Alsdorf: Verlorene 1000 Euro: Kriegsflüchtling will keinen Finderlohn

Alsdorf : Verlorene 1000 Euro: Kriegsflüchtling will keinen Finderlohn

Es war ein unscheinbares hellblaues Heftchen, das Mahmoud Abdullah auf dem Bürgersteig liegen sah. Das aber irgendwie gar nicht den Eindruck machte, als habe es jemand einfach so weggeworfen — wie eine leere Zigarettenschachtel oder was sich sonst alles an lästigem Müll auf Straßen findet. Also hob der 31-Jährige das Büchlein auf, klappte es auseinander und staunte nicht schlecht: Zwei 500-Euro-Scheine lagen darin.

Er schaute sich sofort um, konnte aber niemanden entdecken, dem dieser kleine Schatz, ein Sparbuch der Postbank, vielleicht gerade aus der Tasche gerutscht sein könnte. Schnurstracks machte er sich auf den Weg nach Hause, eine nur wenige hundert Meter entfernte Flüchtlingsunterkunft, um Freund Fadi Aldouch um Hilfe zu bitten. Der besseren Deutschkenntnisse wegen. Zu zweit machten sich die beiden unverzüglich auf zur Alsdorfer Polizeiwache. Um dort „mit Händen und Füßen“, wie die Polizei später berichten sollte, darzulegen, was geschehen war.

Jedem Finder steht ein Finderlohn zu. So will es das Gesetz. In diesem Falle wären es 25 Euro gewesen, zuzüglich drei Prozent des Wertes, der über 500 Euro liegt. Abdullah jedoch winkte ab, als die Polizei ihn darüber aufklärte: Die Freude darüber, dass jemand nun sein verloren gegangenes Geld wiederbekomme, war ihm Lohn genug. Eine Sache der Ehre.

Deutschland gibt ihm Sicherheit, und das weiß der Kriegsflüchtling aus Syrien hoch zu schätzen. Seit acht Monaten lebt er im Land, seit wenigen Wochen in der Alsdorfer Unterkunft. Als selbstständiger Elektriker war er in seiner Heimat nahe Aleppo tätig gewesen, gut ausgebildet ist er auch auf dem IT-Sektor. Doch dann kam der Krieg, und Abdullah hat wie Millionen seiner Landsleute alles verloren. Wie der Großteil Aleppos wurde auch sein Haus zerbombt.

Die einstige Wirtschaftsmetropole und „Hauptstadt der Islamischen Kultur“ ist seit rund drei Jahren geteilt: Den Osten hat die „Freie Armee“ der Rebellen unter Kontrolle, der Westen wird von der syrischen Regierung beherrscht. Und die IS-Terrormiliz hat Teile östlich und nördlich der Stadt in ihrer Gewalt. Dazwischen: entwurzelte Menschen.

Mittellos flüchtete Mahmoud Abdullah mit seiner Frau und dem dreijährigen Töchterchen zunächst nach Afrin, eine Kleinstadt nordöstlich Aleppos. Doch auch hier gab es für die junge Familie keine Lebensgrundlage. Sogar Wasser zu beschaffen, wurde von Tag zu Tag schwieriger. So schlug sich der Familienvater schließlich nach Deutschland durch, um einen Asylantrag zu stellen.

Seine große Hoffnung: Frau und Tochter, die mittlerweile in der Türkei sind, schon bald wieder in die Arme schließen zu können. „Er vermisst seine Familie sehr“, erzählt Fadi Aldouch, der Freund: „Fast täglich telefonieren sie miteinander, und oft fließen dabei Tränen.“

Auch Aldouch stammt aus Syrien, aus Hassaké im Norden unweit der türkischen Grenze. Der studierte Apotheker lebt seit fast acht Monaten in Deutschland. Einen ersten Deutschkurs hat der 31-Jährige bereits bei der VHS erfolgreich abgeschlossen, für einen weiteren, so sagt er, fehle ihm jedoch das Geld.

Während beide bei einem bescheidenen Mahl — Hummus mit Fladenbrot — in der mit Stockbetten und Spindschränken ausgestatteten Unterkunft sitzen und ein wenig erstaunt ob der plötzliche Aufmerksamkeit von dem Sparbuch-Intermezzo berichten, schwebt eine nie auszublendende Bürde über ihnen: Was wird die Zukunft für sie und ihre Familien bereit halten? So schnell wie möglich wieder einen Beruf auszuüben, steht auf ihrer Wunschliste ganz oben. Und natürlich auch die Verwandten und Freunde aus der alten Heimat in Sicherheit zu wissen, um wieder unbeschwert mit ihnen lachen zu können.

Letzteres kann unterdessen der Besitzer besagten Sparbuchs: Er erschien wenig später bei der Polizei und nahm das Büchlein samt wertvollem Inhalt mit größter Erleichterung wieder entgegen.

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