Aachen: Unicef-Botschafterin Riemann eröffnet Ausstellung in Aachen

Aachen: Unicef-Botschafterin Riemann eröffnet Ausstellung in Aachen

Jeova ist acht Jahre alt. Er lebt in Brasilien und arbeitet in einem Steinbruch. Jeden Tag. Sein „Hammer”, mit dem er von morgens bis abends Gestein zu krümeligem Schotter zerschlägt: ein kugeliger Steinbrocken, der in einer Schlaufe aus dem Streifen eines alten Autoreifens steckt.

Jeova ist auf einem Auge blind, nachdem es von einem Splitter getroffen wurde. 20 Cent Stundenlohn bekommt der Junge für seine gefährliche Arbeit. Der Splitt, den er herstellt, braucht man für Wege in Parkanlagen - auch in Europa.

Manfred Kutsch, Redakteur unserer Zeitung, und seine Frau Silke haben Jeova sein Werkzeug abgekauft. Nun ist es neben einem Foto von Jeova Teil einer Ausstellung in der Sparkasse Aachen, die Mittwochabend von der Schauspielerin und Unicef-Botschafterin Katja Riemann eröffnet wurde.

Was ist Ihre Meinung zu der Ausstellung?

Riemann: Ich finde die Idee toll, Fotos mit Originalobjekten zusammenzubringen. Ich denke, das wird die Menschen sehr berühren. Diese Dinge wirken wie ein Beweis und sind eine Art von Brücke.

Was, glauben Sie, können Sie als Unicef-Botschafterin bewirken?

Riemann: Ich hoffe dazu beitragen zu können, ein Bewusstsein zu schaffen für Dinge, die fern von uns passieren. Und ein Künstler hat möglicherweise eine höhere Glaubwürdigkeit als andere. Ich muss das ja nicht machen, aber ich finde, dass es notwendig ist, Bewusstsein zu schaffen - auch Berührungsängste zu nehmen.

Gut 300 Gäste wurden begrüßt von Sparkassen-Vorstand Norbert Laufs und Bernd Mathieu, Chefredakteur unserer Zeitung, der in eindringlichen Worten die zukunftsweisend wichtige Arbeit von Unicef betonte.

„Andere Kinderwelten” heißt die Präsentation von Objekten aus aller Welt, anfangs zusammengetragen als persönliche Erinnerungsstücke an Projektreisen, die Manfred und Silke Kutsch in Zusammenarbeit zwischen Unicef Deutschland und unserer Zeitung 18 Mal zu den Brennpunkten der Welt führten. In Bildern und Berichten dokumentierten sie, was es heißt, eine Kindheit im Krieg, auf der Flucht, in Elend und Armut, im ständigen Überlebenskampf zu bewältigen. Aus den Erinnerungsstücken ist über die Jahre eine ganze Sammlung geworden - und längst ganz gezielt vorangetrieben. „Wir versuchen, mit den Exponaten weltweite Probleme so herunterzubrechen, dass sie fühlbar und konkret fassbar werden”, erklärt das Paar.

Beschwerlicher Marsch

Van ist zwölf Jahre alt. Er lebt in einer Grenzregion zwischen Kam-bodscha und Thailand. Jeden Tag begibt er sich mit einem Bambusstab im Nacken und zwei großen Plastiksäcken an dessen Enden auf einen beschwerlichen Marsch, um im Nachbarland Gemüse zu kaufen - das können Kinder einführen, ohne Zoll zahlen zu müssen. Geschickt wird Van von Zwischenhändlern. Wie schwer der Junge zu tragen hat, davon kann man sich in der Ausstellung am Originalobjekt einen Eindruck verschaffen. Stumme Zeugen einer Kindheit...

Sie finden sich versammelt zu thematischen Bereichen wie Spiel, Kinderarbeit, Krieg, Gesundheit und Bildung. Mohammed in Sierra Leone wog mit zwei Jahren noch zweieinhalb Kilo, als seine Mutter sich mit ihm zu Fuß zur 20 Kilometer entfernten Krankenstation aufmachte.

Den Aluminiumbeutel mit der therapeutischen Milch, die Mohammed bekam, stellten Silke und Manfred Kutsch in einer ganzen Reihe von Beispielen dem Publikum vor. In der Schau liegt er sonst in der Vitrine neben einem Schulheft. Es stammt von Pius, damals neun, aus Uganda. Pius lebt nicht mehr, er starb an Aids. Manfred Kutsch erinnert sich noch sehr genau, wie stolz der Junge war, als er ihnen sein Heft übergab, stolz darauf, dass sich zwei Menschen aus dem fernen Deutschland so unverhofft für ihn interessierten.

Kinderschuhe aus dem Tsunamischlamm in Indonesien, der Schuhputzkasten von Marco (10) aus Brasilien, Abdulais (12) Sieb aus der Diamantenmine in Sierra Leone, Landminen aus Kambodscha und das Bild von Pan Sray (12) die von Unicef eine Beinprothese bekam - Kindheitsschicksale bekommen hier in Fotos und Originalgegenständen eine berührende, unter die Haut gehende Nähe.

25 Schulen waren am Mittwoch allein bei der Eröffnung vertreten, Manfred und Silke Kutsch werden zehn Mal Schulklassen durch die Ausstellung mit ihren 80 Exponaten führen, zahlreiche Infotafeln beschreiben den Hintergrund von Krieg und Flucht, Unterernährung und Kinderarbeit. In den nächsten drei Wochen erwartet die Sparkasse bis zum Ende der Ausstellung am 15. April 50.000 Besucher.

Dass Lebensfreude und Fantasie auch im tiefsten Elend nicht untergehen, das bezeugt zum Beispiel der aus Plastiktüten gebastelte Fußball aus Ruanda - wie ein Schimmer von Hoffnung.

Schüler der Aachener Grundschule Am Höfling steuerten eine eigene Vitrine bei: mit Spielzeug, dass sie aus Müll selbst gebastelt hatten.

Die Ausstellung in der Sparkasse am Elisenbrunnen ist bis 15. April montags bis freitags von 8.30 bis 18 Uhr, samstags von 9 bis 13 Uhr geöffnet.

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