Wann gibt's ein Smartphone? – Wie Eltern und Kinder mit Medien umgehen

Studie über Kindheit, Internet und Medien : Wie Eltern und Kinder mit Medien umgehen

Die Hälfte der Sechs- bis 13-Jährigen hat heute ein Smartphone. Ist das zu früh? Wie viel Mediennutzung ist schädlich und wie viel erforderlich? Eine aktuelle Studie gibt Einblicke, wie Eltern und Kinder mit Medien umgehen.

Phillip hat noch kein Smartphone. Aber er hätte gern eins: „Das ist so cool, dann kann ich mir Spiele runterladen und die spielen, wann ich will“, sagt der Sechsjährige. In wenigen Wochen kommt er in die Schule. In diesem Alter sind Smartphones noch nicht so verbreitet. Phillips Freunde haben auch keins. „Ich kenne nur zwei Mädchen, die eins haben“, erzählt Phillip.

Es sind solche Fragen, mit denen sich Eltern heute auseinandersetzen müssen: Wann bekommt das Kind ein Smartphone? Wie lange darf es fernsehen? Wie viel Mediennutzung ist schädlich und wie viel erforderlich? Die Kindheit-Internet-Medien-Studie (KIM) des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest untersucht seit 20 Jahren den Medienumgang der sechs- bis 13-Jährigen in Deutschland. Jetzt liegt die Studie für 2018 vor. Dafür wurden insgesamt 1231 Kinder und deren Haupterzieher befragt. Dass Medien ein fester Bestandteil im Alltag der Kinder sind, dürfte kaum überraschen. Umso wichtiger ist es, dass sich Eltern mit der Mediennutzung der Kinder auseinandersetzen.

Regeln fürs Fernsehen?

Laut der KIM-Studie ist die häufigste Freizeitaktivität von Kindern zwischen sechs und 13 Jahren fernzusehen – die häufigste, nicht die liebste wohlgemerkt. Auch Phillip nennt es nicht zuerst als sein Hobby. Draußen herumzuspringen, Fangen zu spielen und mit Lego zu bauen, fällt ihm als erstes ein. Fernsehen tue er eigentlich selten: „Nur im Winter hab ich oft ferngesehen oder als ich krank war“, erzählt Phillip. In seiner Familie gibt es keine festen Regeln im Sinne von starren Zeiten, in denen digitale Medien genutzt werden. „Wir haben keine Rituale wie: nur eine halbe Stunde fernsehen pro Tag. Die Regel ist: nicht zu viel“, sagt Phillips Mutter. In ihrem Freundeskreis sei das aber anders: „Viele haben tatsächlich geregelte Zeiten. Ich kenne das Modell, dass nur zehn Minuten vor dem Schlafengehen erlaubt sind.“

In der Familie von Victoria (11) und Charlotte (7) gibt es eine feste Regel: In der Schulzeit wird unter der Woche nicht ferngesehen. „In den Ferien dürfen wir schon gucken und auch am Wochenende mittags und abends“, erzählt Charlotte. Normalerweise eine halbe Stunde, manchmal auch etwas länger.

Martin Müsgens von der Landesanstalt für Medien NRW rät, je nach Alter bestimmte Bildschirmzeiten einzuführen – nicht nur aufs Fernsehen bezogen, sondern auch auf Tablet, Smartphone und PC. Die EU-Initiative „klicksafe“, an der die Landesanstalt für Medien NRW beteiligt ist, empfiehlt für Vier- bis Sechsjährige eine Nutzungsdauer von etwa 20 Minuten, nicht unbedingt täglich, und für Sieben- bis Zehnjährige täglich rund 30 bis 45 Minuten. „Aber das sind nur Richtwerte“, sagt Müsgens. Es ist ihm wichtig, zu betonen: „Jede Familie, jedes Kind und jede Situation ist anders.“ Im Prinzip sei es bei Medien wie in der Erziehung überall: Man müsse ausprobieren, was dem Kind guttut. „Die Eltern kennen ihr Kind am besten. Sie sind da die Experten.“, sagt er. Wichtig sei, dass das Kind auch andere Interessen außerhalb der Mediennutzung hat.

