Aachen/Mönchengladbach: Viktar Shainoha ist der, der im Zirkus an den Strapaten hängt

Aachen/Mönchengladbach : Viktar Shainoha ist der, der im Zirkus an den Strapaten hängt

Viktar Shainoha muss noch „seinen Motor machen“, deshalb sitzt der 31-Jährige ein wenig hibbelig in der mobilen Cafeteria des Circus Flic Flac, der zurzeit in Mönchengladbach gastiert, und schiebt sein Handy auf dem Tisch hin und her. In einigen Stunden wird sein Leben an diesem Motor hängen.

Er wird sich an den reißfesten Bändern, die Strapaten heißen, bis in 16 Meter Höhe unter die Kuppel des Zeltdaches ziehen lassen. Er wird in der Waagerechten schweben. Wird durch die Luft laufen. Leicht. Schwerelos. Ätherisch.

Strapaten heißen die Bänder, an denen Viktar Shainoha unter der Kuppel des Flic-Flac-Zeltdaches schwebt. Töchterchen Viktoria weiß: Papa macht nur Quatsch! Normalerweise ist er nicht so wild: Mag Viktar Shainoha in der Manege des Circus Flic Flac noch so sehr aufdrehen, zu Hause ist der Papa ein ganz Lieber. Foto: Flic Flac/Dmitry Shakin

Okay, das sieht natürlich nur so aus. In Wirklichkeit ist jede einzelne Muskelfaser seines Körpers angespannt, wenn er zu den Klängen von Alwonations „Sail“ in die Luft steigt. Selbst seine Haare: Da wackelt nichts.

Sicherheit ist wichtig

Dass auch am Motor nichts wackelt, das überprüft er gleich noch einmal persönlich. Sicherheit ist wichtig im Circus Flic Flac, auf die Sicherung dagegen verzichten viele Artisten, auch Viktar. Wenn er sich aus mehreren Metern Höhe aus dem Zeltdach in eine riesige Matte fallen lässt, dann gehört das zur Show. Elegant rollt er sich ab. So etwas trainiert er mit Turnern. Stundenlang.

Eigentlich wollte Viktar Shainoha Schauspieler werden. In der Familie liegt das nicht. Aufgewachsen ist er in einem kleinen Ort in den Weiten Weißrusslands. Vielleicht 2000 Einwohner leben dort. Sein Vater arbeitet in der Landwirtschaft, seine Mutter in verschiedenen Haushalten. Mit Fünfzehn ging er in eine der größten Städte Weißrusslands auf die Kunsthochschule — und lernte schnell, dass es sehr viele Männer gab, die Schauspieler werden wollten, aber nur wenige männliche Tänzer. Also schwenkte er um. Probierte sich aus. „Dann sah ich einen Artisten an den Strapaten und wusste, dass ich das können wollte“, sagt er. Springen, fliegen, schweben.

Als er für die Bielefelder Weihnachtsshow von Flic Flac entdeckt wurde, steckte bereits viel Arbeit in seinen Muskeln. Er hatte bei einem dänischen Zirkus gearbeitet, bei Le Paradis des Sources in Frankreich und zuletzt auf einem Kreuzfahrtschiff für Celebrity Cruises.

Für Flic Flac zu arbeiten, war für ihn ein Traum. Das Adrenalin, das Tempo, das Team. Zeit für Applaus zwischen den Nummern? Ist nicht eingeplant. Stars? Gibt es nicht. Die Show, das sind sie alle.

Viktar lächelt. Die Narbe an seinem linken Mundwinkel verwandelt sich in eine Lachfalte. Ein Arbeitsunfall? Viktars Grinsen wird breiter. „Ich muss mir unbedingt noch eine gute Geschichte für die Narbe ausdenken“, sagt er. Die Wahrheit ist, dass er sich als Fünfjähriger das Fahrrad eines Erwachsenen geschnappt hat. Im Stehen konnte er so gerade Lenker und Pedale gleichzeitig erreichen. Es ging schief.

Zu der wilden Rolle, die er in der neuen Flic-Flac-Show „Farblos“ spielt, passt sie prima. Schwarze Lederjacke, Irokesenfrisur, Nietengürtel auf knapper Lederhose. Wo keine Haut ist, da ist es schwarz. Aber es ist viel Haut. Und Muskeln. Sehr viele Muskeln.

In einer früheren Nummer schwebte der blonde Viktar ganz in Weiß mit gigantischen Flügeln an den Strapaten. Die Wandlung vom Engel zum Bengel ist extrem. Er liebt Extreme, extreme Höhe, extreme Outfits, extreme Nummern. Als er im Jahr 2016 zu Flic Flac kam, wollte er etwas Extremes machen und hat sich tätowieren lassen. Ein brüllender Löwe-Adler-Elefant windet sich jetzt auf der Kopfhaut um sein linkes Ohr.

Viktoria schreckt das Tierchen nicht. Sie kennt Viktar zwar erst seit sieben Monaten, aber sie weiß schon, dass er eigentlich ein ganz Lieber ist und viel lacht. So wie auf den Bildern auf seiner Facebookseite. Sie zeigen ihn lachend beim Skifahren, lachend vor großstädtischen Selfiemotiven, lachend mit Windelträgerin Viktoria. Sie bestimmt, wie lange er nachts schläft, sagt der Artist — und grinst. Alles andere bestimme Yulia, ihre Mama: was Viktar isst, wie sein Make-Up aussieht, ob die Frisur sitzt. „Sie ist meine schärfste Kritikerin.“

Tänzerin sei sie und mit jeder Menge Temperament ausgestattet, erzählt der Wahl-Elsässer. Ob sie es wohl zeigt, wenn Viktar seinen Termin zum Motorcheck verpasst? Jedenfalls verliert er nach „Tschüss“ und „Do Svidaniya“ keine Zeit. Ein kurzer Sprint — und die Distanz zwischen Cafeteria und Zelt ist überwunden.

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