Hückelhoven/Berlin: Von einem Mann, der aus dem Bundestag auszieht

Hückelhoven/Berlin: Von einem Mann, der aus dem Bundestag auszieht

Die Szene ist banal und hat doch etwas Symbolhaftes. Als Norbert Spinrath versucht, das Schild mit dem Bundesadler aus dem Fenster seines Büros in Hückelhoven zu entfernen, scheint sich die „fette Henne“ dagegen wehren zu wollen. Erst stürzt dem Sozialdemokraten von der Decke der Vorhang entgegen.

Dann muss er minutenlang an der Aufhängung des Schildes herumnesteln, bis deren Widerstand gebrochen und auch nach außen hin dokumentiert ist: Vier Jahre lang zählte Spinrath zu den Abgeordneten des Deutschen Bundestags, nun ist es vorbei.

Spinrath gehört zu den 210 Politikern, die nach der Bundestagswahl das Parlament verlassen haben. Anders als prominentere Kollegen wie Norbert Lammert, Wolfgang Bosbach, Joachim Poß oder Jan van Aken geht er diesen Schritt nicht freiwillig. Nein, der Abschied fällt ihm schwer. Sehr schwer sogar. Der 60-Jährige würde gerne in Berlin weiterarbeiten. Doch der Wähler hat am 24. September anders entschieden. Der Absturz der SPD hat auch Spinrath mit in die Tiefe gerissen. Politisch wie emotional.

Spinrath ist anzumerken: Der Schock der Wahlnacht sitzt immer noch tief. „Natürlich war ich vorgewarnt, natürlich kannte ich die für uns verheerenden Umfrage-Ergebnisse“, blickt er heute zwei Monate zurück. „Doch ich habe mir die ganze Zeit die Daten schöngeredet, ständig gesagt, ganz so schlimm wird es schon nicht kommen.“

In ein Loch gefallen

In jener Wahlnacht sitzt Spinrath bis sechs Uhr in der Frühe mit den engsten Mitarbeitern in seinem Hückelhovener Büro zusammen. Zwischen Hoffen und Bangen starren sie auf die einlaufenden Ergebnisse. Schnell wird zwar deutlich, dass Spinrath in seinem Wahlkreis ein mehr als respektables Ergebnis geholt hat — der Zweitstimmenanteil für die SPD liegt 5,5 Prozent über dem Bundesdurchschnitt der Partei, bei den Erststimmen sind es sogar 7,5 Prozent.

Doch allen ist von vornherein klar: Das Direktmandat kann Spinrath im schwarzen Heinsberg nicht holen. Nicht in einem Wahlkreis, von dem es unter Sozialdemokraten heißt, dass selbst ein Willy Brandt hier gescheitert wäre. Spinraths einzige Chance ist die Landesliste. Doch diese Hoffnung zerschlägt sich, als klar wird, dass die SPD in Nordrhein-Westfalen trotz des schlechten Wahlergebnisses unter dem Strich nur ein einziges Direktmandat verloren hat und die Landesliste nicht bis zu seinem Platz zieht.

„Hätte ich es in meinem eigenen Wahlkreis versemmelt und müsste mir selbst Vorwürfe machen, wäre es vielleicht einfacher, mit dem Ergebnis umzugehen“, sagt Spinrath. So aber sei er in ein Loch gefallen. Doch Wut auf den Wähler oder die eigene Partei? Nein, das sei ihm fremd. Eher habe sich eine große Trauer und Wehmut eingestellt. Und natürlich auch die Frage nach der eigenen Zukunft. „Denn mir war sofort bewusst, dass ich nun möglicherweise vor dem Ende meiner bundespolitischen Karriere stehe“, sagt Spinrath.

Dabei widerlegt das, was der ehemalige Polizeikommissar über den Alltag eines Bundestagsabgeordneten erzählt, das weit verbreitete Klischee vom süßen Politikerleben in Berlin. Spinrath spricht von einem „irrsinnigen Stressjob“ der ihm kaum Zeit für seine Familie gelassen habe, von regelmäßigen 18-Stunden-Tagen, von Büroarbeit bis tief in die Nacht hinein und von mehr als zehn Terminen pro Tag.

Hinzu kämen an Wochenenden die Verpflichtungen im Wahlkreis. „Diese Belastung können Außenstehende kaum nachvollziehen“, betont der Sozialdemokrat. Er habe in Berlin gerade einmal vier bis fünf Stunden pro Nacht schlafen können. Abschalten sei dort nahezu unmöglich gewesen. „Ständig kreiste vor dem Einschlafen das Gedankenkarussell: Habe ich etwas falsch gemacht? Welchen Termin hätte ich noch wahrnehmen müssen“, sagt Spinrath. Bei vielen Kollegen sei das ähnlich. Einige versuchten die Selbstzweifel und die ständige Anspannung mit Alkohol zu betäuben. Er selbst habe sich das strikt verboten, „weil ich immer sprechfähig bleiben wollte“.