Ein exzessiver Gebrauch von digitalen Medien kann sich negativ auf Kinder auswirken, vor allem wenn es zu einer Sucht und einem Abhängigkeitsverhalten kommt. „Das hat negative Auswirkungen auf die Psyche und Physis der Kinder. Schlafstörungen, aggressives Verhalten, Aufmerksamkeitsdefizite und mangelndes Selbstwertgefühl sind nur einige der Folgen, die durch diesen Missbrauch entstehen können“, sagt  Lara Langfort-Riepe, Leiterin des Euregionalen Medienzentrums in Aachen. „Eltern können sich in diesen Fällen an Erziehungs- und Beratungsstellen wenden.“

Victoria und Charlotte sehen zwar gern fern, nennen dies aber – wie auch Phillip – nicht als ihr Hobby. Ähnlich wie Phillip toben sie lieber draußen herum. Damit gehören sie aber eher zu einer Minderheit: Laut der KIM-Studie gaben nur 39 Prozent der befragten Mädchen an, dass es eine ihrer liebsten Freizeitaktivitäten ist, draußen zu spielen. Bei den Jungen waren es 48 Prozent.

Fernsehen bedeutet heute bei weitem nicht mehr, die klassischen Sender auf einem großen Bildschirm anzuschauen. Zwar sind KiKA oder Super RTL bei den Kindern immer noch beliebt, doch die Lieblingssendungen werden häufig in der Mediathek oder auf Youtube geschaut. 62 Prozent der 12- und 13-Jährigen nutzen mindestens einmal pro Woche Youtube. Und auch wenn fast alle befragten Kinder das klassische Fernsehgerät benutzen, schauen mehr als die Hälfte der Zwölf- und 13-Jährigen die Sendungen auch auf ihrem Handy.

Ein Drittel der befragten Kinder aus der KIM-Studie haben einen eigenen Fernseher. Auf die Frage, ob Victoria und Charlotte einen in ihrem Zimmer haben, antworten sie mit einem empörten „Nein!“. Auch Phillip hat kein eigenes TV-Gerät. Für ihn ist sein Hochbett noch um einiges wichtiger als ein Bildschirm im Zimmer.

Wann ein Smartphone?

Das noch größere Thema in Familien ist heutzutage aber das Smartphone. Jeder Zweite der Sechs- bis 13-Jährigen in Deutschland hat laut KIM-Studie ein Mobiltelefon. Damit ist ein Handy unter den Kindern von allen Medien am weitesten verbreitet. Victoria hat ein Smartphone, seit sie auf die weiterführende Schule geht. Auch alle ihre Freunde haben eins. „In ihrer Klasse war die Regel, dass alle zum Schulwechsel ein Smartphone bekommen“, erzählt ihre Mutter.

Für Victoria ist es selbstverständlich, dass man nach der vierten Klasse ein Smartphone hat – und auf keinen Fall früher. Vor allem schreibt sie mit ihrem Handy Nachrichten, meist über WhatsApp. Mit Freunden, die das nicht haben, verschickt sie auch SMS. Aber das ist eine Seltenheit. 70 Prozent der sechs- bis 13-jährigen Internetnutzer haben heute WhatsApp. Andere Soziale Netzwerke wie Facebook, Snapchat oder Instagram werden von der Mehrheit der Kinder nicht genutzt. Victorias Klasse hat bei WhatsApp einen Klassenchat, über den sie wichtige Infos erfährt. Aber dort werde auch viel Unsinniges geschrieben. „Wenn man drei oder vier Tage nicht drin war, dann hat man 495 neue Nachrichten oder so. Das sind überwiegend WhatsApp-Sticker und Smileys, mehr ist das nicht“, erzählt Victoria. Sie hat sich aus manchen Gruppen selbst wieder abgemeldet, weil sie davon so genervt war.

Auch für das Smartphone gibt es in Victorias Familie klare Regeln. Zum Beispiel: kein Smartphone beim Essen. Außerdem haben ihre Eltern mit ihr einen Handyvertrag aufgestellt. „Darin steht, dass sie uns ihr Passwort verrät. Dass sie niemals etwas von sich ins Internet stellt. Und ganz wichtig: Dass sie niemals etwas schreibt, was sie auch nicht von Angesicht zu Angesicht sagen würde“, sagt Victorias Mutter. Außerdem seien Handyzeiten darin vereinbart. Einen solchen Mediennutzungsvertrag empfehlen auch die Initiativen „klicksafe“ und „Internet-ABC“. Sie bieten hierzu die Internetseite www.mediennutzungsvertrag.de an. Dort legt man mit dem Kind mehrere Regeln fest und kann diese als Vertrag ausdrucken.

