Jülich/Kathmandu: Vor dem Monsun neue Unterkünfte in Nepal bauen

Jülich/Kathmandu: Vor dem Monsun neue Unterkünfte in Nepal bauen

Kurze Zeit nach dem verheerenden Erdbeben in Nepal hat sich der Jülicher Karl-Philipp Gawel im Auftrag des Deutschen Roten Kreuzes auf den Weg nach Kathmandu gemacht. Der 38-jährige Familienvater und Polizist ist leidenschaftlicher Helfer und hat für das DRK schon zahlreiche Auslandseinsätze absolviert.

Trotz dieser Erfahrung wusste er nicht so ganz genau, was ihn erwartet. Gawel ist Vertreter des DRK aus unserer Region in Nepal und koordiniert die Hilfsleistungen für das Internationale Rote Kreuz. Trotz hoher Beanspruchung fand er die Zeit für ein Interview per E-Mail. Die Fragen stellte Volker Uerlings.

Karl-Philipp Gawel aus Jülich ist im Auftrag des DRK als Helfer in Kathmandu. Foto: Jagodzinska

Haben Sie sich für den Einsatz gemeldet oder wurden Sie vom DRK-Generalsekretariat gebeten, nach Nepal zu reisen?

Gawel: Das DRK kommt in solchen Fällen auf mich zu.

Wie lange ist Ihr Einsatz geplant?

Gawel: Meine maximale Einsatzdauer ist auf vier Wochen beschränkt. Das habe ich meiner Familie und meinem Dienstherrn, der Polizei NRW, so versprochen.

Geht es Ihnen im Moment den Umständen entsprechend gut?

Gawel: Ich musste mich natürlich in den ersten drei, vier Tagen an die Temperaturen, wenig Schlaf und die ständigen Nachbeben gewöhnen. Aber mir geht es gut.

Wie waren Ihre Eindrücke nach der Ankunft in Kathmandu?

Gawel: Mein erster Eindruck von Kathmandu war von den Geschehnissen am Flughafen sehr geprägt. Es herrschte eine chaotische Stimmung. Unheimlich viele hilflose Gesichter „belagerten“ den kleinen Flughafen und alle Freiflächen vor dem Flughafengelände: offensichtlich viele junge Ausländer, Wanderer, Hippies, aber auch Nepalesen, die Kathmandu verlassen wollten. Vielen jungen Touristen hat man die Erschöpfung angesehen. Ein Brite fragte mich, ob das Britische Rote Kreuz auch vor Ort sei und erzählte mir seine Erlebnisse der vergangenen drei Tage. Als Mitglied einer internationalen Trekkinggruppe hat er sich nach dem Erdbeben zum Teil zu Fuß oder als Anhalter bis Kathmandu durchgeschlagen. Zwei seiner Begleiter seien nach einem durch das Erdbeben ausgelösten Erdrutsch verschwunden gewesen.

Was war Ihre erste Aufgabe?

Gawel: Ich persönlich habe mich umgehend mit dem Nepalesischen Roten Kreuz in Verbindung gesetzt, um den Empfang der aus Deutschland ankommenden Hilfsgüter vorzubereiten. Bei der Fahrt zum Hauptquartier des Nepalesischen Roten Kreuzes war ich überrascht, dass sich die Zerstörung im Zentrum der Stadt sehr in Grenzen hielt. Nicht zu vergleichen mit dem Ausmaß in Port au Prince in Haiti zum Beispiel. Allerdings waren nahezu alle Freiflächen von Menschen belegt, die ihre Nächte lieber im Freien verbringen wollten, anstatt in ihre Häuser zurückzukehren.

In welchen Bereichen von Nepal sind die Auswirkungen des Erdbebens besonders schlimm?

Gawel: Eigentlich kann man auf der Landkarte von Kathmandu aus einen sich nach Norden öffnenden Trichter anlegen. Denn das sind die Gebiete, in denen es die größten Zerstörungen gab. Zunächst Rettungskräfte oder jetzt auch die Hilfsgüter konnten nur schleppend ihr Ziel erreichen.

Wie ist es nach Ihrem Eindruck um die Infrastruktur bestellt?

Gawel: Die Infrastruktur in Kathmandu wurde nur partiell nachhaltig beeinträchtigt. Bereits am Donnerstag funktionierte die Stromversorgung wieder nahezu überall. Die Trinkwasserversorgung stellte lediglich an sogenannten Sammelunterkünften ein Problem dar. Dort mussten Zisternen aufgestellt werden. Ansonsten war und ist fließend Wasser vorhanden, und die Geschäfte öffnen ebenfalls sukzessive, in denen es alles Nötige zu kaufen gibt. Die Infrastruktur in der Stadt Gorkha aber zum Beispiel soll kollabiert sein. Das gilt auch für weitere in den nördlichen Bergregionen befindliche Siedlungen. Wobei es dort zum Teil auch vor dem Erdbeben nur bedingte eine Infrastruktur gab. Viele der kleinen, weit verstreuten Orte sind mehrere Stunden Fußmarsch von der nächsten befestigten Straße entfernt. Ein Hinkommen, sogar mit Geländewagen, ist zum Teil gar nicht möglich.

