Köln: Von der Täuschung zur Äffäre: Kirche und extreme Kräfte

Köln: Von der Täuschung zur Äffäre: Kirche und extreme Kräfte

Die katholische Kirche unter Druck: Es geht längst nicht mehr nur um die mutmaßlich vergewaltigte Frau, die in Köln von zwei katholischen Kliniken abgewiesen wurde. Es geht um den Nicht-Umgang der katholischen Kirche mit der „Pille danach”. Und es geht darum, wie ernst Kirche offenbar fundamentalistische Kräfte nimmt, trotz sehr angreifbarer Methoden.

Das wird auch in den Kliniken diskutiert: „Warum hat man nicht gleich Strafantrag gestellt, wegen Betrugs und Täuschung”, sagt ein Funktionsträger, der nicht genannt werden will. Die offensichtlich radikalen Abtreibungsgegner, die die Standfestigkeit der Kliniken mit einem angeblichen Vergewaltigungsopfer prüfen wollten, haben eines erreicht: Die Kirche zog die Schrauben an.

Anlass war ein Brief an das Bistum Ende 2011 - von einem Mann, der als Autor bei kreuz.net bekannt war - eine radikale und mittlerweile aus dem Netz genommene Plattform, von der sich die katholische Kirche klar distanziert. Die Scheinpatientin habe in mindestens vier katholischen Krankenhäusern in Köln die „Pille danach” erhalten, so der Vorwurf: Ein Verstoß gegen ethische Grundsätze der katholischen Kirche.

Tatsächlich hatten unabhängige kassenärztliche Notfallpraxen, die auf dem Gelände von katholischen Kliniken ihre Räume haben, die Rezepte ausgestellt. Die Sache hätte vom Tisch sein können. Der damalige Generalvikar Dominik Schwaderlapp nahm den Hinweis trotzdem ernst.

Er antwortete, ausführlich. Schwaderlapp habe deutlich gemacht, dass die kassenärztlichen Notfallpraxen den katholischen Verhaltensregeln nicht verpflichtet seien, sagt der Bistums-Sprecher Christoph Heckeley. Der Generalvikar sah aber wohl die Glaubwürdigkeit der Kirche in Gefahr, wenn katholische Krankenhäuser auch nur in den Ruch kämen, die „Pille danach” zu verschreiben. „Ich darf Ihnen auch im Namen unseres Erzbischofs versichern, dass wir alles uns Mögliche tun werden, um solche Ärgernisse abzustellen”, schrieb er dem Mann.

Der Rundbrief an die Krankenhäuser war zwar auf Briefpapier des Caritasverbandes geschrieben, tatsächlich aber soll das Bistum zu dem Schritt gedrängt haben. Darin war unter anderem die Rede von „Null-Toleranzgrenze” bei Schwangerschaftsabbrüchen und „damit verbundenen Tötungsdelikten”.

Jede Patientin sollte erkennen, dass sie das Rezept für die „Pille danach” von einem unabhängigen Notarzt bekam. „Das ging so weit, dass man die Trennung durch unterschiedliche Arbeitskleidung, durch entsprechende Namensschilder und Hinweise an der Pforte sichtbar macht”, sagt der Sprecher des Diözesan-Caritasverbandes, Markus Harmann.

Plötzlich spielten im Klinikalltag Feinheiten eine Rolle: Offiziell dürfen Ärzte über die „Pille danach” informieren, aber nicht beraten. „Aber wo ist die Grenze?” sagt einer, der eine gute Verbindung zu den Ärzten hat. Wie er wollen viele nicht mehr offen sprechen. Angst um den Arbeitsplatz.

Wie die Ärzte in den beiden Kliniken, die die vergewaltigte Frau abwiesen und der Vorgang zur Affäre wurde. Eine Ärztin soll diese Angst auch ganz klar angesprochen haben. Unverständlich. Das Rezept für die „Pille danach” hatte ja schon die Notärztin der 25-jährigen Frau verschrieben. Angst macht unlogisch.

(dpa)
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