Doch ab welchem Alter sollte man dem Kind ein eigenes Smartphone erlauben? Sowohl in Phillips als auch in Victorias und Charlottes Familie ist man der Überzeugung: mit dem Eintritt in die weiterführende Schule. „Wenn man dann auf den Zug nicht aufspringt, macht man die Kinder und sich ein Stück weit zu einem Alien, da ist man einem Gruppenzwang unterlegen“, sagt Victorias Vater, fügt aber sofort hinzu: „Andererseits gibt es auch ein Stück Sicherheit. Victoria fährt ja auch mit dem Bus. Wenn sie einen erreichen kann, ist das beruhigend.“ Auch Charlotte wird wohl ein Smartphone mit dem Schulwechsel bekommen. Phillips Mutter sieht das ähnlich: „Wenn er auf die weiterführende Schule geht und jeder ein Handy hat, würde ich das auch erlauben“, sagt sie.

Müsgens kennt die Standardfrage nach dem Alter für ein Smartphone. Er betont erneut, dass jedes Kind und jede Familie anders ist. Wichtiger als das Alter seien aber die bisherigen Medienerfahrungen des Kindes. „Ein Smartphone enthält viele ehemals getrennte Einzelmedien: Fernsehen, Internet und vieles mehr. Ohne Begleitung sind junge Kinder damit überfordert. Wenn ein Kind verstanden hat, wie man mit diesen Einzelmedien umgeht und worauf man achten sollte, dann ist es bereit für ein eigenes Smartphone.“ Dazu gehöre zum Beispiel auch das Wissen darum, dass man Fremden, die übers Smartphone Kontakt aufnehmen, keine persönlichen Daten gibt. „In der Regel ist das ab der 5. oder 6. Klasse, da wird auch der Gruppendruck groß.“ Doch Gruppenzwang dürfe nicht das Argument dafür sein, dem Kind ein Smartphone zu erlauben. Man müsse schauen, ob das Kind reif dafür ist.

Es sei wie bei der Verkehrserziehung. Das lasse man das Kind ja auch nicht sofort allein machen. Erst wenn man geübt hat und glaubt, die Erfahrung reiche für das Kind aus, lässt man es alleine zur Schule gehen. Ähnlich verhalte es sich laut Müsgens auch mit den digitalen Medien.

Gefahren des Internets

Fast alle von der KIM-Studie befragten Kinder haben die Möglichkeit, auf das Internet zuzugreifen. Zwei Drittel der Sechs- bis 13-Jährigen sind tatsächlich auch Internetnutzer. 70 Prozent von ihnen kommunizieren darüber. Als charakteristisch für das Internet empfinden die Kinder laut KIM-Studie vor allem den Informationsgewinn. Mehr als die Hälfte aller Befragten beschrieben die Verfügbarkeit von Wissen als wichtigste Eigenschaft des Internets. Auch für Victoria ist das ein ganz klares Hauptmerkmal. Auf die Frage, wofür sie das Internet nutze, antwortete sie ganz selbstverständlich: „Na, zum Googeln!“

Wenn Kinder im Internet unterwegs sind, besteht immer die Gefahr, dass sie auf Inhalte treffen, die nicht für sie gedacht sind. 11 Prozent der befragten Kinder sind schon mal auf gewalthaltige, pornographische oder extremistische Seiten gestoßen. Phillip sagt seiner Mutter Bescheid, wenn ihm etwas Unpassendes begegnet. „Bei Youtube kommt bei Kindersendungen wie etwa ‚Feuerwehrmann Sam’ oft Werbung mit Dingen, die überhaupt nichts mit Kindern zu tun haben und brutal sind. Werbung für irgendeinen Kriegsfilm zum Beispiel. Das geht gar nicht“, sagt Phillips Mutter, „Da hat er auch öfters gesagt: Was ist das? Das will ich nicht sehen!“

Kann man Kinder dadurch schützen, dass man ihnen den Medienumgang verbietet? „Generelle Medienverbote halte ich nicht für sinnvoll“, sagt Langfort-Riepe. „Regelmäßig mit Kindern über Medien zu sprechen, sollte ein Ziel der Eltern sein. Und zwar nicht erst dann, wenn es um Regeln und Risiken geht.“

Doch Kinder sind heutzutage nicht nur mit digitalen Medien unterwegs. Auch Hörbücher, Musik und Bücher haben einen hohen Stellenwert. 51 Prozent der befragten Kinder lesen regelmäßig, insgesamt schauen 83 Prozent mindestens mehrmals im Monat in ein Buch. Mädchen lesen dabei häufiger und regelmäßiger als Jungen. Jeder Zweite hört Hörspiele, am liebsten „Die drei ???“. So auch Phillip, der die Geschichten der „drei Fragezeichen“ besonders gerne hört. „Ich habe zehn CDs von denen und acht Bücher.“ Da er noch nicht lesen kann, liest seine Mutter ihm vor. „Jeden Abend bekomme ich eine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen!“, erzählt er stolz. Das ist für die Familie ein wichtiges Ritual.

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