Trotz alldem hängt Spinrath am Berliner Betrieb. „Auch wenn es abgedroschen klingt, aber Politik kann tatsächlich süchtig machen“, sagt Spinrath. „Das gilt vor allem für Abgeordnete in herausgehobener Position.“

Spinrath zählte zu dieser Gruppe. Bereits kurz nach seinem Einzug in den Bundestag stieg der ehemalige Vorsitzende der Polizeigewerkschaft GdP zum europapolitischen Sprecher seiner Partei und zu deren Obmann im Europaausschuss auf. Dadurch wurde er zu einem gefragten Gesprächspartner. Zum einen für viele internationale Medien. „Es ist erstaunlich, wie groß außerhalb Deutschlands das Interesse an Europa ist“, sagt Spinrath mit einem deutlichen Seitenhieb auf die Berliner Journalistenszene.

Zum anderen aber entstanden dadurch viele Kontakte zu ausländischen Politikern. „Es war für mich schon ein sehr erhebenden Gefühl, wenn eine Staatskarosse vorfuhr und plötzlich ein Regierungschef oder Minister in meiner Tür stand“, gibt Spinrath freimütig zu. Natürlich habe er sich dadurch als bedeutend empfunden. Deutlich wichtiger als solche Streicheleinheiten für die persönliche Eitelkeit sei ihm aber immer das Gefühl gewesen, bei seiner Arbeit politische Ideen entwickeln und vorantreiben zu können.

Nun sind die Scheinwerfer ausgegangen, die Kameras verschwunden, das Interesse an seiner Person hat nachgelassen. Statt Visionen für Europa drängen sich Alltagsprobleme in den Vordergrund. „Die größte Sorge gilt meinen vier ehemaligen Mitarbeitern in Berlin“, sagt Spinrath. „Auch sie haben ihren Job verloren.“ Der Sozialdemokrat sieht sich in der Pflicht, für das Quartett eine Anschlussverwendung zu suchen.

Doch bisher waren seine Bemühungen vergeblich. Zwar ist es durchaus gängige Praxis, dass im Bundestag gute Mitarbeiter von scheidenden Abgeordneten auch fraktionsübergreifend vermittelt werden. Nur gestalten sich solche Transfers in diesem Jahr extrem schwierig. Denn nicht nur die SPD, auch die Unions-Fraktion hat nach herben Stimmenverlusten bei der Bundestagswahl deutlich weniger Mandate und damit Arbeitsstellen zu vergeben als in der vergangenen Legislaturperiode.

„Allein die AfD versucht mit extrem hohen finanziellen Angeboten erfahrene Mitarbeiter aus anderen Fraktionen zu gewinnen“, erzählt Spinrath. Seine Leute hätten den Lockrufen allerdings widerstanden, was ihn nachträglich noch einmal sehr stolz auf sie mache.

Zurück in den Polizeidienst?

Spinraths eigene Zukunftsperspektive sieht etwas komfortabler aus. Wie alle ausgeschiedenen Bundestagsabgeordneten erhält er für jedes Jahr der Parlamentszugehörigkeit einen Monat lang Übergangsgeld in Höhe seiner bisherigen Diäten. Und wie jeder Bundestagsabgeordnete hat der Sozialdemokrat auch das Recht darauf, zu seinem alten Arbeitgeber zurückzukehren, wenn dieser denn tatsächlich noch existiert. Das ist durchaus nicht die Regel. Wie im Fall einer Sozialdemokratin, die deshalb vor gut zehn Jahren nach dem Ende ihrer Parlamentskarriere putzen gehen musste.

Solch ein Absturz droht Spinrath nicht. Er ist Landesbeamter. Allerdings war er während der vergangenen 31 Jahre von seiner Dienstbehörde, dem Polizeipräsidium Mönchengladbach, für seine verschiedenen Tätigkeiten in der Gewerkschaft, im NRW-Innenministerium oder im Bundestag freigestellt.

Spinrath steht nun vor der Frage: Schafft er den Sprung zurück in einen Polizeidienst, der sich in den vergangenen drei Jahrzehnten völlig verändert hat? Wo wird er überhaupt eingesetzt? An einer ebenso verantwortlichen Stelle, wie er sie als Dienstgruppenleiter vor seiner Freistellung bekleidet hat? Oder wird ihm ein Posten zugewiesen, auf dem er nur die Zeit absitzen und „die Bleistifte zählen muss“? Für einen Macher wie Spinrath ist Letzteres alles andere als eine reizvolle Vorstellung.

Ebenso wenig will und kann Spinrath sich zur Ruhe setzen. Allein schon aus finanziellen Gründen. Die Abgeordnetenpension erhält er erst mit 66 Jahren ausgezahlt. Zudem wird das Geld mit seinen Pensionsansprüchen als NRW-Landesbeamter verrechnet. „Wer einmal Bundestagsabgeordneter war, hat seine Schäfchen im Trockenen — nein, das ist nur eine Legende“, sagt Spinrath.

Spinrath redet über Privates offen und frei. Doch immer wieder schwenkt er ab zur Politik im Allgemeinen und zur Europapolitik im Besonderen. Er spricht von Plänen, Ideen und Strategien, wie die EU wieder stärker ihren Bürgern nähergebracht werden kann. Dabei weiß Spinrath: Eigentlich müsste er doch jetzt versuchen, sich von Berlin abzunabeln. Aber loszulassen fällt ihm sichtlich schwer.

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