Würselen: Vision einer atomwaffenfreien Welt

Würselen: Vision einer atomwaffenfreien Welt

Das Anti-Atomkriegszeichen, gestaltet aus rund 100 Windlichtern, erstrahlte auf dem Vorplatz zur Kirche St. Sebastianus, musikalisch untermalt von Franz-Josef Ritzerfeld, dem Gitarristen des Neuen Chores Würselen.

Zuvor hatte die Sängerin „Blue Flower” (Köln) das Hannes-Wader-Lied „Es ist an der Zeit” mit den bewegenden Schlusszeilen „Fällt die Menschheit noch einmal auf Lügen herein, dann kann es geschehen, dass bald niemand mehr lebt, niemand, der die Milliarden von Toten begräbt” angestimmt.

Hiroshima und Nagasaki

Diese Aktion bildete den Kernpunkt einer über dreistündigen mit Reden, Antikriegsliedern und besinnlichen Texten gestalteten Gedenk- und Mahnveranstaltung anlässlich des 65\. Jahrestages des Atombombenabwurfs auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki.

Um die Vision von einer atomwaffenfreien Welt zu verbreiten, beteiligte sich die Würselener Initiative für den Frieden an der Nacht der 100\.000 Kerzen, die weltweit an vielen Orten durchgeführt wurde.

Dadurch war Würselen verbunden mit den großen Gedenkfeiern im Peace Memorial Park in Hiroshima, wo Laternen zum Gedenken an die Opfer entzündet werden. Barbara Krude, die Sprecherin der Initiative, freute es, dass die Veranstaltung im Vorfeld eine breite Unterstützung aus der Würselener Bürgerschaft erfuhr.

Bedrohung allgegenwärtig

Der Wermutstropfen: Die Friedensfreundinnen und -freunde blieben zwar am Abend selbst nicht unter sich. Doch hätte ihre Veranstaltung eine größere Resonanz verdient gehabt.

Barbara Krude sagte zum Unheil, das vor 65 Jahren über die Menschen der beiden japanischen Großstädte hereinbrach: „Der Einsatz von Atombomben hätte nicht geschehen dürfen, vor allem aber darf nicht mehr geschehen.” Bewusst machte sie: „Im Fliegerhorst Büchel lagern immer noch rund 20 US-Atombomben. Deutsche Bundeswehrpiloten üben mit US-Atombomben.”

„Das wollen wir nie wieder sehen”, pflichtete Würselens Erster Bürger Arno Nelles bei, dem es eine ehrenvolle Verpflichtung gewesen sei, Mitglied der „Bürgermeister für den Frieden” zu werden. Sei doch die atomare Bedrohung immer noch allgegenwärtig. „Wir werden die Fahne des Friedens in Würselen hochhalten”, hoffte er, dass das friedliche Signal, das aus seiner Heimatstadt ausgesandt wurde, in der Welt ankomme.

Dass die atomare Bedrohung allgegenwärtig ist, belegte der Pastoralreferent der City-Kirche in Aachen, Dieter Spoo, mit Zahlen. „Die Sprengkraft der atomaren Rüstung weltweit reicht für 270 Zweite Weltkriege!”

Einer Schätzung des renommierten „Bulletin of the atomic scientists” zufolge seien derzeit 23000 Atomwaffen über 14 Staaten und mehr als 110 Standorte verteilt. Zwar reduzierten die Supermächte Russland und USA ihre Arsenale, doch mit 96 Prozent bestritten sie den Löwenanteil des nuklearen Potenzials.

Sieben weitere Nationen besitzen selbst Atomwaffen: Großbritannien, China, Frankreich, Indien, Pakistan, Nordkorea und Israel. In fünf Nato-Staaten lagern Atomwaffen der USA: in Belgien, Deutschland, Italien, den Niederlanden und der Türkei.

Und im Weißbuch für Sicherheitspolitik der Bundesregierung 2009 heiße es: Für eine überschaubare Zukunft werde eine glaubhafte Abschreckungsfähigkeit des Bündnisses nuklearer Mittel bedürfen. Spoo weiter: „Viele Menschen hatten gehofft, das Inferno von Hiroshima und Nagasaki, dieser Fingerzeug des Teufels, werde die Menschen aufrütteln. Das Gegenteil ist geschehen. Die Atombombe als Zeichen der ungezügelten Macht ist ein Statussymbol geworden.”

Spoo forderte die Vernichtung aller Massenvernichtungswaffen weltweit, „damit die Zukunft der Welt menschenwürdig gestaltet werden kann.” Otmar Steinbicker, Herausgeber des „Aachener Friedensmagazins”: „Mit jedem weiteren Staat, der in den Besitz von Atomwaffen kommt, wächst die Gefahr, dass diese gewollt oder versehentlich eingesetzt werden.”

Mit der zunehmenden Bereitschaft des Westens, politische Konflikte weltweit militärisch zu lösen, wachse die Zahl der Staaten, die darauf setzten, mit dem Besitz von Atomwaffen ihrer Bedrohung entgehen zu können. Für Steinbicker ist die Gefahr, dass Atomwaffen eingesetzt werden, nicht geringer als vor 25 oder 30 Jahren geworden.

Nur die Angst der Menschen davor sei geringer geworden, weil nicht mehr so genau hingeschaut werde. „Nur durch Gewaltverzicht und Abschaffung aller Atomwaffen in allen Staaten lässt sich verhindern, dass Atomwaffen noch einmal zum Einsatz kommen.” Resignierend stellte August Rößner, Vorstandsmitglied von ATTAC Deutschland, fest: „Abrüstung ist kein globales Thema, dafür aber die Finanzwirtschaft.”

Im jüngsten Rüstungsexportbericht der beiden Kirchen werde beklagt, dass Friedens- und entwicklungspolitische Dimensionen vernachlässigt und dass friedensethische Kriterien bei der Bewertung von Waffen-Exportgenehmigungen nicht angewandt werden. Zu denken gibt ihm: „Mit den Ausfuhrgenehmigungen für Rüstungsgüter in Höhe von fast sechs Milliarden Euro stehen wir auf Platz drei in der Welt.”

Texte aus „Sadako will leben” trugen Jürgen Hohlfeld (Arbeitskreis Kein Vergessen) sowie Angela Ortmanns-Dohrmann (Förderverein der Stadtbücherei) und Ursula Best (AK Kein Vergessen) vor. Zu Meditationstänzen regten Brigitte Hirtz und Marlu Delahaye an.

Von Mitgliedern der „terre des hommes-AG Aachen” wurden Texte zu „Kinder und Krieg” gelesen. Bis 0\.15 Uhr, dem Zeitpunkt der Bombenexplosion vor 65 Jahren, harrten die Friedensbewegten vor der Kirche aus, obwohl es mittlerweile empfindlich kühl geworden war.

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