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Spektakuläre Kriminalfälle: Vereinsmensch, Nachbar – Serienmörder

Spektakuläre Kriminalfälle : Vereinsmensch, Nachbar – Serienmörder

Ein unauffälliger Altenpfleger erdrosselte zwischen 1983 und 1990 fünf junge Anhalterinnen. Erst 18 Jahre später konnte er überführt werden. Es folgte ein dramatischer Prozess in Aachen. Teil 3 unserer Serie über spektakuläre Kriminalfälle in der Region.

13 Prozesstage, 87 Zeugen und vier Nebenkläger lassen anno 2008 im überfüllten Schwurgerichtssaal des Aachener Landgerichtes selbst Deutschlands hartgesottenste Gerichtsreporter erschaudern. Auf der Anklagebank sitzt im April und Mai dieses Jahres Egidius Sch., 52 Jahre alt, ein fünffacher Sexualmörder, dessen rundes Gesicht angesichts des Blitzlichtgewitters von fünf Kamerateams und einem Dutzend Fotografen ungläubige Züge bekommt. Sein mausgrauer Pullunder scheint farblich mit seinem Vollbart abgestimmt, an der rechten Hand sein Trauring aus dritter Ehe.

Zwischen 1983 und 1990 hatte der langjährige Versicherungskaufmann und Altenpfleger fünf junge Anhalterinnen in der Region misshandelt und qualvoll erdrosselt. Strangulierungswerkzeuge, Fessel und Klebebänder lagen stets griffbereit im Auto. Ein späterer DNA-Abgleich führte erst 24 Jahre nach der ersten und 18 nach der letzten Tat zu seiner Festnahme. Zuvor war der Mörder vermeintlich unbescholten hinter bürgerlicher Fassade abgetaucht.

Die Grausamkeit seines Vorgehens macht die Verhandlung im Gerichtssaal A0.020 des Landgerichts Aachen zur Kulisse des Entsetzens. Mit stoischem Ausdruck sitzt der 100 Kilo schwere, 1,90 Meter große Mann neben seinem gewieften Aachener Strafverteidiger Rainer Dietz. Verfolgt wird er von den bohrenden Blicken der Menschen, denen Sch. vor so langer Zeit die Tochter, die Schwester, die Enkelin, die Lebensgefährtin, in einem Fall die Mutter genommen hat. Für die Angehörigen wird ab sofort das qualvolle Sterben ihrer Liebsten, das sich viele Jahre wie ein Alptraum über ihr Leben gelegt hatte, unerträglich konkret.

Idylle am Wendehammer

Konsterniert erleben sie das Ende eines Doppellebens hinter bürgerlicher Fassade. Vor seiner Haftzeit hatte der Angeklagte, Vater eines achtjährigen Jungen, nebst Ehefrau im kleinen Elmpt gewohnt, einem Ortsteil von Niederkrüchten im Kreis Viersen, am Wendehammer einer Spielstraße in einem schmucken Reihenhaus mit Garten und Terrasse, Kinderwippe und Grill. Im Zuschauerraum des Schwurgerichts kann es sein ehemaliger Vermieter immer noch nicht fassen: „Der war doch total korrekt und freundlich.“ Auf seinen Wunsch hin habe er „sogar einen Baum in seinem Garten gefällt, damit ich mehr Licht bekomme", erinnert sich ein Nachbar. Beliebt war der hilfsbereite Mann auch als Hobbyfußballer sowie im Tennis- und Kegelclub. Niemand ahnte, dass im Keller der Einfamilien-Idylle eine schalldichte Folterkammer für das Sado-Maso-Paar eingerichtet war. Und erst recht ahnte niemand, dass der Familienvater das Leben von fünf jungen Frauen auf dem Gewissen hatte.

Der abgetauchte Serienmörder konnte sich im beschaulichen Elmpt sicher fühlen. Für seine Taten quer durch die Region gab es keine Zeugen, offensichtlich auch keine Spuren – so glaubte er. Vermutlich wird Egidius Sch. 1997 entspannt daheim den Beitrag von „Aktenzeichen XY“ gesehen haben, als nach ihm via TV gefahndet wurde. Die bürgerliche Kulisse hielt stand.

Der Angeklagte und der Staatsanwalt, gezeichnet: Ralf Bücker verliest am 16. April 2008 seine Anklageschrift. Er wirft Egidius Sch. fünf Morde vor – 18 Jahre nach der letzten Tat.
Der Angeklagte und der Staatsanwalt, gezeichnet: Ralf Bücker verliest am 16. April 2008 seine Anklageschrift. Er wirft Egidius Sch. fünf Morde vor – 18 Jahre nach der letzten Tat. Foto: dpa/A9999 DB Cony Theis

Bis dem Schwerverbrecher seine Leidenschaft für Kupfer zum Verhängnis wurde. Bei einem Diebstahl im März 2007 wurde Sch. auf einem Heinsberger Schrottplatz ertappt und ließ sich freiwillig DNA entnehmen, er fühlte sich halt sicher. Fünf Monate später wurde bei Auswertung der Daten durch das Landeskriminalamt der Dieb zum mutmaßlichen Mörder der Fachoberschülerin Angelika S. Sie war das einzige Opfer, an dem der hünenhafte Mann durch seinen Samen genetische Spuren hinterlassen hatte. Am Wendehammer in Elmpt fuhren Polizeiwagen vor, Sch. ließ sich widerstandslos festnehmen.

