Aachen/Gangelt: Urteil im Missbrauchsfall in Gangelt: Lange Haftstrafen für Pädophile

Aachen/Gangelt : Urteil im Missbrauchsfall in Gangelt: Lange Haftstrafen für Pädophile

Auch am letzten Prozesstag tragen die Angeklagten ihre Kapuzenpullover, wie sie es immer in den letzten Wochen getan haben. Die Kapuzen geben ihnen immer die Möglichkeit, sich abzuschirmen. An diesem Freitagmorgen sind Patrick B. und Marc R. das letzte Mal den Blicken der Öffentlichkeit ausgesetzt. Für viele Jahre werden die beiden Pädophilen nun verschwinden, sie müssen lange Haftstrafen antreten.

Am Freitagmorgen verurteilt die 5. Strafkammer des Aachener Landgerichts Patrick B. aus Gangelt zu einer Gefängnisstrafe von 13 Jahren und zehn Monaten, Marc R. soll für zwölf Jahre und zehn Jahre ins Gefängnis wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen, besonders schwere Vergewaltigung, vorsätzliche Körperverletzung und den Besitzes von kinderpornografischer Schriften.

Eine souveräne Richterin

Die Kammer bleibt nur knapp unter den Anträgen von Staatsanwältin Deborah Hartmann. Nach Überzeugung des Gerichts haben die Angeklagten über einen langen Zeitraum den Sohn von Patrick B. missbraucht. Der Niederländer wurde zudem verurteilt, weil er sich auch an seiner Nichte vergangen haben soll. Die Mütter der beiden Kinder verfolgten fassungslos und laut schluchzend die Urteilsverkündung. Die Frau von Patrick B. hat sich vor ein paar Tagen scheiden lassen, erst im Laufe des Verfahrens hatte sie vom Martyrium ihres heute vier Jahre alten Sohnes erfahren.

Für die beiden Verurteilten wird die anschließende Sicherungsverwahrung angeordnet, die ultimative Möglichkeit des Staates, die Allgemeinheit vor gefährlichen Straftätern zu schützen. Pädophilie ist nach Stand der Wissenschaft nicht heilbar, es gibt kein Erklärung dafür, wie die Störung entsteht. Schätzungen zufolge sind in Deutschland etwa 200.000 Männer betroffen.

Die souveräne Richterin Regina Böhme machte in ihrer Urteilsbegründung keinen Hehl daraus, dass dieses Verfahren für alle Beteiligten „kaum zu ertragen“ gewesen sei. Auf den nicht-öffentlich gezeigten Bildern und Videos ist minutenlang der skrupellose Missbrauch des Sohnes zu sehen. Zu hören waren die Schmerzen des Kleinkindes, seine Versuche, sich dem Peiniger, der sein eigener Vater ist, zu entziehen. Böhme sagt, dass sie in den letzten Wochen oft gefragt worden sei, wie sie das Verfahren aushalte. Ihre Antwort: „Wir mussten uns diesen unvorstellbaren Missbrauch ansehen, aber die Kinder mussten ihn ertragen. Und sie hatten keine Möglichkeit, sich ihm zu entziehen, sie hatten keine Chance, dem Missbrauch zu entkommen.“ Die Kammer habe vergeblich nach Erklärungen gesucht.

Belastungsmaterial aus Portugal

Als die Richterin das Urteil verkündet, verhalten sich die Angeklagten wie an den Tagen vorher. Patrick B. wimmert wieder leise vor sich hin, Marc R. macht sich eifrig Notizen. Sie blicken nicht auf. Die beiden Männer waren gemeinsam angeklagt, aber an den vielen Verhandlungstagen gab es nie einen Dialog oder auch nur einen flüchtigen Kontakt zwischen den beiden. Sie sind Zufallsbekannte, sie haben sich vermutlich Ende 2014 in einem Kinderpornografie-Chat kennengelernt. Marc R. und Patrick B. sind nur durch Querverbindungen enttarnt worden, weil auch die Fahnder europaweit vernetzt sind. Sie stellten belastendes Material bei einem anderen Beschuldigten aus Portugal sicher, so kamen sie den Angeklagten auf die Schliche. Marc R. ist einschlägig vorbestraft und damit aktenkundig. Er wurde schließlich in einem kleinen Örtchen in Dänemark aufgestöbert und festgenommen. Der 31-Jährige stand noch unter der Führungsaufsicht des Gerichts, als er wieder rückfällig wurde.

Die Anklage der Aachener Staatsanwaltschaft umfasst Dutzende Fälle, aber niemand vermag zu sagen, ob sie komplett ist. Selbst im Laufe des Verfahrens wurde die Anklage gegen Patrick B. noch einmal um acht Fälle erweitert, nachdem ein sichergestellter Rechner ausgewertet wurde. Folgt man den Einlassungen des Niederländers, weiß er selbst nicht, in wie vielen Chats er unter wie vielen Decknamen jahrelang unterwegs war.

Revision angekündigt

Dieser Fall war so detailliert und gleichzeitig so abstoßend, weil die Gräueltaten von den Angeklagten festgehalten wurden. Die Videoaufnahmen und damit auch die Beweislage waren eindeutig. Am Ende konnten die Pflichtverteidiger Theo Depenau (Patrick B.) und Jürgen D. Schüttler (Marc R.) nur darauf hinweisen, dass ihre Mandanten therapiewillig seien, sie baten um ein angemessenes Urteil. Schüttler wollte vor allem die Sicherungsverwahrung verhindern. Nach seinen Worten sei sein Mandant „auf einen fahrenden Zug nur aufgesprungen“.

Richterin Böhme nahm das Bild in ihrer Urteilsbegründung mit auf. „Er ist ins Lokomotivhaus gesprungen und hat ordentlich mitgefeiert.“ Sie beschrieb die Angeklagten als empathie- und skrupellos. „Es war menschenverachtend.“ Dem kleinen, heute vier Jahre alten Sohn von Patrick B., der als Nebenkläger in dem Verfahren aufgetreten war, wurde ein Schmerzensgeld von 20 000 Euro zugesprochen, orientiert an den finanziellen Möglichkeiten der beiden Männer in den nächsten Jahren. „Das kann kein finanzieller Ausgleich, sondern nur ein kleines Zeichen sein“, sagte Richterin Böhme.

Die Verteidiger kündigten Revision gegen das Urteil an.

(pa)
Mehr von Aachener Zeitung