Region: Vivian Maier: 120 Bilder sind in Monschau zu sehen

Region: Vivian Maier: 120 Bilder sind in Monschau zu sehen

Es ist eine dieser unglaublichen Geschichten, die sich selbst die fantasiereichsten Drehbuchschreiber der Welt nicht ausdenken könnten — ein nicht für möglich gehaltenes Märchen.

Da entpuppt sich eine völlig unbekannte Frau, die 40 Jahre lang in Chicago als Kindermädchen gearbeitet hat, eine unverheiratete, kinderlose Gouvernante, nach ihrem Tod als eine der bedeutendsten amerikanischen Fotografinnen des 20. Jahrhunderts: Vivian Maier. Mit einer Hinterlassenschaft von sage und schreibe geschätzten 120.000 bis 150.000 Aufnahmen. Fotos, die sie nicht ein einziges Mal veröffentlicht und vermutlich überhaupt niemandem gezeigt hat, die sie zum größten Teil nicht einmal selbst gesehen hat, weil sie von den meisten Negativen nie Abzüge machen oder die Filme gar nicht erst entwickeln ließ.

Und die Umstände, wie diese unwahrscheinliche Tatsache ans Licht der Welt gekommen ist, die lassen das Phänomen noch unwirklicher und extremer erscheinen: Der pure Zufall war es. Beinahe wäre das gigantische Werk im Müll gelandet — wäre da nicht jener 26 Jahre alte Chicagoer Immobilienmakler und Hobbyhistoriker John Maloof gewesen, der 2007 einen unscheinbaren Karton mit anonymen Abzügen und Negativen auf einer Zwangsversteigerung erwarb. Für 400 Dollar. Das war der Anfang. Maloof begann zu recherchieren, das Geheimnis zu enträtseln — seither gehen Ausstellungen von Fotografien der Vivian Maier um die Welt.

120 der eindrucksvollsten Aufnahmen aus dem Gesamtwerk, das ebenso wie das Leben Vivian Maiers längst noch nicht erfasst und erforscht ist, sowie Filme von und über sie zeigt vom morgigen Sonntag (Eröffnung 12 Uhr) bis zum 31. Mai das Kunst- und Kulturzentrum der Städteregion Aachen (KuK) in Monschau. KuK-Leiterin Nina Mika-Helfmeier ist es gelungen, die Ausstellung von Berlin (Willy-Brandt-Haus), wo sie bis zum 12. April täglich 1000 Menschen gesehen haben, nach Monschau zu holen. Danach geht die Schau nach Italien und New York.

Ohne Fotoapparat um den Hals verließ Vivian Maier nie das Haus, so viel zumindest ist klar geworden. Allein zog sie durch die Häuserschluchten, zuerst in New York, dann in Los Angeles und ab 1956 für Jahrzehnte in Chicago. Ihre Bilder sind flüchtige schwarz-weiße Momentaufnahmen, sie blickte in Hinterhöfe, auf Schrottplätze, in Schaufenster, durch Windschutzscheiben, vor allem: auf das Leben in den Straßen. Sie war „Street Photographer“, Straßenfotografin mit Leib und Seele. Eine neugierige Beobachterin des Alltagslebens, die noch in der banalsten Szene das unscheinbar Besondere fand, und sei es das im Bus schlafend Kopf an Kopf zusammengesunkene alte Ehepaar oder der wie zu einer akrobatischen Figur in sich zusammengeknäuelte Obdachlose in der Eingangsnische eines Hauses. Anonyme Gestalten auf dem harten Straßenpflaster der Großstadt, Bettler, Alte, Invaliden, zerknitterte Gesichter und immer wieder wartende, in sich verharrende Menschen — auf sie richtete Vivian Maier ihre Kamera. Völlig unbemerkt.

Die Rolleiflex-Mittelformatkamera erlaubte ihr, den Beobachteten unmittelbar direkt ins Gesicht, in die Augen zu blicken — während sie selbst nur nach unten, unauffällig in den Sucher zu schauen brauchte. So erreichte sie eine auf den heutigen Betrachter ihrer Fotos frappierend und überraschend wirkende Nähe. Nichts ist gestellt, niemand posiert — so gewinnt jedes Porträt, vor allem das der immer wieder fotografierten Frauen, eine unerhörte Authentizität und Charakterfülle. Die Experten erkennen in dem Stil die amerikanischen Fotografen Harry Callahan, Aaron Siskind, Lisette Model und Diane Arbus wieder — und das, obgleich Vivian Maier Fotografie niemals gelernt, geschweige denn studiert hatte. Sie war ein Naturtalent, dem der Blick für die Komposition, das Licht, der Instinkt für den richtigen Moment und all das, was ein ausgezeichnetes Foto ausmacht, offenbar bereits in die Wiege mitgegeben wurde.

Die Selbstporträts sind eine Geschichte für sich. Sie fotografierte sich vor Spiegeln und Schaufenstern, wobei bisweilen nur ihr Schatten auf dem Boden zu sehen ist. Sie fand noch die einfallsreichsten Perspektiven, um sich etwa im Rückspiegel eines Autos oder in einem von Arbeitern getragenen Fenster versteckt ins Bild zu setzen. In diesen Momenten versichert sich die Beobachterin ihrer selbst — streng blickt sie, regungslos im Gesichtsausdruck, aber durchaus selbstbewusst in ihrem Herrenjackett.

Als Maloof, der eigentlich nur Illustrationen für die Geschichte eines Chicagoer Stadtteils gesucht hatte, 2007 die ersten 30 000 Abzüge und Negative erwarb, kannte er lediglich den Namen der Fotografin. Nachdem er die Bilder gesehen hatte, kaufte er den Rest von einem Mitbieter derselben Auktion. Erst die Todesanzeige Vivian Maiers 2009 in der Chicago Tribune brachte Ma-loof den Ansatz für detektivische Recherchen. Nach und nach gelang es ihm, ihr verborgenes Leben zu rekonstruieren: die Geburt 1926 als Kind einer Französin und eines Vaters mit österreichisch-ungarischen Wurzeln, ihren mehrjährigen Aufenthalt in Frankreich, ihre ausgedehnten Reisen 1959/60 nach Kuba, China, Thailand, Ägypten, Italien, Kanada und Kalifornien, finanziert vom Verkauf eines geerbten Hauses im Elsass, die Lebensstationen New York, Los Angeles und Chicago, wo sie 2009 völlig verarmt starb.

In zwei Abstellkammern eines Lagerhauses fand Maloof Vivian Maiers gesammeltes Leben: Kleidung, Briefe, Papiere, Zehntausende Fotoabzüge, Negative, unentwickelte Filmpatronen, selbst Zeitungen — all das hortete sie in Hunderten von Kartons und nahm sie bei jedem Wechsel ihrer Stelle wieder mit. Maloof verfilmte die Geschichte der Entdeckung der Fotografien und seine eigene Spurensuche nach der Person Vivian Maier 2013 in dem Dokumentarfilm „Finding Vivian Maier“. Der Film erreichte bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin 2014 den 2. Platz des Panorama-Publikumspreises in der Kategorie Dokumentarfilm.