Münster/Geilenkirchen: Urteil um Tod auf „Gorch Fock”: Ernüchterung und eine Kampfansage

Münster/Geilenkirchen : Urteil um Tod auf „Gorch Fock”: Ernüchterung und eine Kampfansage

Am Ende eines mehr als zwölfstündigen Prozesstages um den noch immer rätselhaften Tod der „Gorch Fock”-Kadettin Jenny Böken vor acht Jahren steht Ernüchterung und eine Kampfansage. Auch wenn sie nach dem Urteil des Oberverwaltungsgerichts Münster am Mittwoch im Streit um eine Entschädigungszahlung von 20.000 Euro leer ausgingen, wollen ihre Eltern nicht aufgeben.

Für sie ist es ein Kampf David gegen Goliath. Sie wollen weitermachen in diesem Ringen um Antworten auf die Frage, was genau geschah in dieser verhängnisvollen Septembernacht, als ihre Tochter über Bord des Segelschulschiffes der Bundeswehr ging und ertrank. Seit dem Fund der Leiche in der Nordsee elf Tage danach zweifeln die Eltern daran, wovon die Staatsanwaltschaft überzeugt ist: dass der Tod der jungen Frau aus Geilenkirchen ein tragischer Unfall war.

Für Marlis und Uwe Böken tun sich noch immer zu viele Fragen auf: War Jenny gesund genug, um Wachdienst zu schieben? Tragen Dritte Schuld am Tod ihrer Tochter? Was wusste der Schiffsarzt über ihre von allen Zeugen bestätigte Neigung überall einzuschlafen? Die Zeugenaussagen in Münster sind für das Gericht eindeutig, auch wenn bei Fragen nach der Gesundheit der Kadettin an einer Stelle Aussage gegen Aussage steht.

Die damalige Sanitäterin schildert den Fall anders als der Schiffsarzt der „Gorch Fock”. Auch gibt es Ungereimtheiten um eine Krankenakte, in die die Sanitäterin ihre Beobachtungen eingetragen haben und über die sie mit dem Schiffsarzt gesprochen haben will. Anwalt Rainer Dietz kündigt am Donnerstag an, Anzeige gegen den Schiffsarzt zu erstatten wegen des Verdachts der Falsch-Aussage vor Gericht. Böken habe zwar Unterleibsprobleme gehabt, sagte der Arzt am Mittwoch vor Gericht, sei aber am Unglückstag nahezu beschwerdefrei gewesen. Etwas anderes habe er von der Sanitäterin nicht gehört.

Die Bökens fühlen sich im Stich gelassen von der Justiz. Versuche, den Schiffsarzt zur Verantwortung zu ziehen, scheiterten bislang. An die Verhandlung vor dem Oberverwaltungsgericht in Münster am Mittwoch hatten sie sich daher wie an einen Strohhalm geklammert. Und zwar nicht wegen der Entschädigungszahlung von 20.000 Euro, um die es ging. „Das ist mir ganz egal”, betonte Vater Uwe Böken.

Vielmehr hätten sie das Verfahren angestrebt, in der vagen Hoffnung, dass die geladenen Zeugen „die Mauer des Schweigens durchbrechen” würden, wie ihr Anwalt Rainer Dietz es nannte. Zumindest hofften sie auf die Chance, die vielen Ungereimtheiten der Todesumstände offenzulegen, um die Staatsanwaltschaft doch noch zu Ermittlungen zu bringen.

Allzu hohe Erwartungen dämpfte der Vorsitzende Richter Hans-Jörg Holtbrügge direkt zum Auftakt: In dem Berufungsverfahren gehe es allein um die Entschädigungsklage der Eltern nach dem Soldatenversorgungsgesetz. Es sieht Zahlungen an Hinterbliebene vor, wenn ein Soldat in einem besonders lebensgefährlichen Dienst ums Leben kommt - aber eben nur dann.

Die besondere Lebensgefahr konnten die Richter auch nach acht Zeugenaussagen und vielen Nachfragen aber nicht erkennen. Das Schiff habe ruhig und stabil im Wasser gelegen. Das Wetter habe keine besondere Sicherung notwendig werden lassen. Auch Jennys Gesundheitszustand habe nicht gegen die Borddienstfähigkeit gesprochen. Die Klage werde abgewiesen, ohne Revisionsmöglichkeit.

Der Himmel klar, die See relativ ruhig - so erinnerten sich im Zeugenstand auch zwei ehemalige Kameradinnen an die Nacht. An Bord sei immer wieder Thema gewesen, dass Böken häufiger einfach so einnickte. Einzelheiten wussten sie nicht mehr, manches in ihren Aussagen wich ab von dem, was sie bei früheren Vernehmungen angegeben hatten. „Das Schiff lag sehr stabil im Wasser, ruhig”, gab auch der damalige Kommandant Norbert Schatz zu Protokoll. Es habe keinen Anlass gegeben, Schwimmwesten oder andere Sicherungen anzulegen.