Unsere Unicef-Aktion „Hilfe für die Klimaopfer“: Unterricht in einem Klassenzimmer ohne Dach

Unsere Unicef-Aktion „Hilfe für die Klimaopfer“ : Unterricht in einem Klassenzimmer ohne Dach

Unsere Unicef-Serie: Auf den Spuren des Klimawandels in Mosambik besuchten unsere Reporter eine vom Zyklon Idai zerstörte Schule, in der trotz widriger Umstände begeistert gelernt wird.

Die mathematische Formel auf der Schiefertafel der Klasse 8 der staatlichen Schule „25. Junho“ ist von den hinteren Schulbänken kaum zu erkennen. Im gleißenden Sonnenlicht fließt die Schrift davon. Schutz von oben kennt dieser Raum der führenden Lehranstalt (4900 Schüler) in der Hafenstadt Beira nicht – weder bei Sonne noch bei Regen. Das Dach wurde am 25. März von Zyklon Idai weggefegt. Und der Blick gen Himmel ist immer noch frei, wie in 17 weiteren Klassenräumen auch. Zudem klaffen in den Fenstern riesige Löcher, die Scheiben sind herausgesprungen.

69 Lehrer unterrichten in der skelettierten Szenerie in drei Schichten von morgens 6 bis abends um 18 Uhr. Oft müssen sich die Mädchen und Jungen zu viert auf eine Bank quetschen. „Aber wir sind froh, wenn wir den Schülern überhaupt einen Unterricht anbieten können“, sagt der stellvertretende Schuldirektor Joaquim Dique Joao, der uns herzlich empfängt. Doch die Witterung macht den Lehrern und Schülern bisweilen einen Strich durch die Rechnung: „Im Schnitt zwei- bis dreimal pro Monat müssen wir die Schüler wegen Regens oder Hitze nach Hause schicken“, sagt Joaquim, 51, ein schmächtiger Mann mit leiser Stimme.

Wir besuchen die 12- bis 13-Jährigen an einem Freitag, nahezu zeitgleich demonstriert in Deutschland dieselbe Generation bei Fridays for Future. „Nein, von den Klima-Diskussionen in Deutschland und Europa bekommen die Kinder hier nichts mit, dafür aber sehr wohl von der gestiegenen Heftigkeit der Zyklone“, sagt Dique – und grüßt die jungen Aktivisten in Deutschland: „Macht weiter so!“ Denn er selbst ist überzeugt: „Die Zeiten haben sich geändert. Die Hitze ist größer geworden. Im Moment, Anfang November, sind es 40 Grad – total anormal.“ Vor allem aber habe die „unvorstellbare Stärke der Zyklone zugenommen“.

Sein Erleben deckt sich mit den Daten der US-Ozeanbehörde NOAA. Demnach haben die Zyklone der höchsten Kategorien 4 und 5 seit 1980 um 60 bis 100 Prozent an Wucht zugenommen.

Um uns herum tobt das Pausenleben, wie es auf allen Schulhöfe dieser Welt toben kann. In einem anderen Klassenraum finden wir unter freiem Himmel Ruhe für ein Gespräch mit Dique, der grenzenlos enttäuscht ist von der ausbleibenden Wiederaufbauhilfe. „Die Regierung war zwar mal mit UN-Generalsekretär Antonio Guterres hier, aber passiert ist seitdem wenig.“

Unicef steht der Schule zur Seite. Das Kinderhilfswerk stellte vier Zeltschulen und Lehrmaterial zur Verfügung. „Wir haben dafür gesorgt, dass es zunächst weitergehen kann, damit die Schüler nicht zu viel Unterricht verpassen und schnell in ihren Alltag zurückkehren können“, sagt Unicef-Krisenmanager Daniel Timme.

Welchen Wert gerade letzteres hatte, weiß Schuldirektor Dique: „Viele Kinder und Jugendliche waren traumatisiert nach dem Ereignis. Die meisten hatten ihr Zuhause verloren, da gibt Gemeinschaft Halt.“ Noch heute würden manche Schüler „weinend davonlaufen, wenn nur etwas Wind kommt“, sagt der leitende Pädagoge, der monatlich 29.000 Metical (rund 400 Euro) verdient.

Wir nehmen an einem Mathe-Unterricht teil und sind beeindruckt von der Präsenz, Disziplin und Wachsamkeit der 12- und 13-Jährigen, obwohl die Ablenkungen groß sind. Seitlich spinksen andere Schüler durch die offenen Fenster, am Himmel meutert eine Vögelschar, die Sonne sticht. Wir fragen, wie die Kinder diesen Monster-Sturm mit 230 Stundenkilometern erlebt haben.

Rafina (13) steht auf, mit tonloser Stimme berichtet sie eher leise: „Unser Dach stürzte ein, hat meine Tante erschlagen, gleich neben mir. Unser Essen, der Reis, ist vom Wasser weggespült worden. Ich hatte so viel Angst.“ Sie setzt sich wieder. Alle beklatschen ihren Mut. Sie lächelt. Und spürt einen seltenen Glücksmoment

Hier geht es zur Bilderstrecke: Das Leben der Kinder von Mosambik nach dem Zyklon