Die Schicksale der Opfer

Eine Stecknadel könnte man fallen hören, als Staatsanwalt Ralf Bücker das Schicksal der 17-jährigen Angelika schildert, die die nimmermüden Ermittler auf die Spur ihres Mörders gebracht hatte. Das Opfer war nach einem Besuch der Disco „Rockfabrik“ in Übach-Palenberg auf dem Heimweg als Anhalterin zu Sch. eingestiegen. Wortlaut der Anklage: „Er fuhr mit ihr bei Geilenkirchen zu einem Waldweg, wo er sie überwältigte, ihr Handschellen anlegte und dann gewaltsam den Geschlechtsverkehr ausführte. Anschließend fuhr er mit dem gefesselten Opfer weiter. An einem Waldweg zwischen Hochheid und Süggerath hielt er erneut an und erdrosselte Angelika S. Die Leiche trug der Angeschuldigte durch dichtes Unterholz in das angrenzende Waldstück und legte sie dort ab. Mit Ausnahme des BH und der Socken entkleidete er das tote Mädchen vollständig und nahm die Kleidungsstücke mit.“

Regungslos folgt Egidius Sch. auch den bestialischen Tatdetails, denen die anderen vier jungen Frauen zum Opfer gefallen waren. Marion G. (18) zertrat im Todeskampf die Windschutzscheibe, an ihren Schuhen konnten Glassplitter festgestellt werden. Sabine N. (30) wurde mit einem Nylonstrumpf geknebelt, auch Andrea W. (15) und Marion L. (18) wurden gefesselt und zum Teil stundenlang im Wagen herumgefahren, bevor er sie vergewaltigte und ermordete.

Dem Prozessauftakt folgt ein Paukenschlag. Völlig überraschend widerruft der Angeklagte über seinen Anwalt sein Geständnis gegenüber der Polizei. Unter den ungläubigen Blicken des Vorsitzenden Richters Gerd Nohl entwickelt Dietz ernsthaft die Version, sein Mandant sei bei der Festnahme sexuell erregt worden, „weil ihm Schläge und Haft angedroht wurden“. Nur deshalb habe er gestanden, so der Anwalt. „Eine Schmierenkomödie“, ruft Staatsanwalt Bücker und springt auf. „Ein in der Welt der Psychiatrie einzigartiges Phänomen“, wirft der Vorsitzende Richter spöttisch ein.

Wohl selten hat ein Schwurgericht so viele weinende Prozessbeteiligte erlebt, Angehörige und Zeugen. Der Jäger, der Landwirt, der Beerensammler, die Spaziergänger, die die unbekleideten Leichen in Gebüschen fanden, zum Teil absurd verrenkt, mit verzerrten Gesichtern. Beate S. erzählt von den Talenten und der Spontaneität ihrer Schwester Angelika. „Mit Sicherheit hat sie sich gewehrt“, sagt sie unter Tränen. Doch Abwehrspuren wurden nicht gefunden. Sch. sei ein Täter gewesen, „der seine Opfer beherrscht“ habe, so die Ermittler.

Für die Angehörigen schier unerträglich, pocht der Angeklagte darauf, „noch nie einer Frau etwas angetan zu haben“. Sein Sperma an Angelikas Leiche? Antwort: „Zufall. Ich habe damals mit vielen Anhalterinnen geschlafen. Ich war ein Frauentyp.“ Nebenkläger Sven P. hält es nicht mehr auf seinem Platz und er ruft: „Was Sie da fantasieren, ist der pubertäre Wunschtraum eines Möchtegern-Landstraßen-Casanovas.“

Weitere Indizien? Das Taschentuch mit dem eingestickten E für Egidius, mit dem sein Opfer Sabine N. (30) erdrosselt wurde? „Zufall“, entgegnet Sch. unbeirrt. Die Glassplitter seiner Windschutzscheibe an den Schuhen von Marion G. und die entsprechende Reparaturrechnung einer Autowerkstatt, die kurz nach dem Mord ausgestellt wurde? Ungerührt kontert der Angeklagte: „Wäre ich der Täter, dann hätte ich die doch weggeworfen.“

Seine Eiseskälte löst bei den Angehörigen Wut und Fassungslosigkeit aus. Selbst sein Anwalt räumt im Interview auf dem Gerichtsflur ein: „Die Angehörigen wollen ein Geständnis, Reue und natürlich einen Schlussstrich ziehen. Dieses Szenario tritt bislang nicht ein. Dafür habe ich Mitgefühl.“

Der große Auftritt des Anwalts

Dennoch forciert Rainer Dietz das Nervenspiel vor Gericht aufs Äußerste. Dass der Angeklagte die Polizei zu den Fundorten freiwillig selbst geführt habe, bezweifelt er: „Da spielte die Kripo eine große Rolle.“ Über die Medien kündigt er am Vorabend des letzten Prozesstages einen Antrag auf Aussetzung der Hauptverhandlung an. Zum einen hätten die Ermittler ein fremdes Schamhaar an der Leiche von Angelika S. nicht hinreichend berücksichtigt. Zum anderen sei er im Mordfall Andrea W. über einen Privatdetektiv in Besitz des „Spurenordners 86“ gekommen. Darin fände sich ein tatverdächtiger Glasermeister aus Herzogenrath-Merkstein, der sich vor seiner Überführung mit E 605 das Leben genommen habe. Das müsse dringend „eingehend geprüft“ werden.

