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Folge der Corona-Krise : Vielen Solo-Selbstständigen bleibt erst mal nur Hartz IV

Folge der Corona-Krise : Vielen Solo-Selbstständigen bleibt erst mal nur Hartz IV

Wie der Fotografin Nicole Müller geht es derzeit vielen: Die Soforthilfe des Bundes soll ihnen über die Auftragsflaute hinweg helfen. Aber gedacht sind die 9000 Euro nur für Betriebsausgaben. Also bleibt nur der Antrag auf Grundsicherung.

Nicole Müller ist selbstständige Fotografin in Köln. Sie ist breit aufgestellt: Sie fotografiert Messen und kulturelle Veranstaltungen ebenso wie Hochzeiten, manchmal ist sie auch als Pressefotografin unterwegs, sie übernimmt Videoaufträge und unterrichtet für eine Stiftung. Sie kennt es, für ihren Lebensunterhalt viel zu arbeiten und gleichzeitig flexibel sein zu müssen. Jetzt musste sie eine besondere Flexibilität an den Tag legen: Ab Mai wird sie als Solo-Selbstständige, deren Einkünfte massiv von den Absagen durch die Coronavirus-Pandemie betroffen sind, Grundsicherung erhalten. Sie ist damit einen Schritt gegangen, den viele andere Solo-Selbstständige bisher noch scheuen.

Eigentlich liegen auf Nicole Müllers Konto gerade 9000 Euro Soforthilfe des Bundes. „Doch das Geld kann ich für meinen Lebensunterhalt nicht anrühren. Damit kann ich nur noch Betriebsausgaben decken, die ich fast gar nicht habe“, sagt sie. Als Nicole Müller die Soforthilfe beantragte und auch prompt bewilligt bekam, lauteten die Vorgaben aller Länder noch anders. 1180 Euro Einkommen sollten pro Monat als Betriebskosten für den Solo-Selbstständigen neben zum Beispiel Miete und Nebenkosten für Geschäftsräume anzurechnen sein. Alle Länder bis auf Baden-Württemberg sind hiervon wieder zurückgetreten. Die Betroffenen sollen stattdessen Grundsicherung – im Volksmund auch Hartz IV – beantragen.

Die Bundesagentur für Arbeit hat sich darauf schnell eingestellt. „Egal, ob Sie selbstständig sind oder in Kurzarbeit: Mit Ihren finanziellen Sorgen lassen wir Sie und Ihre Familie in der Corona-Krise nicht allein.“ So heißt es derzeit auf ihrer Webseite. Schnell lässt sich auch das vereinfachte Antragsformular finden und die Bundesagentur verspricht: „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind bemüht, Ihren Antrag so schnell wie möglich zu bearbeiten.“

Nicole Müller hat erlebt, dass von Freundlichkeit und zuvorkommendem Verhalten nicht nur auf der Webseite zu lesen ist, sondern diese auch in der Realität bestehen. „Bei Fragen wurde mir immer freundlich und zügig geantwortet.“ Trotzdem fällt es vielen Solo-Selbstständigen schwer, zum Jobcenter zu gehen – und das liegt nicht unbedingt an der Höhe der Grundsicherung. Denn mit wenig auszukommen, kennen viele.

Auch Nicole Müller sagt: „Übers Jahr gerechnet bin ich eigentlich ein armer Mensch, ein echter Hartzer. Deshalb ist die Höhe des Arbeitslosengeldes II kein Drama.“ Ihrem Freund und Vater ihrer einjährigen Tochter geht es als Tennislehrer finanziell gesehen vielleicht sogar noch schlechter. Aber beide arbeiten gern und können sich nicht vorstellen, das dauerhaft sein zu lassen, weil das Geld jetzt vorübergehend auch ohne Arbeitseinsatz vom Staat kommt.

Nicole Müller sieht die Zurückhaltung vieler aus ihrem Bekanntenkreis, denen es gerade ähnlich geht wie ihr, an anderer Stelle: „Sie sagen: Ich suche ja keine Arbeit, ich darf in meinem Beruf im Moment einfach nicht arbeiten“, berichtet die 39-Jährige. Ihnen – und auch Nicole Müller – wäre eine Lösung wie das bedingungslose Grundeinkommen lieber.

Aber die Fotografin sieht das Ganze auch pragmatisch: „In anderen Ländern gibt es diese Form der Notfall-Absicherung gar nicht. Ich fühle mich eigentlich gerade sehr gut aufgehoben.“ Auch wenn sie sich, wie alle Antragsteller von staatlichen Transferleistungen, relativ blank machen musste. Wie hoch ist die Miete? Gibt es andere Einnahmen wie Elterngeld oder auch noch ausstehende Rechnungen für bereits erbrachte Leistungen? Wer wohnt mit im Haushalt? Auch bestehendes Vermögen oberhalb von 60.000 Euro muss angegeben werden. Sechs Seiten musste sie trotz der Vereinfachung ausfüllen.

„Anders als mein Partner hatte ich damit aber keinen großen Stress. Auch wenn es schon erst mal nervig ist, den Ordner mit der Sozialversicherungsnummer zu finden  oder die Heizkosten aus den Nebenkosten herauszurechnen“, erklärt sie. „Aber dafür wird meine Miete bezahlt und ich kann den Lebensunterhalt für mich und meine Tochter bestreiten.“

Und es soll ja auch nicht für immer sein. Nicole Müller genießt zwar jetzt mangels Aufträgen die sehr intensive Zeit mit ihrer kleinen Tochter. „Das ist sehr kostbar.“ Aber das sie dauerhaft nicht arbeitet, kommt ihr nicht in den Sinn: „Schon mit 17 habe ich angefangen, für meinen Unterhalt zu sorgen. Das wird sich jetzt sicher nicht ändern.“ Schon vor dem Lockdown hatte sie sich überlegt, eine Teilzeit-Bürotätigkeit anzunehmen und so ein wenig auftragsunabhängiger zu werden. Ihre Bewerbungen dazu laufen noch. „Und wenn es am Ende vorübergehend eine andere Tätigkeit wird – im Supermarkt oder als Ernthelferin – ist das auch okay. Ich fühle mich wohler mit Arbeit.“ Flexibel eben.