Nachgefragt bei der Kita-Leiterin: Vierjährige stimmen ab und entscheiden. Das klappt?

Nachgefragt bei der Kita-Leiterin: Vierjährige stimmen ab und entscheiden. Das klappt?

Der Gemeindekindergarten in Titz setzt auf Freiheit und Partizipation seiner 106 Kinder. Wie das im Alltag funktioniert, erklärt Leiterin Gerta Cremers im Interview.

Was ist das leitende Prinzip Ihres Kindergartens?

Cremers: Das ist der Selbstbildungsprozess der Kinder. Sie stehen im Mittelpunkt. Das heißt: Die eigene Meinung frei äußern, Mitbestimmung, Partizipation, Räume, die Kinder anregen, selbst Dinge zu entdecken, und Erzieherinnen, die Halt geben.

Eines Ihrer Prinzipien ist: Kinder können selbst entscheiden, was sie machen und wo sie es machen. Gilt das ohne Einschränkung?

Cremers: In der sogenannten Offenen Zeit, wenn die Haustür geschlossen ist,  können Sie ohne Abmeldung gehen, wohin sie wollen. In jedem Funktionsraum ist eine den Kindern vertraute Erzieherin. Die Kinder werden nicht allein gelassen.

Feste Strukturen führten zu mehr Konflikten, haben Sie gesagt, als die INA hier im Haus war. Gehen Ihre Kinder Konflikten aus dem Weg?

Cremers: Nein, es entstehen deshalb nicht so viele Konflikte, weil im Bauraum oder im Bewegungsraum nur Kinder mit gleichen Interessen aufeinandertreffen. Und die Kinder aus allen Gruppen kennen sich untereinander besser. Es ist harmonischer. Natürlich gibt es bei uns auch Konflikte; das ist unvermeidlich.

Konflikte sind nicht schlimm, sondern nötig. Oder?

Cremers: Ja – natürlich. Es kommt darauf an, wie man damit umgeht.

Welche Regeln müssen die Kinder einhalten?

Cremers: Die Grenzen des anderen akzeptieren, niemanden verletzen, auf den Fluren nicht laufen. Das sind unsere Hauptregeln. Und im Kinderbeirat legen wir darüber hinaus Regeln für bestimmte Situationen oder Orte fest. Regeln von oben herab haben keinen Sinn; die Kinder müssen sie verstehen.

Sie setzen ausdrücklich auf Mitbestimmung und Mitentscheidung der Kinder. Wie groß ist die Gefahr, die Kleinen zu überfordern?

Cremers: Die ist nicht groß. Die wachsen langsam in einzelne Aufgaben hinein. Die Kinder lernen von Anfang an, ihre Bedürfnisse zu erkennen und zu äußern.

Was bedeutet Ihnen der Wettbewerb um den Deutschen Kita-Preis?

Cremers: Wir erhalten von professioneller Seite ein Zeugnis, wie gut wir sind. Das ist das Wichtigste. Unter den besten Zehn von 1500 Bewerbern – das ist ja was! Nach dem Besuch der Expertinnen bekommen wir einen ausführlichen Bericht – und das auch noch kostenlos.

Dafür muss man normalerweise viel Geld bezahlen.

Cremers: Eben. Allein dafür hat es sich schon gelohnt.

Am 13. Mai fahren Sie nach Berlin. Womit rechnen Sie?

Cremers: Ich weiß es nicht. Ich freue mich auf die Fahrt. Das wird uns zusätzlich beflügeln. Und wenn der Beruf der Erzieherin durch diesen Wettbewerb aufgewertet und stärker anerkannt wird – umso besser! Frühe Bildung ist so wichtig.

Bekommt aber nicht die Beachtung, die sie verdient. Was in den ersten Lebensjahren verpasst wird, können Kinder später kaum noch aufholen.

Cremers: Im Kindergarten geht es nicht um Leistung und Noten; deshalb nehmen viele Erwachsene, Politik und Gesellschaft ihn nicht so wichtig. Es geht in der Kita darum, dass das Kind seine eigenen Interessen und Stärken entdeckt und entfalten kann. Das zu fördern, ist eine ganz wichtige Aufgabe.

Ein Morgen in der Kita „Zauberwelt“ in Titz
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