Genervt blättern Richter Gerd Nohl und Staatsanwalt Ralf Bücker im „Spurenordner 86“ und finden „auf den ersten Blick nur Unerhebliches“. Die Stimmung des Vorsitzenden, der von der anwaltlichen Nebelkerze erst kurz vor dem Urteilsspruch aus der Zeitung erfahren hat, geht gegen null. Er vertagt die Entscheidung über den Antrag und damit auch das Urteil.

Großer Andrang im Aachener Justizzentrum: Zuschauer und Reporter warten darauf, in den Verhandlungssaal gelassen zu werden.
Großer Andrang im Aachener Justizzentrum: Zuschauer und Reporter warten darauf, in den Verhandlungssaal gelassen zu werden. Foto: MHA/Ralf Roeger

Rainer Dietz, heute in anderen schillernden Prozessen unterwegs, unter anderem als Anwalt von Fußballer Anthony Modeste oder der Familie der toten Marinekadettin Jenny Böken, die unter mysteriösen Umständen auf der Gorch Fock vom Mast fiel, reizt seine konstruiert wirkenden Zweifel bis ans Ende aus. Mit wehender Robe ruft er durch den Saal: „Man kann mir weiterhin Drohbriefe schreiben und mir mitteilen, dass ich an der nächsten Brücke aufgehängt werde – mein Mandant ist nicht der Täter. Er ist unschuldig. Ich plädiere auf Freispruch.“

Auch das Publikum murrt. Doch die TV-Quote des eloquenten Rechtsanwaltes dürfte hoch sein. Das letzte Aufbäumen der Verteidigung bewerten Nebenkläger und Staatsanwalt als „abstoßende, ekelerregende Argumentation“. Richter Nohl spricht Dietz den „Respekt vor der Würde des Menschen“ sowie eine „jegliche Seriosität vermissende Strategie“ ab.

Der Anwalt keilt zurück, das Gericht beende das Verfahren „nur oberflächlich unter dem Motto Augen zu und durch“. Es gebe „erhebliche Beweislücken“. Seine Verschwörungstheorie gibt allen anderen die Schuld, nur nicht seinem Mandanten. Der psychiatrische Gutachter sei „voreingenommen“, die Kriminalpolizei habe seinem Mandanten kein rechtliches Gehör gegeben und mit Folter gedroht. Die Staatsanwaltschaft habe sich im Fall Andrea W. nicht an der Suche nach einem Alternativtäter wie dem Glasermeister beteiligt. Die Rechtsmediziner verdächtigt Dietz, „Daten gelöscht zu haben“.

Tod in der Zelle

Nohls Halsschlagader vibriert, ansonsten bleibt er äußerlich emotionslos. „Machen Sie keine Gerichtsshow oder Kirmes“, wirft er dem Anwalt entgegen. Für ihn bleiben die ursprünglichen Geständnisse des Angeklagten glaubwürdig. Er habe dabei auch Täterwissen offenbart („Andrea war schwarz gekleidet“). Der Vorsitzende Richter verurteilt Egidius Sch. am 19. Augus 2008 zu lebenslänglich mit besonderer Schwere der Schuld.

 Mehrere Fernsehteams sind beim Auftakt des Prozesses gegen den Sexualmörder Egidius Sch. ebenso dabei wie Gerichtsreporter aus ganz Deutschland.
Mehrere Fernsehteams sind beim Auftakt des Prozesses gegen den Sexualmörder Egidius Sch. ebenso dabei wie Gerichtsreporter aus ganz Deutschland. Foto: Zeitungsverlag Aachen/Michael Jaspers

Gut zehn Jahre nach dem Urteil, am Sonntag, 22. Juli 2018, wird der inzwischen 62-jährige Serienmörder tot in seiner Zelle der Justizvollzugsanstalt Bochum aufgefunden. Es habe sich weder um Suizid noch um Fremdeinwirkung gehandelt, sondern um einen Unfall, teilt ein Polizeisprecher mit. Offenbar bei einem masochistischen Sexspiel sei der Häftling an zu starken Stromschlägen gestorben, die er nicht mehr in den Griff bekommen habe. Die Sicherung im Stromnetz der JVA flog unerklärlicherweise nicht heraus, so Anwalt Dietz. Etwa 20 Minuten lang muss der Mörder qualvoll gestorben sein, vermuten die Ermittler.