Hier war in den Medien zu hören und zu sehen, dass die Hilfsgüter (noch) nicht bei den Menschen ankommen. Hat sich das gebessert?

Gawel: Die betroffenen Menschen in Kathmandu und Umgebung wurden relativ zeitig mit Plastikplanen, Decken oder Hygieneartikeln versorgt. Der Umstand, dass aber solche Hilfsgüter nicht in einem Moment sofort für alle in ausreichender Anzahl zur Verfügung stehen, führt häufig eben dazu, dass der Eindruck vermittelt wird, die Hilfe würde nicht ankommen. Für meinen konkreten Fall kann ich berichten, dass es nahezu zwei Tage gebraucht hat, bis ich gemeinsam mit dem Nepalesischen Roten Kreuz das von Deutschland aus gesendete Material verteilen konnte. Das Problem beginnt, wie so häufig, bereits am Flughafen. Die Güter müssen abgeladen und weitertransportiert werden. Doch in dieser frühen Phase stehen die Menschen (noch) nicht Schlange, um als Freiwillige anzupacken. Sie kümmern sich häufig erst um ihre Familien. So dauerte es einen halben Tag, bis wir ausreichend Helfer finden konnten, die das Material dann verladen haben. Und einen Truck anzumieten, ist in einer so frühen Phase eben eine echte Herausforderung. Bis wir Fahrzeuge mit ausreichender Kapazität organisiert hatten, fuhr ein kleiner Pick-up des Nepalesischen Roten Kreuzes die Güter päckchenweise fort.

Wie nehmen die Menschen die Hilfe von außen wahr?

Gawel: Es gibt auch einen Umstand, der stellenweise zu Unmut in der Bevölkerung führte. Es sind eine Vielzahl von ausländischen Hilfsteams in großer Gruppenstärke angereist, aber sie hatten nur wenige Hilfsgüter oder gar keine dabei. Als es niemanden mehr aus den Trümmern zu retten gab, waren diese Helfer zu sehen, aber es kam nichts an Material bei den Betroffenen an. Eine andere Situation herrscht in den Bergen. Dort ist die Versorgung noch nicht überall in ausreichender Form angekommen. Es ändert sich stündlich, aber es gibt ganz klar das Problem des Zugangs. Bis Mittwoch war in ganz Nepal kein privater Hubschrauber aufzutreiben. Und nur große Organisationen wie das Rote Kreuz verfügen über Spendengelder, die das Anmieten eines Hubschraubers (pro Stunde 3500 US-Dollar) zulassen. So konnten inzwischen medizinische Komponenten mit Personal vom Kanadischen, Japanischen und Norwegischen Roten Kreuz in entlegene Gebiete geflogen werden.

Welche Aufgaben haben Sie im Moment konkret? Und müssen Sie reisen?

Gawel: Bislang habe ich mich in und um Kathmandu gemeinsam mit dem Nepalesischen Roten Kreuz um die Organisation der Verteilung von Hilfsgütern gekümmert. In einer so frühen Phase macht irgendwie jeder alles, Hauptsache, es geht schnell voran. So habe ich selbstverständlich anfangs auch beim Be- und Entladen von Lkw angepackt. Nach aber nun mehr als einer Woche verfügt das Rote Kreuz in Kathmandu über 830 freiwillige Helfer. Spezialisierte Rotkreuz-Komponenten, sogenannte ERU-Teams (Emergency Response Units) für die Bereiche Medizin (mobile Versorgung, sowie ein Feldhospital, Hilfsgüterverteilung, Wasser und Hygiene, Logistik aus über 30 Nationen sind mit 250 Kräften in Nepal vor Ort und haben bereits ihre Arbeitsabläufe etabliert.

Was muss denn in Nepal jetzt vorrangig geschehen?

Gawel: Jetzt werde ich den täglichen Kontakt zum Generalsekretariat des Deutschen Roten Kreuzes aufnehmen, und wir werden dann entscheiden, wie das DRK vor Ort weiter effektiv arbeiten kann. Es wird vermutlich darauf hinauslaufen, dass die sogenannte Early Recovery Phase, also der schnelle Wiederaufbau, zügig begonnen werden muss. Ab Mitte Juni beginnen die Monsunregenfälle, und im November ist hier Winter. Das heißt, dass man sich nun nicht nur auf das Verteilen von Hilfsgütern, sondern vorrangig um einen erdbebensicheren und möglichst schnellen Aufbau von stabilen Unterkünften, besonders der Menschen in den Bergregionen, kümmern muss.