst, heute 41, war neun Jahre alt, als die Killer am 9. November 1989 auf dem Parkplatz vor dem Delhaize seine Eltern und seine kleine Schwester töteten. Er selbst überlebte, von neun Kugeln getroffen.

Im November 2016 erfuhr er von einem ehemaligen Mitglied der „Groep Diane“ und Freund des 2015 verstorbenen Christiaan B., dass die Identität des „Riesen“ mit ziemlicher Sicherheit feststehe. David van de Steen recherchierte auf eigene Faust, und als er genug wusste, ging er zur Polizei.

Mehrere „Riesen“?

Seine Vermutung: „Die Bande ar­bei­tete immer mit gut aufeinander eingespielten Teams. Ich bin sicher, dass die zwei oder drei ‚Riesen‘ hatten“, sagte er kürzlich im Gespräch mit dem flämischen Fernsehsender VTM. „Die wurden von Fall zu Fall ausgetauscht, um widersprüchliche Zeugenaussagen zu erhalten.“ Christian B. sei möglicherweise einer dieser „Riesen“ gewesen, aber nicht „der Riese“.

In Ermittlerkreisen ist man ziemlich sicher, dass Christiaan B. an den Überfällen am 27. September 1985 in Eigenbrakel und Overijse mit acht Toten und am 30. November in Aalst mit weiteren acht Toten beteiligt war.

Für beide Tage hatte er Urlaub genommen, am 30. September hatte er sich für mehrere Wochen wegen einer Fußverletzung krank gemeldet, die er sich möglicherweise bei dem Überfall in Overijse zugezogen hatte. Zeugen hatten ausgesagt, dass der „Riese“ in Aalst gehumpelt habe.

Nach Angaben von Generalstaatsanwalt Christian de Valkeneer konzentrieren sich die Ermittlungen jetzt auf frühere Mitglieder der „Groep Diane“. „Die meisten sind bereits tot, aber einige leben noch.“

Opferanwalt Jef Vermassen, der David van de Steen vertritt, scheint schon mehrere Schritte weiter zu sein als die Staatsanwaltschaft. Gegenüber dem Fernsehsender TV Oost erklärte er vergangene Woche: „Ich weiß, wer hinter der Bande von Nijvel steckt.“