Vier Angeklagten wird gemeinschaftlicher Mord vorgeworfen

Mordprozess am Aachener Landgericht : Die Frage nach dem Warum ist nicht kleiner geworden

Ein paar Wochen, nachdem ihr Sohn Dominik J. ermordet worden war, schalteten die Eltern eine Anzeige. „Unsere Liebe nimmst du mit. Deine tragen wir in unserem Herzen. Die Liebe ist stärker als der Tod“, stand am Kopf der Anzeige neben dem Foto des Sohnes, den alle nur „Dodo“ nannten.

Die Eltern bedankten sich auf diesem Weg auch bei den Ermittlern der Kripo in Mönchengladbach und Heinsberg, „die Tag und Nacht für uns da waren und nichts unversucht gelassen haben, dieses fürchterliche Verbrechen aufzuklären“. Am Montagmorgen hat der Prozess nach dem Mord an Dominik J. vor dem Landgericht in Aachen begonnen. Vier Männer, zuletzt wohnhaft im Kreis Heinsberg, sind des gemeinschaftlichen Mordes angeklagt. Sie sollen den 27-Jährigen am späten Abend des 2. Oktobers in Waldfeucht umgebracht haben. Weil der angeklagte Sandorino K., am Tattag erst 17 Jahre alt war, wird vor der 5. Großen Jugendstrafkammer verhandelt.

Die Eltern, die ihren Sohn verloren haben, sind Nebenkläger in dem Verfahren, das Ende September zu Ende gehen könnte. Sie sehen an diesem Morgen die Angeklagten zum ersten Mal. Sie haben die Konfrontation gewollt, sagt ihre Anwältin Sabine Appel aus Heinsberg. "Sie haben noch viele Fragen, auf deren Beantwortung sie hoffen." Vor allem die nach dem „Warum?“ ist seit Monaten nicht kleiner geworden. Die Anwältin sagt auch, dass das Leben der Familienmitglieder seit jenem 2. Oktober 2018 aus den Fugen geraten sei. Sie werden psychologisch betreut, sind teilweise arbeitsunfähig. Ganz sicher steht schon zum Prozessauftakt fest, dass es mehr als ein Opfer in diesem Verfahren gibt.

Folgt man Staatsanwältin Melissa Hilger haben sich vier Männer zu einem kaltblütigen Mord verabredet. Drahtzieher soll der 22-jährige Marvin R. gewesen sein. Ihm sei es darum gegangen, einen Nebenbuhler aus dem Weg zu räumen. „Er konnte es nicht aushalten, ohne Natalie G. zu leben.“

Marvin R. kam mit Trennung nicht klar

Denn Dominik J. wurde irgendwann im letzten Sommer der Freund von Natalie G., die zuvor mit Marvin R. zusammengelebt hatte. Mit der Trennung wollte sich Marvin R. nicht so richtig abfinden, obwohl die Signale eindeutig waren - so steht es in der Anklage. Anfangs nahm er die neue Beziehung nicht sonderlich ernst, dass änderte sich aber, als Dominik J. und Natalie G. beschlossen, in einem Haus in Waldfeucht zusammenzuziehen. Spätestens am 22. September 2018, so hat es die Kripo ermittelt, habe er den Entschluss gefasst, Dominik J., mit dem auch er befreundet war, zu beseitigen. "Er hatte das Gefühl, sie endgültig zu verlieren", sagt die Staatsanwältin. Marvin R. suchte den Kontakt zu Sandorino K., weil der Pflegesohn seiner Eltern Kontakt ins kriminelle Milieu besaß. Der 17-Jährige fand tatsächlich zwei mögliche Komplizen: Saeed M., 23, und Hosein S., 27, beide wohnhaft in Heinsberg, wollten laut Anklage bei dem Mord mitmachen. Sie kannten weder das Opfer, noch das Motiv, ihnen ging es ums Geld: 3000 Euro soll es für die Tatbeteiligung geben.

Die Tat war keine Affekthandlung, die Männer planten sie über Wochen für den 2. Oktober. Der 27-Jährige Dominik J. sollte in einen Hinterhalt gelockt und erstochen, später dann weggefahren werden. Was sich an diesem späten Abend des 2. Oktobers in einem abgelegenen Gewerbegebiet ereignete, muss nun die Kammer unter Vorsitz von Richter Norbert Gatzke an vorerst 17 Verhandlungstagen aufklären. Laut Anklage lauerten die vier Angeklagten Dominik R. am späten Abend dort auf. Der technische Zeichner war ahnungslos, tagsüber hatte Marvin R. ihm und seiner Freundin noch bei der Renovierung geholfen. Man verabredete sich auf eine Zigarette, aber unerwartet eskalierte die Situation. Er wurde geschlagen und getreten, Sandorino K. zückte sein Messer und stach auf ihn ein, trägt die Staatsanwältin vor.

Der Schwerverletzte wird in den Kofferraum gelegt, er kann die Notverriegelung öffnen, versucht zu fliehen. Es sind die letzten Meter in seinem jungen Leben. Marvin R. nimmt sich das Messer seines Freundes, sticht immer wieder auf das Opfer in Hals und Oberkörper ein. "Er ließ erst ab von ihm, als er sicher war, dass er tot war." Die Gerichtsmediziner zählen 52 Stiche, alleine der linke Lungenflügel wird 20 Mal getroffen, Dominik J. erliegt am Tatort seinen "multiplen Verletzungen". Die Angeklagten fahren weg, lassen ihn zurück.

Zwei Tage nach der Tat haben sich Sandorino K. Saeed M., und Hosein S. der Polizei gestellt. Kurz danach wurde auch Marvin R. in einer Wohnung in Wassenberg von einem SEK überwältigt. Seit diesem Tag sitzen die vier Männer in unterschiedlichen Gefängnissen in U-Haft.

Die Eltern warten auf Antworten

Am ersten Prozesstag sehen sie die trauernden Eltern, aber sie weichen deren Blicken aus. Die Eltern hoffen auf Antworten, aber vorerst will sich keiner der Beschuldigten zum Tatvorwurf äußern. Sandorino K. macht lediglich Angaben zur Person. Der inzwischen 18-jährige Albaner berichtet von täglichen Schlägen seines Vaters in der Kindheit. Der Kontakt zu ihm sei längst abgebrochen. 2015 kam er mit Mutter und Schwester nach Deutschland. Sein Asylantrag ist rechtskräftig abgelehnt, er ist nur geduldet.

Die schulische Karriere ist überschaubar, sowohl in Albanien als auch in Deutschland geht er nach der 8. Klasse von der Hauptschule ab. „Die Ursache dafür waren keine Sprachprobleme, vielmehr der falsche Umgang“, sagt der begeisterte Kampfsportler. In der JVA wolle er ab August eine Lehre zum Maler und Lackierer beginnen. Vor gut zwei Jahren ist er dann bei den Eltern von Marvin R. eingezogen. Er sagt „Papa“ zu dessen Vater, der ihn auch finanziell unterstützt. Zeitweise war sogar eine Adoption im Gespräch, um die drohende Abschiebung zu verhindern.

Am Ende des ersten Verhandlungstages bittet Sandorino K. unter Tränen die Eltern des Opfers um Verzeihung. Er sei niemals von einer Tötung ausgegangen. „Ich werde irgendwann wieder bei den Menschen sein, die mich lieben. Sie aber werden immer vergebens auf ihren Sohn warten, den sie lieben. Das zerreißt mich.“ Das Verfahren wird in dieser Woche am Dienstag und Donnerstag fortgesetzt, Ende September könnte ein Urteil verkündet werden.

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